Spectral Mornings – Steve Hackett in der TonHalle (Konzertbericht)

Genesis sind ohne Zweifel eine der größten Bands der modernen Musikgeschichte, die sich leider bereits aufgelöst haben. Ihre einzelnen Mitglieder sind allerdings nicht inaktiv geblieben und haben auch mit ihren Solo-Projekten großen Erfolg. Neben den zwei Frontmännern Phil Collins und Peter Gabriel, die ohne Zweifel die erfolgreichsten Projekte hervorgebracht haben, gibt es noch Mike & The Mechanics, über die wir bereits letzte Woche berichtet haben, und Steve Hackett, der am Mittwoch, 24. April 2019, in der bestuhlten TonHalle München zu Gast war.

Steve Hackett stand schon zu Genesis-Zeiten immer für die Komplexität und Progressivität der Musik, eines der wohl wichtigsten Werke der Band aus dieser Zeit steht heute auch im Mittelpunkt des Abends, denn auf der Genesis Revisited Tour spielt Steve Hackett das gesamte „Selling England by the Pound“-Album. Außerdem steht die Tour auch ganz im Namen seines dritten Solo-Albums „Spectral Mornings“, welches dieses Jahr sein 40 jähriges Jubiläum feiert. Zusätzlich hat der fleißige Musiker auch im Januar mit „At The Edge Of Light“ ein neues Album auf den Markt gebracht, was wir uns bereits näher angehört haben und auch beim Konzert vorgestellt wird.

Gleich zu Beginn gibt es eine Mischung aus Spectral Mornings und den neuen Werken – man merkt gleich: im Vergleich zu Mike Rutherford ist Steve Hackett einfach ein Virtuose und Meister seines Instruments. Während bei Mike & The Mechanics Rutherford eher eine Nebenrolle einnimmt, steht Steve Hackett bei seiner Band klar und zurecht im Mittelpunkt. Mit sechsköpfiger Besetzung und gleich zwei Multi-Instrumentalisten wird hier eine Bandbreite an Klängen geboten, die Teils mehr an eine Show von King Crimson erinnern als an klassisches Genesis – wer hier für Lieder wie „I Can’t Dance“ gekommen ist, erlebt sein blaues, progressives Wunder. Nebenbei bemerkt ist die TonHalle in Teil- bis Vollbestuhlung ein wirklicher Genuss im Vergleich zu den oftmals sehr stickigen und definitiv nicht gekühlten Stehplatzveranstaltungen, auch der Sound ist heute, zumindest in ruhigeren Passagen, weit über dem durchschnittlichen Niveau der Halle. Nach 45 Minuten Steve Hackett-Songs und wirklich sympathischer Ansagen des fast 70-Jährigen gibt es erst einmal eine viertelstündige Pause, danach heißt es: Selling England By The Pound!

Setlist Akt 1: Every Day / Under The Eye Of The Sun / Fallen Walls And Pedestals / The Virgin And The Gypsy / Tigermoth / Spectral Mornings / The Red Flower Of The Tachai Blooms Everywhere / Clock – The Angel Of The Mons

Man merkt ab dem ersten Ton, dass gerade dieses Werk viele Besucher angelockt hat, was nicht verwunderlich ist, denn es gilt als eines der wichtigsten Werke des Progressive Rock. Während der Frontmann neben Steve Hackett im ersten Teil des Abends eher eine Backgroundgesangs-Funktion hatte und selten präsent im Mittelpunkt stand, gibt er dafür jetzt alles, was er hat. Das Outfit und die Gestik erinnern stark an die Rocky Horror Show und gibt dem progressiven Werk doch einen leicht humorvollen Touch, was hier mehr abrundet als es ins Lächerliche zieht. Sehr sympathisch! Nach sage und schreibe erneuten eineinhalb Stunden, einem gesamten Album plus „Deja Vu“, der Steve Hackett Fertigstellung eines Peter Gabriel-Songs, „Dance On A Volcano“ und der fulminanten Zugabe „Myopia / Los Endos“ erklingt der letzte Ton.

Setlist Akt 2: Dancing With The Moonlit Knight / I Know What I Like (In Your Wardrobe) / Firth Of Fifth / More Fool Me / The Battle Of Epping Forest / After The Ordeal / The Cinema Show / Aisle Of Plenty / Deja Vu / Dance On A VolcanoZugabe: Myopia / Los Endos

Das Fazit ist klar, denn es gibt wahrscheinlich nicht einen Besucher, der nach diesem Konzert unzufrieden den Saal verlässt (möglicherweise abgesehen von den Radio-Ära Genesis-Fans). Ein Feuerwerk der Musik, gekrönt von Steve Hacketts einzigartigem Gitarrenspiel und fulminanten Arrangements aus verschiedenen Blech- und Blasinstrumenten, Keyboards, Synthies, dem größtmöglichen Drumset und wahrlich beeindruckenden Gesangsharmonien, von denen man manchmal nicht glauben konnte, dass es tatsächlich live eingesungen wird.
Wer sich Progressive Rock auf die Fahne schreibt, darf diesen Ausnahmekünstler und seine Band beim nächsten Mal eigentlich nicht mehr verpassen. Ganz großes Kino!

Bericht: Luka Schwarzlose