Platz zum Träumen – Staubkind im Freiheiz (Konzertbericht)

Was soll man an einem wunderschönen Sommertag wie Freitag, den 11. Mai 2018, denn machen? Während am Vortag die gesamte Innenstadt voller Demonstranten gegen das neue Polizeigesetz der CSU war (bei dem wir selbstverständlich auch vor Ort waren!), ist der Drang zu ruhigeren Klängen und Aktionen mehr als gerechtfertigt. Wie wunderbar, dass Staubkind rund um den Berliner Louis Manke am hiesigen Tage im Freiheiz spielen, der Ziegelsteinhalle direkt an der Donnersbergerbrücke, die, inmitten von Neubauwohnungen, fast wie ein Fremdkörper wirkt. Innendrin ist es bestuhlt, die riesigen Staubkind-Buchstaben ragen schon von der Bühne. Gute Vorboten für einen besonderen Abend.

Bevor es mit dem Haupt-Act des Abends allerdings losgeht, folgt das Münsteraner Duo Ohrenpost, die von Manke persönlich angekündigt werden. Die beiden jungen Frauen, einmal Gitarristin und Keyboarderin Sarah und einmal Sängerin Chrissi, tragen mit großer Leidenschaft und Freude ihre deutschsprachigen Pop-Lieder vor und sind dabei sichtlich glücklich. Die Melodien sind einfach, aber einprägsam, der Gesang wenig abwechslungsreich und konstant, aber wirksam – zweckmäßig, wenn man es etwas bissig ausdrücken wolle. Wirklich problematisch sind allerdings nur die immens plakativen Texte, die aus einem Baukasten für emotionale Pop-Lieder stammen könnten. Da reihen sich die üblichen Geschichten über das Glücklich-, Auf-der-Suche- und Wir-waren-hier-Sein zwar in recht unbeholfenen, aber sympathischen Ansagen gut hintereinander ein, sind aber trotz des kurzen Sets von 30 Minuten quälend einfallslos. „Die immer gleichen Phrasen mit denselben Melodien“ heißt es da im letzten Song „Irgendwo da draußen“ – und doch, das trifft es dann eigentlich ganz gut.

Setlist: Die Suche / Unperfekt Perfekt / Wir waren hier / Schere, Stein, Papier / Glücklich sein / Irgendwo da draußen

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Die Umbauzeit verfliegt überraschend flott, sodass bereits um 20:40 Uhr die Lichter abermals erlöschen und das sechsköpfige Instrumental-Ensemble, bestehend aus den Band-Mitgliedern, Ersatz-Drummer Danny und den beiden Gast-Musikerinnen an Bratsche und Cello, nimmt seine und ihre Plätze ein. Frontmann und Mastermind Louis Manke stürmt nach dem kurzen Intro auf die Bühne und beginnt passend mit „Immer wenn es anfängt“ die Liederfolge des Abends. Gleich zu Beginn fällt der angenehm gut ausgeglichene Sound auf, die Instrumente sind gleichberechtigt abgemischt, nicht zu laut und genau passend für einen akustischen Abend – einzig und allein der Akustik-Bass geht ein wenig unter. Das Klangbild, das dabei entsteht, mag zwar insgesamt ruhiger, aber immer noch verhältnismäßig kräftig und treibend sein, denn mit vollem Drum-Set und dem dementsprechenden Ausnutzen davon steuert es einem reinen „Nur-Klavier“-Abend entgegen. Die Fans davon kommen aber auch auf ihre Kosten – „Wunsch frei“ und das beliebte „Kleiner Engel“ gibt es in der minimalistisch möglichsten Form.

Das außergewöhnlichste des Abends: die Atmosphäre, so klischeehaft und kitschig das auch klingen mag. Wenn Manke eine Ansage macht, ist es totenstill, kein Mucks zu hören, nur die Geschichten und Anekdoten, die er vorträgt, im Rahmen des lauschenden Publikums in der verhältnismäßig hohen und dadurch riesigen Freiheiz-Halle. Und dabei erzählt er von ulkigen Gestalten, die er in Berlin trifft, von seiner Zeit als Kinderpfleger oder einfach nur Momenten, die ihn in 14 Jahren Bandgeschichte geprägt haben. Fragwürdiger sind da eher die Ansagen für die Lieder, die dann letztendlich alle gleich klingen und durchgehend das Wort „Hoffnung“ mit sich tragen. Hoffnung, das ist aber eben auch das Haupt-Thema von Staubkind, völlig egal, ob damals in der Gothic-Zeit oder heute in der Pop-Rock-Phase. Träume, Hoffnung, das Weitergehen – Worte, die mehrfach und immer und immer wieder in den Songtexten auftauchen. Und letztendlich klingen alle Texte dadurch, dass fast alle den gleichen Topos mit sich tragen, wahnsinnig gleich, aber glücklicherweise nicht ganz so im Prinzip eines primitiven Baukastens wie beim Support-Duo. Staubkind haben sich im Laufe ihrer Karriere einen eigenen Baukasten gebaut, aus dem immer wieder geschöpft wird – wobei sich da äußerst gerne einmal mehr neue Themen und Wörter verirren dürften.

Musikalisch gibt es einen Rundumschlag der letzten drei Alben, die ersten beiden werden vernachlässigt. „Früher waren wir ja alle etwas dunkler drauf“, sagt Manke. Eine andere Zeit, eine andere Ära. „Und dann hat der Graf von Unheilig uns mit auf Tournee genommen“. Der Wendepunkt in der Karriere – ein größeres Publikum, mehr Möglichkeiten, mehr Perspektiven. Die Chance wurde genutzt, die Chartpositionen sprechen für sich, die letzten beiden Studio-Alben landen auf Platz #8. Und dabei ist die musikalische Entwicklung zu ruhigeren und poppigeren Arrangements und Texten nicht nur Unheilig zu verdanken, sondern gefühlt auch Manke selbst. Die Musik, der er jetzt auf die Bühne bringt, ist genau die, die er persönlich auch jetzt gerade darbieten möchte. Wenn dabei weiterhin Perlen wie „Das Beste kommt noch“ herauskommen, dann darf es gerne so weitergehen. Das Münchner Publikum jubelt jedenfalls um 22:55 Uhr nach über zwei Stunden Programm lautstark. Und am Ende kommt Louis dann doch an den Merch, genauso wie damals – so viel hat sich also doch nicht geändert.

Setlist: Immer wenn es anfängt / Angekommen / Deine Zeit / An jedem einzelnen Tag / Lauter leben / Halt dich fest / Fliegen lernen / Kleiner Engel / Mit Kinderaugen / Platz zum Träumen / Scherben / Durch den Regen / Irgendwann / So still / Alles was ich binZugaben: Wunsch frei / Feuer ohne Asche / So nah bei mir / Wunder / Das Beste kommt noch

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Bericht: Ludwig Stadler
Fotos: Ronja Bierbaum