Sonic Titan – Sleep im Technikum (Konzertbericht)

Freunde eher außergewöhnlicher Musik haben es an diesem Freitag, den 18. Mai unter Umständen mit der Qual der Wahl zu tun: Während in der Neuen Theaterfabrik Ausnahme-Saxophonist Kamasi Washington gastiert, kann man sich im Feierwerk von den Les Discrets das Herz streicheln lassen – oder eben mit Sleep, der wegbereitenden Doom-/Stoner Metal-Institution im Technikum den Holy Mountain besteigen. Für die letztere Option haben sich scheinbar schon im Vorfeld genug Menschen entschieden, um Kartensucher aufs Gelände rund ums Technikum zu treiben, wo sich die Konzertbesucher an diesem schönen Abend mit Speis und Trank für die kommenden Stunden stärken.

Von diesen Stunden gehört eine gute halbe jedoch nicht dem Trio Cisneros-Pike-Roeder, sondern Martin-Busch-Markos, alias Cloakroom. Die Band ist eigentlich nicht mit Sleep, sondern mit Caspian unterwegs; weil letztere ihre Tour an diesem Tag jedoch ohne Support auf dem Pelagic Festival in Berlin abschließen, kann sich der Dreier aus Indiana in München die Ehre geben. Die Ehre des zeitigen Erscheinens erweisen Cloakroom auch durchaus nicht wenige Zuschauer, jedoch deutlich weniger, als später allein die Soundtechniker Sleeps anziehen werden. Vielleicht ist es auch ein zu weiter Weg, der zwischen Sleep und dem melancholischen, wenn sich auch klanglich an stonerigen Gefilden orientierenden Shoegaze von Cloakroom liegt: Deren insgesamt höchst gelungener Auftritt mit – für Vorband-Verhältnisse – traumhaftem Sound würde theoretisch besser zum Runterkommen nach, als zum Anheizen vor Sleep passen; jetzt ist erst einmal das Gegenteil von get low angesagt.

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Und zwar nicht nur acht Meilen hoch geht es hinaus, sondern: outta space! Spannung und Vorfreude steigen im mittlerweile eindeutig vollen Technikum, während aus den Lautsprechern der Funkverkehr der Mondlandung tönt. Als dann Al Cisneros und Matt Pike endlich vor die Wände aus Amps treten, die es Sleep ermöglichen, mit ihrer Musik nicht nur den Geist, sondern auch den ganzen Körper wohlig durchzuwalken, ist der Jubel frenetisch, fast erwartet man etwas wie „Ich will ein Kind von dir!“. Aber schließlich besteht das (fast Fangirl-haft begeisterte) Publikum zu bestimmt 80% aus Männern…
Nach dem Intro „The Sciences“ geht es mit „Marijuanaut‘s Theme“ vom erst kürzlich erschienen Album „The Sciences“ in die Vollen. Wie ein weicher Rammbock bearbeiten Sleep die jeden Song abfeiernden Zuschauer – ja, auch die neuen Stücke, wiewohl natürlich „klassische“ Titel wie „Holy Mountain“ oder „Aquarian“ besonderes Entzücken hervorrufen.

Außerhalb der Musik gibt sich die Band äußerst wortkarg, aber freundlich und den Zuschauern zugewandt. Ähnliches bzw. Analoges gilt für das Konzert als Ganzes: Es ist heiß und es wird stickig, die in ihrem nicht gerade ausgedehnten Gestaltungsradius dröhnenden Riffs laufen auf dem Papier Gefahr, auf (stehend verbrachte) Dauer zu ermüden. Doch (wenig bis) nichts davon: Anders als z.B. die von Swans wirkt die Musik von Sleep erhebend, auf eine sehr geerdete Art entrückend, doch nicht niederschmetternd oder abstumpfend. Bei aller Schwere lässt sich im Spiel des Trios nichts Mechanisches, im Gegenteil, eine Art Leichtigkeit entdecken, die sogar einen kleinen Moshpit zum letzten Song „Dragonaut“ ermöglicht und dem Publikum noch genug Kraft lässt, um eine Zugabe einzufordern: „Dopesmoker“ – endlich. Natürlich zelebrieren Sleep das auf dem Album mehr als einstündige Monstrum nicht in voller Länge – oder doch?

Wer jetzt noch auf die Uhr schaut, muss eine ausgeprägte Resistenz gegen das „Prinzip Sleep“ haben. Zum Zeitpunkt x also verzieht sich das Trio zügig zu einem letzten Feedbacktusch und es heißt, wieder gen Erde abzusteigen. Von dort mag man die Band und ihre Musik der kritischen Betrachtung unterziehen, live und aus der Nähe haben Sleep jedoch fraglos bestens funktioniert und überzeugt.

Setlist: The Sciences / Marijuanaut’s Theme / Holy Mountain / The Clarity / Sonic Titan / Antarcticans Thawed / Aquarian / Dragonaut // Zugabe: Dopesmoker

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Bericht: Tobias Jehle
Fotos: Martin Schröter