Smallfoot – Filmkritik

(4 / 5)

© Warner Bros. GmbH

 

 

Regisseur/in: Karey Kirkpatrick, Jason A. Reisig

Genre: Animationsfilm, Komödie

Produktionsland: USA

Kinostart: 11. Oktober 2018

Laufzeit: 1 Std. 37 Min.

 

 

 

Eigentlich immer, wenn man sich vom neuesten Animationsfilm auf der Leinwand beglücken lässt, darf man sich sicher sein: Irgendwo dahinter steht entweder der Branchengigant Disney oder eben (mittlerweile) Tochterfirma Pixar. Die Angst vor einer Monopolisierung ist schon lange groß – die Übernahme von 21st Century Fox soll bereits in trockenen Tüchern sein. Doch zwischen (zugegebenermaßen exzellenten) Streifen wie „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“, „Zoomania“ und „Die Unglaublichen 2“ trauen sich doch noch hin und wieder kleine Helden der Konkurrenten-Überbleibsel hinzu – vorne dabei die Überraschungshits der letzten Jahre „The Lego Movie“ und „The Lego Batman Movie“ der Warner Animation Group. Deren neuester Streich „Smallfoot“ scheint im Getümmel von Superhelden und Prinzessinnen leider etwas untergegangen zu sein, doch liegt deshalb nicht weniger Last auf ihm, Disney qualitativ das Wasser reichen zu können. Und das tut er – beinahe! Mit wenigen Abstrichen ist „Smallfoot“ ein überaus kurzweiliges Abenteuer für Groß und Klein, welcher selbst als Kinderfilm, der er ist, nicht vor der Thematisierung von harten, gesellschaftlichen Missständen zurückschreckt.

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Der gutgläubige Yeti Migo (Channing Tatum) tut alles daran, sein immer fröhliches Dorf zu unterstützen. Dazu gehört auch, jeden Tag die einseitige Arbeit zu verrichten und die Predigten und Vorschriften des Steinbewahrers (Lonnie Rashid Lynn) nicht zu hinterfragen. Doch als eines Tages ein sog. ‚Smallfoot‘ (=Mensch) auftaucht, ein Wesen welches laut den allwissenden Steinen gar nicht existieren darf, gerät Unruhe in das einstig friedliche Dorfleben…

Wenn mit einem vor Schmalz triefenden Musical-Intro eröffnet wird, dürfen zu Recht erst mal die Augenbrauen hochgezogen werden. Doch Geduld – sobald man sich an diese gelegentlichen musikalischen Fehltritte sowie die bizarre Hektik gewöhnt hat, blickt man hinter die deutlich selbstironische Fassade und wird mit viel Charme und Witz belohnt. Das fängt bereits bei der ulkigen Ausgangssituation an: Protagonist Migo möchte mit vollem Eifer in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters schlüpfen und übt deshalb schon fleißig, sich im „Angry Birds“-Style mit voller Wucht gegen eine hoch gelegene Glocke schleudern zu lassen – damit die große ‚Himmelsschnecke‘ zum Vorschein kommt und das Dorf erleuchtet. Dass er dadurch eines Tages buchstäblich genauso plattgedrückt sein wird wie sein Erzeuger, kümmert ihn wenig. Die allmächtigen Steine wissen schließlich, wovon sie reden – genau wie bei der Tatsache, dass alle Yetis von einem riesigen Mammut ausgeschi**en wurden. Allzu schnell wird deutlich, dass extremistische und offensichtlich hanebüchene Religionsgemeinden (*hust* Scientology *hust*) gehörig durch den Kakao gezogen werden – weitere Themenkomplexe wie autoritäre Abhörstaaten oder die allgegenwärtige Flüchtlingsthematik kommen ebenfalls nicht zu kurz.

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Eine der großen Stärken des Films ist damit die (natürlich kindgerechte) Auseinandersetzung mit überaus wichtigen Themen der Gegenwart. „Smallfoot“ ist nicht nur durch faire ‚Social-Media‘- und ‚Smartphone‘-Witzeleien überaus modern, harte Fakten zwischen reißerischem Quotendruck von freien Medien und mörderischem ‚Culture-Clash‘ werden allzu gerne ausgesprochen. Mit mehreren interessanten Twists und Perspektivenwechsel durchleuchtet er viele dieser Missstände besser als so mancher ‚Erwachsenenfilm‘ vergleichbarer Rubrik (I look at you, „Avatar“) und kommt dabei wie selbstverständlich völlig ohne Antagonisten aus. Sogar philosophisch deprimierende Gedanken wie beispielsweise ‚Unwissenheit macht glücklich‘ werden angesprochen – denn eine neue, unbekannte Welt ist nicht immer das kunterbunte Einhorn-Paradies, sondern beizeiten auch ziemlich rau und brutal.

Zeitgleich sollte man aber auch nicht so tun, als ob „Smallfoot“ nicht vollkommen durchgeknallt wäre – das ist er nämlich definitiv und das ist auch gut so. Tatsächlich fußt das Gros der komödiantischen Schlagkraft auf ungewöhnlich abwegigen Lösungen von Problemen der Figuren in der Handlung (Stichwörter: gerissenes Seil zwischen zwei Felsen). Kein Witz wird durch zahlreiche Wiederholungen verkocht und gerade im Mittelteil, wenn die perfekt inszenierten ‚Jokes‘ wie aus einem Maschinengewehr gefeuert in die Lachmuskeln prasseln, kommt man so aus dem Kringeln nicht mehr heraus. Gen Ende wiederum wird der Ton dann wieder deutlich ernster und schließt das Mini-Epos (mit Referenzen zu „King Kong“) gekonnt pazifistisch ab.

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Perfekt ist der Streifen deshalb jedoch leider noch lange nicht. Die beizeiten zu sehr auf die Nase gebundene Ideologie sowie die trotz Selbstironie zu quietschbunte Inszenierung trüben das Erlebnis leider immer wieder. „Smallfoot“ befindet sich konstant in Gefahr, auf hauchdünnem Eis einzubrechen und in die Gefilde der nervig-überspannten Autophilie abzugleiten – und ein wenig erliegt er damit dem eigens zu hochgestecktem Anspruch, unbedingt ein komplexes Meisterwerk, wie beispielsweise einige der Animationsfilme von Brad Bird, sein zu wollen. Die grundlegenden Ideen sind alle da, doch wird ärgerlicherweise immer an der Stelle aufgehört zu bohren, wenn es eigentlich erst richtig interessant werden würde. „Smallfoot“ möchte zu viel – ihm fehlt der letzte Schliff, das ‚gewisse Etwas‘ oder auch nur ein wenig mehr Fokus. All dies ist natürlich Meckern auf hohem Niveau, denn zurück bleibt damit immer noch ein sensationell unterhaltsamer Film, der lediglich im Gewusel seiner selbst untergeht und damit bedauerlicherweise gewiss nicht als einer der großen Animationsfilme in die Geschichte eingehen wird – eher im Gegenteil, relativ schnell im Sog der Zeit liegen bleiben dürfte.

Fazit: Großartiges Konzept mit perfekter Unterhaltung? → Yes, 1A mit Fleiß-Sternchen; Das eigene Potential tatsächlich ausgenutzt? → Ein klares Nope.

(4 / 5)