Solange ich atme – Filmkritik

(3,5 / 5)

© Universum Film GmbH

 

 

Regisseur/in: Andy Serkis

Genre: Drama, Romanze

Produktionsland: UK

Kinostart: 19. April 2018

Laufzeit: 1 Std. 58 Min.

 

 

 

In seinem neuesten „Nach einer wahren Begebenheit“-Projekt zum bestürzenden Thema Polio hat sich Regisseur Andy Serkis nun… Wait – what?. Tatsächlich – der Meister des Motion-Capturing persönlich begibt sich auf neue Pfade. Doch welche genau, das ist umso interessanter. Das Regie-Erstlingswerk desjenigen Mannes, den man sonst aus Action-Krachern mit ikonischen Rollen wie etwa „Gollum“ aus „Der Herr der Ringe“, „King Kong“ aus dem gleichnamigen Reboot von 2005 oder auch neuerdings als Blockbuster-Protagonist „Caesar“ aus der „Planet der Affen“-Prequeltrilogie kennt, entschleiert sich als dramatische Romanze – wer hätte das gedacht? Prinzipiell zu befürworten sind solche Experimente allemal, die eigenen Fähigkeiten sollten schließlich ausgelotet werden. Während das nicht zu übersehende Gespür für eine bis zur Schmerzgrenze berührende Inszenierung eindeutig irgendwo bei Serkis vorhanden ist, machen „Solange ich atme“ genau diese Tendenzen auch gleichzeitig zu schaffen. Mit der Hilfe von Produzent Jonathan Cavendish (Sohnemann des schicksalhaften Paares aus der Story) versinkt dieser nämlich so sehr in der eigenen rührenden Erzählweise, dass er in so einige Fallen tappt – vor allem aber gelingt es ihm zu keinem Zeitpunkt über das im Endeffekt eindimensionale Drehbuch hinwegzutäuschen.

1950er: Die jungen Engländer Robin Cavendish (Andrew Garfield) und Diana (Claire Foy) verlieben sich schnurstracks auf den ersten Blick. Ähnlich schnell wird geheiratet und schon bald ein Kind erwartet. Das frische Glück dreht sich allerdings schnell um, als sich Robin nach einem Aufenthalt in Kenia die irreversible Polio-Krankheit einfängt und fortan vom Hals abwärts gelähmt und nicht mehr selbständig zu atmen fähig ist. Nach anfänglichen Selbstmordgedanken hilft ihm seine Frau, das Leben zu schätzen und zu genießen, egal wie misslich die Lage scheint. So holt sie ihn gegen den Rat der Ärzte aus dem klinisch-tristen Alltag des Krankenhauses heraus und lässt von ihrem gemeinsamen Freund Teddy Hall (Hugh Bonneville) einen Rollstuhl mit Beatmungsgerät herstellen. Es wird ihm möglich, die Welt zu bereisen und schlicht das Leben zu genießen. Mit Kampagnen wird Robin schon bald zum weltweiten Symbol für Selbstbestimmung trotz schwerwiegender Behinderung…

© Universum Film GmbH

Eine Faustregel lautet: Wenn am Anfang eines Films die Worte „Nach einer wahren Begebenheit“ eingeblendet werden, ist der Film misslungen, wohingegen der Film erfolgreich ist, wenn dieses Indiz erst am Ende zu sehen ist. Obwohl wir hierbei die erste Variante vorfinden, spricht durchaus einiges für den Film. Wie in einem zuckersüßen Trailer inklusive fröhlicher Glockenspielmusik werden die Anfänge des jungen Glücks poetisch visualisiert und ohne Umwege in die Handlung geworfen. Natürlich muss der Kitsch fließen, um den Zuschauer anschließend bei sehr baldiger Erkrankung des Protagonisten rührselig zu stimmen. Das funktioniert auch erstaunlich gut, vor allem aber durch die beiden Hauptdarsteller Andrew Garfield („The Amazing Spiderman“) und „The Crown“-Star Claire Foy, welche das wohl beste, authentischste und herzerwärmendste Leinwandpaar des Jahres abliefern – man vergisst beinahe die beiden außerhalb der Geschichte als Schauspieler zu kennen. Großes Lob diesbezüglich, die Geschichte hätte mit diesem Drehbuch bei anderen Darstellern viel zu leicht in Pathos, unerträglichen Schwulst oder schlichte Langeweile abdriften können. Stattdessen geht man ergriffen aus einer im Grunde einseitig erzählten Story heraus.

© Universum Film GmbH

Solange ich atme“ erzählt im Endeffekt leider nichts Neues. Der Film ist zu soft, verpasst so einige Chancen, beispielsweise sich intensiver mit dem Leidensweg des Protagonisten zu beschäftigen (stattdessen wird dieser durchgängig von seiner Frau belehrt, dass er sich doch nicht so anstellen solle) oder blendet die mit Sicherheit vorhandenen psychischen Zusammenbrüche der Personen in seinem Umfeld aus – vor allem Ehefrau Diana scheint der absolute Prototyp einer immer-taffen Frau zu sein. Der Film rutscht gerade noch so nicht in Überglorifizierung einer tragischen Einzelperson ab. Das begleitende Motto „Leben ist immer lebenswert“ wirkt allerdings sehr instabil, da man sich nicht auf konstruktive, psychisch gepolsterte Weise mit emotionalem Schmerz auseinandersetzen wollte, sondern diesen stattdessen oft einfach verschweigt. Das Resultat sind Figuren, welche alle Tiefschläge scheinbar problemlos wegstecken können und damit unrealistisch federleicht durch die Handlung flutschen. Das Drehbuch lässt schlicht keine deutliche Beschäftigung mit den Charakteren zu – wir wissen gen Ende kaum mehr über diese als noch zu Beginn. Da wurde es sich mit dem Ansatz „Höchst emotionale Szenen ziehen immer“ zu einfach gemacht. Trotzdem: Effektiv ist dieses Schema und gerade am Ende dürfte sich bei der/dem einen oder anderen die aufgestaute Traurigkeit mit Tränen zu entladen wissen. Subventioniert wird das Ganze auch durch teilweise atemberaubende Panorama-Shots, berauschende Musik und erstklassigem Set-Design und Maskenarbeit (Robin als gealterter Mann ist beeindruckende Kunst).

Fazit: Andy Serkis hat bei seinem Spielfilmdebüt Glück gehabt, so erstklassige Darsteller mit an Bord holen zu können. Ohne Andrew Garfield und Claire Foy hätte aus „Solange ich atme“ eine vergessenswerte Geschichte werden können – was bei einer wahren Begebenheit umso tragischer wäre. Die Beiden wissen um die tiefliegende Dramatik eines schweren Schicksals und nehmen den ansonsten eindimensionalen Film mit einer überragenden Performance an die Hand. Hier und da blitzt hervor, dass Serkis‘ ein starkes inszenatorisches Talent besitzt. Beim nächsten Mal sollte er sich aber eindeutig mehr Zeit bei der Figurenzeichnung lassen und den Gesamtüberblick behalten statt seiner eigenen Kreation emotional zu verfallen.

(3,5 / 5)