Der Hunger des satten Menschen – „Sommergäste“ im Residenztheater (Kritik)

Erst bei den Salzburger Festspielen hat man sich an „Sommergäste“ von Maxim Gorki versucht, nun wagt sich das Residenztheater an die russische Tragikomödie, die als dritte Premiere unter der Intendanz von Andreas Beck die zweite Spielwoche eröffnet. Die Besetzung: mit 14 Personen wahrlich vielzählig, hochkarätig und zudem eine großartige Mischung aus altbekannten und neuen Gesichtern. Wie das alles harmonieren wird? Oder besser zu Gorkis Stück passend: Wie das eben nicht harmonieren wird? Die Premiere am 25. Oktober 2019 gibt Aufschluss.

© Sandra Then

130 Minuten am Stück wird sich der Konflikt einer russischen Familie und allerlei aus dem Bekanntenkreis aufbauschen. Gemeinsam verbringen sie den Sommer im Ferienhaus von Bassow (Robert Dölle) und Warwara (großartig: Brigitte Hobmeier), Letztere bereits zu Beginn eine distanzierte Gastgeberin. Sie gehört nicht dazu, fühlt sich nicht wohl, schluckt die Verzweiflung über die nervtötenden Erste-Welt-Probleme der russischen Gesellschaft der Intellektuellen herunter – eine halbe Ewigkeit vergeht, bis das Fass zum Überlaufen gerät. „Wir sind keine Intellektuellen, wir sind Sommergäste im eigenen Land“. Der Auftakt zum ehrlichen Umgang untereinander, der in Handgreiflichkeiten und absoluter Eskalation mündet. Dass es allzu harmonisch angefangen habe, kann man hierbei aber auch schwerlich behaupten.

Regisseur Joe Hill-Gibbins verzichtet weitestgehend auf Requisite, die Bühne, entwickelt von Johannes Schütz, lässt er leer, einzig ein weißer Quader steht inmitten der Drehbühne, der sich später noch als Duschraum entpuppt, ansonsten verlässt er sich vollkommen auf seine Darstellerinnen und Darsteller. Eine gewagte Entscheidung bei langem und reinem Sprechtheater – nicht aber bei diesem Ensemble. Das Zusammenspiel von den verzweifelt-individuellen Rollen ist so fein und dramaturgisch geglückt, dass die reine Bühnenmagie anhält und die nahende Katastrophe bis zum Schluss irrsinnig spannend und unterhaltsam bleibt. Egal, ob eine vollkommen prollige Sophie von Kessel als Julija oder Christian Erdt als fantastisch-durchgeknallter Wlas – wenn man jemals große Schauspielkunst auf der Bühne erleben konnte, dann an diesem Abend. Selbst kleinere Rollen wie die des Assistenten Samyslow finden durch den noch extrem jungen, aber irrsinnig vielversprechenden Valentino Dalle Mura eine schier perfekte Verkörperung. Kein Wunder also, dass man mit Hobmeier, die durchgehend kurz vorm Explodieren steht, mitleidet, bis sie – explodiert.

© Sandra Then

Gorki hat in seinem Drama den absoluten Verlust des Bezugs der oberen Elite zum Volk dargestellt – die Intellektuellen vs. die Normaldenkenden, so scheint es. Als Warwara von ihrem vorherigen Leben und ihrer Mutter, einer Waschfrau aus einfachen Verhältnissen, erzählt, wird sie plump mit den Belanglosigkeiten der lyrisch eher durchwachsenen Dichterin Kalerija (Luana Velis) unterbrochen; selbst für das abgelehnte Liebesangebot von Rjumin (Thomas Lettow) wird sie schuldig gesprochen, sie sei ja immer so streng, so starr, so still. Am Ende brodelt sie vor Hass, wirft den selbstdarstellerischen Figuren grobe Kraftausdrücke an den Kopf, auch ihren geliebt geglaubten, aber als primitiven Nichtsnutz entlarvten Autoren Schalimow (Vincent Glander). Am Ende kommen „alle einfach wieder runter“ und streunen in verschiedene Richtungen – außer Warwara. Sie kann nicht mehr zurück, zurück in diese seelenlose und vor Egoismus strotzende Gesellschaft.

Wieso am Ende das Publikum nicht euphorisch mit stehenden Ovationen für diese bemerkenswerte Leistung von den Sitzen aufgesprungen ist, bleibt fraglich. Immerhin ehrt nicht enden wollender Applaus diese unfassbar starke Inszenierung. Wenn das neue Residenztheater bereits zu Beginn solche Produktionen präsentiert – was soll da noch kommen, dass es übertrifft?

Kritik: Ludwig Stadler