Shakespeare unter sommernächtlichem Himmel – „Ein Sommernachtstrauma“ bei den Weiherspielen Markt Schwaben (Kritik)

Erst im vergangenen September hatte der Sommernachtstraum, eines der bekanntesten Werke von William Shakespeare, Premiere im Münchner Volkstheater. Nun hat sich der Theaterverein Markt Schwaben, 23 Kilometer Luftlinien-Entfernung vom Marienplatz, dem zugegebenermaßen nicht allzu leicht zugänglichen Stück angenähert. Letztes Jahr konnte die bayerische Kultgeschichte vom Brandner Kaspar für einen erfolgreichen Neustart der alteingesessenen Weiherspiele sorgen, nun geht es im Jahr 2019 weiter mit dem Credo, Klassiker frisch und umgeschrieben zu präsentieren. „Ein Sommernachtstrauma“, (k)ein freud’scher Verschreiber, läutet die 34. Saison am Kirchweiher in Markt Schwaben ein. Ob sich die S-Bahn-Fahrt in die Vorort-Gemeinde lohnt? Aber sowas von!

Der erste Blick auf den Weiher offenbart sofort das zweigeteilte Bühnenbild. Auf der linken Seite der Tempel des Theseus, rechts davon der Wald vor Athen. Beides schafft es auf eindrucksvolle Größe, beides ist sauber gebaut und beeindruckt sofort, insbesondere der Tempel, der auch gleich zu Beginn als Bühne fungiert. Theseus (herrlich dümmlich: Franz Hermannsgabner) ist es nämlich gelungen, das Volk der Amazonen zu besiegen. Das Resultat: er heiratet deren Königin Hippolyta (noch herrlicher zynisch: Christa Hermannsgabner). Zeitgleich herrscht reges Treiben um die Liebeleien von Lysander (Tim Zeiff), Hermia (Fabiana Betram), Demetrius (Christian Jäger) und Helena (Isabella Speckmaier), während der König der Elfen Oberon (Franz Stetter) gemeinsam mit Puck (Sabine Bogenrieder) wieder andere Pläne ausheckt. Und dann ist da noch Philostrat (Ferdinand Maurer), der verzweifelt irgendwie versucht, mit drei mehr oder minder (un)begabten Handwerkern den Klassiker Pyramus und Thisbe auf die Bühne zu bringen…

All diese Geschichten sind natürlich zeitgleich, oft örtlich überschnitten und allgemein in allerbester Verwechslungsgeschichten-Manier, die einem beim Lesen des Originals gar nicht so recht in den Sinn kommt, so sperrig ist oft die Shakespeare’sche Sprache. Ferdinand Maurer schafft es in seiner Fassung mehr als gekonnt, diesem verwirrenden Treiben Struktur und besser fassbare Erklärungen zu geben. So folgen des Öfteren nach den Originalzitaten kurze Monologe, was man wohl nun tun sollte. Das mag zwar gelegentlich redundant sein, auch etwas vorwegnehmen, allerdings ermöglicht es dem Publikum, völlig egal ob geübter Theaterbesucher oder doch eher nur Kultur-Muffel, die Handlung in jeder Sekunde perfekt zu verfolgen. Langweilig wird es dabei aber zu keiner Sekunde – viel zu treffsicher sind die gestreuten Witze, viel zu abwechslungsreich die einzelnen Handlungsstränge und viel zu stark die musikalischen Einlagen. Wenn die jetzt nur noch live wären…

Besonders positiv im Kopf bleibt das Ensemble. Natürlich geschieht es des Öfteren im Laienbereich, dass sich die Stärken der Darsteller unterscheiden, auch der Profi-Bereich ist davon nicht immer ausgenommen. Hier allerdings ist das Gesamtbild so unfassbar stimmig, dass man zeitweise auch gerne mal vergisst, dass alles doch eigentlich „nur“ in monatelanger, ehrenamtlicher Arbeit aus purer Passion auf die Beine gestellt wird. Wenn Michael Siegert als Zettel, der sich so irrsinnig stark durch seine sowieso schon grandios geschriebene Rolle spielt, auf der Bühne als Chaos-Pyramus seine Darbietung zum Schlechtesten gibt und anschließend als Esel von der Elfenkönigin malträtiert wird, ist das schlichtweg auf Profi-Niveau und, im nahestehenden Vergleich mit dem Volkstheater, sogar besser. Selbst etwas aktuelle Kritik schafft es, fantastisch in das Stück eingearbeitet zu werden. „Was ist mit dem Bienensterben?“, fragt eines der fleißigen Elfchen, als Zettel als Esel frischen Honig von ausgequetschten Bienen verlangt. „Ach, macht euch keine Sorgen“, entgegnet er. „Wir sind doch noch im Mittelalter.“

Natürlich gibt es mal kleine technische Schwierigkeiten, und auch vor dem einen oder anderen kurzen Texthänger werden die doch sonst so textaffinen Köpfe der Schauspielerinnen und Schauspieler nicht verschont. Geschenkt, das passiert den Besten. Sowieso, bis zum 3. August spielt das Sommernachtstrauma noch am Weiher, da lassen sich problemlos kleine Unsicherheiten ausbessern. Der einzige Kritikpunkt allerdings: das finale Lied „I Have A Dream“, welches vollkommen zusammenhanglos nach dem doch so unglaublich starken, abschließenden Monolog von Puck noch abgespielt werden muss, dazu ziemlich koordinationsloses Umherschwenken von Stäbchen.

Sieht man über diesen unglücklichen Endstreich hinweg, schaffen es das Team um Maurer, Stetter, Siegert und Hermannsgabner problemlos, ihren Vorjahreserfolg mit dem Brandner Kaspar zu toppen. Auch in Hinblick auf die Historie des Open Air-Theaters ist es noch nie gelungen, ein so unglaublich hohes Niveau ohne jegliche Länge auf die Bühne zu bringen. Von den wohl bis dato besten Weiherspielen zu sprechen – wahrlich keine Übertreibung. „Amateurtheater, bäh!“, sagt Hippolyta einmal. Von wegen! Wenn jedes Laientheater so stark ist wie die Weiherspiele im Jahr 2019, können die Profis einpacken.

Kritik: Ludwig Stadler