Wenn die Schwanthalerstraße zur Fleet Street wird – „Sweeney Todd“ im Deutschen Theater (Kritik)

Die Bühne ist in dunkles Licht gehüllt, aus allen Ecken kommt Nebel. Das Bühnenbild, ein zweistöckiges Gebäude, ist schäbig und dreckig. Die Musik beginnt und es kommen Darsteller aus verschiedensten Richtungen. Sie laufen durch den Zuschauerraum auf die Bühne, wo sie sich zu einem schaurig schönen Ensemble zusammenfügen und das Publikum in der Welt des teuflischen Barbiers willkommen heißen. Das Musical Sweeney Todd feierte am 5. März 2020 Premiere im Deutschen Theater.

Die Atmosphäre passt perfekt und der Zuschauer taucht direkt ab in eine Schauergeschichte, sobald die Lichter gedämmt werden. Der untere Teil des Gebäudes auf der Bühne ist mit dreckigen Fließen ausgelegt, im oberen Teil knarren kaputte Holzdielen. Der Nebel auf der Bühne untermalt das Bild und die Atmosphäre gut, jedoch wird er so permanent eingesetzt, dass die Zuschauer in den ersten Reihen im Laufe des Stückes noch mit Atemschwierigkeiten zu kämpfen haben werden. Nichtsdestotrotz wird eine passende Stimmung erzeugt, in die sich auch die Darsteller gut einfügen.

© Petra Schönberger

Besonders in Ensemble-Szenen bzw. Liedern überzeugen die Künstler auf ganzer Linie. Es enstehen fantastische Bilder und die Stimmen des 12 Personen großen Ensembles mischen sich gut. Dafür gibt es  jedoch größere Schwächen in den solistischen Passagen. An diesem Abend geht leider nicht nur ein Ton daneben, Mehrstimmigkeiten in Duetten funktionieren nicht und manche Lieder wurden einfach nicht passend für die Sänger ausgewählt. Die gesanglichen Defizite katapultieren den Zuschauer immer wieder zurück in die Realität, weshalb einige der schönsten Momente ihren Zauber verlieren.

Matt Bateman in der Rolle des Adolfo Pirelli ist besonders überzeugend in dieser Inszenierung. Er spielt charmant mit dem arroganten Antagonisten zu Sweeney Todd und bringt die Zuschauer mehr als nur einmal zum Lachen. Auch gesanglich ist er neben Sarah Ingram, welche die Mrs. Lovett verkörpert der Höhepunkt des Abends. Beide setzen ihre Stimmen kompetent ein und wissen mit ihren Soli gut umzugehen. Auch die vierköpfige Band setzt sich trotz kleiner Besetzung gekonnt mit der Musik Stephen Sondheims auseinander und rettet so manchen Sänger vorm nächsten falschen Ton.

Durch die kleine Größe des Ensembles kommt es nicht nur zu nicht perfekt passenden Kombinationen aus Solo und Solist, sondern auch zu Verwirrungen auf der Bühne. Man muss sich bewusst machen, dass die Hauptcharaktere immer wieder als einfache Bürger im Ensemble auftauchen und in diesen Momenten aber nicht mehr ihre eigentliche Rolle verkörpern. So lässt sich Anthony zum Beispiel plötzlich den Bart von Pirelli rasieren oder Johanna taucht als biertrinkende Barbesucherin auf. Dies alles ist dem kleinen Ensemble geschuldet und kein größeres Problem, wenn man sich diese Tatsache vorher bewusst gemacht hat.

Ebenfalls etwas anders als sonst ist die Tatsache, dass circa 15 Zuschauer auf der Bühne Platz nehmen und dem Geschehen aus einem anderen Blickwinkel beiwohnen. Die Darsteller spielen gut mit diesem Publikum auf der Bühne und erzeugen spannende Momente, wenn sie in direkten Kontakt mit ihnen treten. Dennoch ist es für den Zuschauer von außen teilweise befremdlich, da diesen Personen auf der Bühne keine richtige Funktion zukommt und man auch mehr als nur einmal in verunsicherte und sich unwohl fühlende Gesichter schaut.

Der zweite Akt und somit der Aufbau der Spannung bis hin zum großen Höhepunkt und abschließendem Drama gelingt der Produktion extrem gut. Eine Szene in der Irrenanstalt wird durch Lichteffekte, Nebel und vor allem das Spiel der Darsteller so überzeugend schaurig, dass sich einem wirklich alle Härchen aufstellen. Der Effekt des spritzenden Bluts, wenn Sweeney Todd an seinen Kunden hantiert, gelingt ebenfalls gut und verursacht jedes Mal ein erschrockenes Gefühl im Zuschauerraum. Auch hier leiden jedoch die Zuschauer in den ersten Reihe auch wieder etwas mehr. Glücklicherweise werden sie jedoch vor Beginn des zweiten Aktes mit Regencapes gegen das spritzende Blut ausgestattet.

Alles in allem ist das Musical eine recht gelungene Inszenierung. Es gibt zwar einige Defizite, die man nicht verleugnen kann, dennoch entstehen immer wieder schöne Bilder und vor allem die Stimmung des Stückes überträgt sich gut in den Zuschauerraum und schafft so eine konstante schaurig-faszinierende Atmosphäre sowohl im Publikum als auch auf der Bühne.

Kritik: Rebecca Raitz