Spider-Man: A New Universe – Filmkritik

(4 / 5)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

 

 

Regisseur/in: Bob Persichetti, Peter Ramsey und Rodney Rothman

Genre: Animationsfilm, Action

Produktionsland: USA

Kinostart: 13. Dezember 2018

Laufzeit: 1 Std. 50 Min.

 

 

„Alles klar, gehen wir’s ein letztes Mal durch“, beginnt der selbstbewusste Peter Parker, die ‚freundliche Spinne aus der Nachbarschaft‘, im Voice-Over den neuesten „Marvel“-Ableger. Wohlwissend, dass ein jeder von uns die repetitive ‚Origins-Story‘ des weltbekannten Wändekrabblers schon einige Male auf der Leinwand miterleben musste, gibt es diesmal eben die 15-sekündige Spulversion – bevor der Held kurzerhand bei einem der üblichen Kämpfe gegen das Böse das Zeitliche segnet. Schock! Was nun? Doch der Streifen tut nur das, worauf jeder seit Jahren insgeheim hofft: Etwas Neues zeigen.

Diese an „Deadpool“ erinnernden, selbstreferenziellen Einschnitte bleiben keine Ausnahme – im Endeffekt ist „Spider-Man: A New Universe“ eine lauthalse Botschaft an die Kinogänger sowie die eigenen Produktionsstudios: „Hey, seht mal her! Das Spider-Man-Universum bietet noch so viel mehr. Man muss nur wissen, wo man zu graben hat.“ Die Bandbreite der Comicvorlagen jedenfalls scheint schier endlos…

Miles Moralis (Shameik Moore) liebt Hip-Hop und die Underground-Graffiti-Kunst – ganz zur Missgunst seines Polizisten-Vaters, der seinen Gangster-Sohnemann lieber auf eine elitäre Schule schickt. Als Moralis dann noch von einer radioaktiven Spinne gebissen wird und Spider-Man-ähnliche Kräfte entwickelt, gerät sein Leben völlig aus den Bahnen. Die erhoffte Mentorfigur Peter Parker verstirbt, bevor er ihm zur Seite stehen kann – doch dafür tauchen auf einmal unfreiwilligerweise Spider-Man-ähnliche Gestalten aus alternativen Universen auf. Der Verantwortliche: Kingpin (Liev Schreiber), welcher durch eine experimentelle Raum-Zeit-Kontinuum-Synthese diverser Dimensionen (Yup, muss man nicht kapieren) seine geliebte Vanessa ‚ins Leben zurückholen‘ möchte. Da das jedoch zur Auslöschung vieler New Yorks führen würde und jeder in seine eigene Realität zurück möchte, müssen sich die ungleichen Helden zusammenschließen, um dem übermächtigen Gegner Einhalt gebieten zu können.

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Noch bevor die zweite Spider-Man Trilogie „The Amazing Spider-Man“ (nach Sam Raimis originalen Klassikern der 2000er Jahre) vollendet werden konnte, gab sich der Spinnenmann einen weiteren Neuanlauf: „Spider-Man: Homecoming“, welcher endlich (oder leider?) nun auch seinen Eintritt ins „MCU“ (Marvel Cinematic Universe) gefunden hatte. Obwohl der von Tom Holland verkörperte Spidey einen sehr frischen, jugendlichen Highschool-Flair ausstrahlt und über Iron-Manesques ‚High-Tech‘-Spielzeug verfügt, ist es doch trotzdem der gute alte Peter Parker im rot-blauen Strampler. Nicht nur bekommen wir diesmal mit Miles Moralis, einem dunkelhäutigen Hip-Hop-Kid aus Brooklyn (über das Klischee wollen wir mal hinwegsehen), einen völlig anderen Charakter serviert (der zu allem Überfluss noch Extra-Kräfte wie Unsichtbarkeit und elektrische Kraftfelderzeugung besitzt) – auch produziert die außerordentliche Visualität eines Vollblut-Animationsfilms im kantig-ruckeligen Comic-Stil auf der großen Leinwand richtig viel Charme: Gedanken des Titelhelden werden mit klassischen Textboxen in den Ecken untermauert und jeder actionreiche Schlagabtausch mit bunten „POW’s“ und „BAM“’s begleitet. Die musikalische Unterdröhnung selbiger Sequenzen dagegen fällt überraschenderweise eher in die aggressiv-minimalistische „Sicario“-Rubrik (abgesehen von den gelegentlichen Pop-Passagen). Da hat Daniel Pemberton gekonnt bei Vorreitern wie Jóhann Jóhannsson gespickt, denn das digitale Wummern könnte intensiver nicht sein.

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Mit einer eigentlich recht kleinen Figuren-Palette stellen Regisseure Bob Persichetti, Peter Ramsey und Rodney Rothman außerdem die ausgefallensten Kreationen des ‚Spider-Man‘-Franchises vor: Unter den Opfern des Dimensionsbruchs befinden sich nämlich Gwen Stacy alias „Spider-Woman“ (Hailee Steinfeld), das 2D-Schweinchen „Spider-Ham“ (John Mulaney), der schwarz-weiße „Spider Man Noir“ (Nicolas Cage) sowie das Anime-Girl „Penny Parker“ (Kimiko Glenn) und ihr Roboter aus dem dritten Jahrtausend. Der interessanteste Nebencharakter jedoch ist ironischerweise doch wieder Peter Parker – bzw. seine 38-jährige, grumpy Version mit Burger-Wampe und zerbrochener Ehe. Dieser kann den ausgelutschten Satz „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“ schon gar nicht mehr hören und fährt lieber Bus statt noch elegant die Netze von Hochhaus zu Hochhaus zu schwingen. So ein bunter Haufen muss sich also dem kolossalen Mafia-Fleischberg Kingpin stellen (die Figur erfuhr die letzten Jahre durch eine kongeniale Umsetzung in der Netflix-Serie „Daredevil“ große Beliebtheit) und dessen dunkle Machenschaften verhindern. Meistens scheint dies aber eine besonders lockere Angelegenheit zu sein. Wirklich ernst wird es nur selten, und wenn (wie bei dem Tod einer der dem Protagonisten nahestehenden Figuren), dann ist der künstliche, nichtssagende Herzschmerz groß. Komplexe Wortpoesie darf hier eben dann doch nicht erwartet werden – trotz allem ist der Actioner als gewöhnlich zugängliche und kurzweilige Hollywood-Achterbahnfahrt mit stereotypischen Schienen konzipiert.

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Groß punkten kann der Streifen dafür mit einer hohen Comedy-Dichte – viel davon übernehmen Querverweise auf alte Zeiten wie die ersten, schrägen Spidey-Comics aus den frühen 60ern oder etwas konkreter der legendär peinliche Tanzauftritt des Titelhelden aus Sam Raimis Spider-Man 3. Die Autoren beweisen mit alledem eine angenehm lockere Selbstreflexivität, bei der alles zum Abschuss freigegeben ist, aber niemals der Respekt oder die spürbare Liebe gegenüber dem Stoff abhanden geht. Wie von den Produzenten Phil Lord und Chris Miller (The Lego Movie) nicht anders zu erwarten, trifft das Abenteuer den Nagel, in perfekter Balance zwischen Zeitgeist und Nostalgie, auf den Zeitgeist-Kopf. Und der wohl letzte Gastauftritt von gerade leider verstorbenem „Marvel“-Urvater Stan Lee im Comic-Format fügt sich gebührend dem außergewöhnlichen Gesamtbild. Insgesamt eine mehr als gelungene Abwechslung zum üblichen Marvel-Hamsterrad.

Fazit: „Spider-Man“ ist immer noch cool! Mit einer großen Portion Selbstironie und frischen Inszenierungskonzepten aus der Animations-Trickkiste gelingt den „21 Jump Street“-Schöpfern ein spaßiges Fest der kunterbunten Franchise-Mixtur. Durch das Einführen vieler neuer, irrwitziger Spinnenmenschen und einer durchgeknallten „Over the top“-Handlung kommt ein weiteres Mal frischer Wind in die Segel des beliebten Helden. Zurücklehnen und genießen!

Und pssst: Unbedingt den Abspann abwarten, denn ihr werdet mit einer der bis dato besten „Marvel“-Post-Credit-Szenen belohnt werden.

(4 / 5)