Spider-Man: Homecoming – Filmkritik

(4 / 5)

© Sony Pictures Releasing

 

 

Regisseur: Jon Watts

Genre: Action, Sci-Fi

Produktionsland: USA

Kinostart: 13. Juli 2017

Laufzeit: 2 Std. 14 Min.

 

 

 

Sam Raimi’s Spider-Man Trilogie zählt nicht ohne Grund zu den besten Superheld-Manifesten der Kinogeschichte. Nicht nur den Hauptcharakteren wurde eine komplexe Persönlichkeitsentwicklung verpasst, auch die Schurken waren ähnlich interessant aufgerollt. Hinzu kam ein liebevolles Setting, das sich beinahe so real und einnehmend wie das Harry Potter-Franchise präsentierte. Groß war der Aufschrei als Marc Webb nur fünf Jahre später den Stoff neu aufrollen wollte, schließlich stieg er in immense Fußstapfen. Und tatsächlich, „The Amazing Spider-Man“ war nicht nur wie erwartet übliches Popcorn-Kino, sondern wirkte mehr wie ein seelenloser zwei-stündiger Trailer als ein dramaturgisch durchdachter Spielfilm. Nach dem nicht viel besseren „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ von 2014 wird das Franchise nun also schon wieder neu aufgesetzt. Weshalb also bin ich trotzdem für den neuesten Ableger ins Kino gestürmt? Ganz einfach: Ich kannte bereits den phänomenalen „Captain America: Civil War“, in dem der neue Spider-Man-Darsteller Tom Holland bereits einen Kurzauftritt für sich beanspruchen konnte, der dermaßen vor Charme sprühte, dass ich sofort erneute Lust auf das Franchise bekam. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Nach den Ereignissen von „Captain America: Civil War“ muss sich der 15-jährige Peter Parker zunächst wieder mit den üblichen Teenie-Problemen in der Schule herumschlagen, wenn er nicht gerade auf nächtlichem Spider-Man-Streifzug nach Kleinganoven ist. Mentor Tony Stark a.k.a. Iron Man verweigert ihm vorerst nämlich die erhofften Abenteuer mit dem Rest der Avengers. Da Peter sich unbedingt beweisen möchte, kommt ihm der neue Schurke in der Stadt, Adrian Toomes, welcher umfunktionierte Alienwaffen an Verbrecher vertickt, gerade recht. Doch diesen dingfest zu machen, erweist sich als schwerer wie vermutet…

© Sony Pictures Releasing

Dass wir es diesmal mit einem völlig anderen Spidey zu tun haben, wird schon am Schauspieler klar. Der bisher jüngste Darsteller Tom Holland wirkt tatsächlich wie sein 15-jähriges Alter-Ego Peter Parker. Und wie wird dieser jugendliche Touch am besten rüber gebracht? Ganz einfach: Mit einer dicken Portion Coolness. Holland’s Darbietung ist energiegeladen-flippig, 117% furchtlos und haut dabei einen lockeren Spruch nach dem anderen raus. Diese gewagte Entscheidung erweist sich als Taktgeber für den gesamten Film und wird gleich zu Beginn mit einem „Found-Footage“-Filmchen, wackelig aufgenommen von Peter selbst, auf witzige Weise eingeführt. Solche Aspekte wie der Spinnenbiss, welcher ihm die Superkräfte verlieh, werden nur völlig beiläufig in einem Gespräch abgetan. Das ist auch gut so, steht allen seine Ursprungs-Geschichte bereits zum Hals raus, so oft wie bereits gesehen.

Während Peter Parker also keine Angst vor lebensgefährlichen Schlägereien hat, macht ihm dafür die Schule und all seine Tücken zu schaffen. Er verpasst etwaige Kurse, muss nachsitzen und Liebeskummer zu der hübschen Liz Allan-Toomes (Laura Harrier) stellen die wahren Probleme für seinen Alltag dar. In seiner Prämisse gleicht „Spider-Man: Homecoming“ zu Teilen nämlich sehr stark klassischen Tennie-Filmen. Die Slow-Motion Aufnahme mit flatternden Haaren seines Schwarms, die klassischen Explosions-Chemieversuche in der Schule oder der dicke, noch nerdigere Kumpel Ned (Jacob Batalon) dürfen da natürlich nicht fehlen. Abgesehen davon verfällt man aber nie allzu sehr ins Klischee und gar nervig wird es ohnehin nicht. Daher war es auch eine weise Entscheidung, Peter nicht als durchgehend gemobbten Total-Außenseiter darzustellen sondern als normalen Nerd mit regelmäßigen sozialen Kontakten wie seinem Zehnkampfteam. Selbst Bully Flash Thompson (Tony Revolori) ist in dieser Ausführung Teil des Streber-Clubs, was das Ganze fast ironisch komisch macht.

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Wie für Marvel üblich, erwarten uns auch hier eine Menge gut zündender Witze. In diesem Fall gerade durch das Teenie-Thema hervorgerufen. So gibt Peter einmal bei einer Klopperei mit High-Tech-ausgerüsteten Bankräubern den Kommentar: „Okay Leute, bringen wir’s hinter uns. Morgen ist Schule.“ oder das heilige Relikt moderner Zeit „W-Lan“ wird zum wortwörtlichen Lebensretter für ihn. Zudem fährt Tante May (Marisa Tomei) ihren Schützling Peter höchstpersönlich mit dem Auto zu jeder der wenigen Partys oder Dates, zu denen er eingeladen ist, was Fremdschäm-Situationen zum Wegschießen verursacht. Sie sorgt sich nicht um das wahrscheinlich bevorstehende Besäufnis, sondern um seine sozialen Kontakte und versucht ihm dafür sogar Tipps mit auf den Weg zu geben. Ansonsten erhält sie leider relativ wenig Screentime und die in „Civil War“ angedeutete Romanze mit Tony Stark verläuft zumindest zunächst einfach im Sand. Schade, denn Marisa Tomei spielt ihre Rolle extrem charismatisch. Da wäre definitiv mehr drin gewesen.

Ähnlich verhält es sich mit Robert Downey Jr.. In diesem Fall allerdings eine sehr gute Entscheidung. Nach den Filmplakaten hätte man durchaus davon ausgehen können (wie in meinem Fall), Iron-Man würde Spidey in seinen Abenteuern begleiten und keine Action-Szene verpassen. Wer so dachte, hat ganz weit gefehlt. Ein, zweimal rettet er die Situation, ansonsten ist Peter auf sich alleine gestellt. Sidekick Happy Hogan (Jon Favreau) bekommt sogar fast mehr Screentime und sorgt ebenfalls für einige unvergessliche Szenen. Robert Downey Jr. muss ohnehin niemandem mehr beweisen, dass er der einzig wahre Tony Stark ist und die Rolle im Schlaf beherrscht. In einem Spider-Man-Solofilm sollte es sich auch um diesen drehen. Respekt dafür, dass man sich also in dieser Hinsicht zurückhielt. Andererseits dann aber auch eine miese Werbemaßnahme.

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Zu jedem guten Superhelden-Streifen gehört natürlich auch ein anständiger Antagonist und der wurde mit Michael Keaton selbstverständlich gefunden. Er spielt die Rolle des zum Bösewicht gezwungenen Familienvaters mit einem interessanten, bodenständigen und doch kompromisslosen Touch und gerade gegen Ende (die Auto-Fahrt Szene mit ihm ist die wohl beste des Films) entfaltet sich seine Rolle wirklich großartig. Interessant wird seine Figur aber vor allem durch die Tatsache, dass er unüblicherweise eine ganze Gangster-Truppe um sich versammelt hat und somit kein ausgestoßener Einzeltäter ist. Außerdem sieht seine mit Alientechnik betriebene „Vulture“-Ausrüstung verdammt stylisch aus. Großes Lob an dieser Stelle, genau wie an die restlichen Special-Effects, auch wenn dies heutzutage kaum noch eine Besonderheit darstellt. Für unterhaltsame Action-Sequenzen, welche ohne Zweifel zuhauf existieren, ist dies nun mal unabdingbar, um nicht in Trash zu verfallen. Auch dieser Aspekt wird gekonnt gemeistert und rundet das ganze Spektakel damit sauber ab.

Fazit: Vollkommen anders als Sam Raimis Trilogie, aber trotzdem unwahrscheinlich unterhaltsam, bläst Jon Watts mit „Spiderman: Homecoming“ neuen Wind in die Segel des Kult-Helden. Wer bei der Vorstellung eines waschechten „Teenie“-Spideys nicht gleich aufstoßen muss, wird vermutlich die kurzweiligsten 134 Minuten der letzten Zeit erleben.

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