You Can‘t Bring Me Down – Suicidal Tendencies im Backstage (Konzertbericht)

Die Suicidal Tendencies gelten sowohl im Punk als auch im Metal als eine wegweisende Band mit lebendem Legenden-Status. Oft kopiert, doch nie erreicht, bilden sie seit dem Anfang des Crossovers ein klares Fundament des Genres. Im typisch mexikanisch angehauchten California-Flair haben sie fast jede Bühne dieser Welt bespielt und finden sich in jeder Skateboard-Playlist wieder. Auch nach mehr als 35 Jahren Bandgeschichte (zwischenzeitliche Pausen ausgenommen) und etlichen Besetzungswechseln bleibt sich die Truppe um Frontmann Mike Muir stets selbst treu und liefert sowohl auf der CD als auch live eine unverwechselbare Energie ab. Am Montag, 5. November 2018, gab es genau diese Energie im Münchner Backstage zu erleben:

Zum Einlass ist es noch recht still um das Backstage Werk, bis auf ein paar von weit her angereiste Fans und die eingefleischten Old-Schooler in voller Montur ist schlicht noch nicht viel los. Das könnte unter Umständen mit der Wahl der Vorbands zusammenhängen, denn wie genau findet man eine Vorgruppe für eine Band, die einen bunten Mix aus den gegensätzlichsten Genres auf ihre Flagge schreibt? Genau, man nimmt sich jeweils eines der Genres raus. Den Anfang machen Bale, die auch schon von Anfang an Vollgas geben. Leider vor einem nur spärlich gefüllten Werk liefern die Core-angehauchten Metaller einen spritzigen Start in einen vielversprechenden Abend. Zugegeben, hängen bleibt bei dieser Band nicht viel und auch das Publikum steht am Ende mit gemischten Gefühlen da, dennoch ein insgesamt solider Auftritt.

Was folgt liegt irgendwo zwischen Kunst und …Idiotie: The Idiots spielen Deutschpunk und das mehr als authentisch. Mit einem textlichen Repertoire, das fast jedes Punk-Klischee vom Fußball bis zur Politik abdeckt, brettern sie los. Mit jetzt schon legendären Ansagen, die hier aus Jugendschutzgründen nicht zwingend zitiert werden müssen, und einer „starken Einbindung des Publikums“, ob gewollt oder nicht, inklusive Ausflug quer durch die Halle, ein paar Plastik-Würste schwingend, hier wird einem etwas geboten. So muss eine Punk-Show aussehen, dennoch eine recht fragwürdige Wahl für eine Gruppe wie die Suicidal Tendencies.

Nun heißt es warten. Fast eineinhalb Stunden läuft abwechselnd HipHop und Crossover, von N.W.A bis Body Count, aber die Leute sind ja nicht hier, um einer Jukebox zuzuhören. Die Halle wird voller, es wird lauter, langsam steht man sich die Füße in den Bauch. Endlich bewegt sich etwas – und wie! Suicidal Tendencies sind keine Band, die dafür bekannt ist, langweilige Bühnenperformances abzuliefern, und das stellen sie hier eindrucksvoll unter Beweis. Mike Muir setzt vor jedem Song wie ein wilder Stier in einer Ecke der Bühne an, um mit dem Startschuss einmal quer über die Bühne zu sprinten, endend in seinem berühmten signature Move, der ein wenig so aussieht, als würde eine Schildkröte versuchen, Michael Jackson’s „Thriller“ zu tanzen. Was dieser Mann und seine Kollegen an diesem Abend für ein Laufpensum haben, gleicht einem Langstreckenmarathon. Wirklich beeindruckend, wie viel Bewegung sie aufs Parkett legen.

Musikalisch trifft rasanter Slap-Bass auf einen gut gelaunten Dave Lombardo, der am Schlagzeug immer wieder kurze Fills aus Slayer-Songs spielt – irgendwie scheint er das nach all den Jahren nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen. Die Suicidal Tendencies sind auf einem absoluten Formhoch, das ist wahrscheinlich einer der besten Auftritte seit Langem. Wie Tornados wirbeln die Crossover-Giganten über die Bühne. Dass hier niemand aufeinander prallt, ist wahrscheinlich das Ergebnis jahrelanger Übung. Ganz anders im Pit, denn dort geht es seit Minute Eins wild her und das sehr zur Freude der Band. Nachdem Jeff Pogan die Band nach zwei Jahren wieder verlassen hatte, musste natürlich ein Ersatz her und diesen mögen sie bitte behalten. Wie ein Wirbelwind hüpft der Aushilfsmann, der Ryan Reynolds Stunt-Double sein könnte, von Verstärker zu Verstärker, am Ende geht es sogar durch das Publikum zum FOH und wieder einmal quer durch den Mosh zurück auf die Bühne. Man merkt sofort: die Chemie stimmt. Mike Muirs Ansagen sind bestimmt und gleichen einem Motivationsmonolog, aber das geht absolut in Ordnung. Insgesamt etwa 100 Minuten pure Energie und Synergie zwischen Publikum und Band vergehen wie im Fluge. Zum Abschluss dürfen bereits zum zweiten Mal eine gute Menge Fans auf die Bühne, um gemeinsam mit der Band den Abend zu beenden.  Es ist ein Abend an dem wirklich alles zusammenpasst – bei wem hier noch Wünsche offen bleiben, dem ist nicht mehr zu helfen.

Das Fazit ist auch hier schnell gezogen: Über die Auswahl der Vorbands lässt sich bei einem Act, der sich in keine Schublade stecken lässt, immer streiten, allerdings konnte man sich auch im Vorprogramm nicht über die fehlende Unterhaltung beschweren. Suicidal Tendencies sind möglicherweise in der Form und vor allem Besetzung ihres Lebens, auch wenn Mike Muir als einziges Originalmitglied verbleibt. Was diese Jungs an Power, Präzision und Entertainment rausholen, schaffen wenige Bands heutzutage – und schon gar keine, die 38 Jahre Bandhistorie auf dem Buckel haben.

Bericht: Luka Schwarzlose