Sicario 2 – Filmkritik

(4 / 5)

© StudioCanal Deutschland

 

 

Regisseur/in: Stefano Sollima

Genre: Thriller

Produktionsland: USA

Kinostart: 19. Juli 2018

Laufzeit: 2 Std. 03 Min.

 

 

Wieder einmal steht ein heiß erwartetes Sequel an – „Sicario: Day of the Soldado“, wie er im Original betitelt ist. Zu begründen ist der ‚Hype‘ unter Filmliebhabern vor allem mit dem grandiosen Trilogie-Auftakt „Sicario“ aus dem Jahre 2015, welcher damals noch in die Hände des Virtuosen Denis Villeneuve fiel, der spätestens nach Meisterwerken wie „Arrival“ und „Blade Runner 2049“ zu den Film-schaffenden Genies unserer Zeit gezählt werden darf. Aufgrund der Arbeit an ebendiesen Werken aus den Jahren 2016 und 2017 musste er die Arbeit an der Weiterführung dieses Großprojektes allerdings ablegen und den Regiestuhl weiterreichen, welcher nun schließlich bei Stefano Sollima landete. Doch auch Posten wie Kamera und Musik wurden ausgewechselt – das Bangen vor einer Enttäuschung wurde groß. Doch es darf ausgeatmet werde: Zwar fehlt es „Sicario 2“ etwas an der brillanten Eminenz des Vorgängers, doch offenbart er sich immer noch als großes Thriller-Spektakel, das mit seiner gnadenlosen Brutalität sogar noch eine Schippe drauflegt.

Zwei Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils: Die Situation an der amerikanisch-mexikanischen Grenze gerät aus den Fugen, als immer mehr Terroristen in die USA geschleust werden, wo es zu zahlreichen Anschlägen kommt. FBI-Agent Matt Graver (Josh Brolin) und Auftragskiller Alejandro Gillick (Benicio Del Toro) wollen diesen unkontrollierbaren Zustand nun von innen heraus implodieren lassen, indem sie einen Krieg zwischen den Drogenkartellen einzuläuten versuchen: Dafür muss Isabela (Isabela Moner), die Tochter des Kartellbosses Carlos Reyes, entführt werden…

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Dass der „Suburra“-Regisseur keinerlei Angst vor der ihm übertragenen Verantwortung verspürt, merkt man fix: Selbstbewusst gibt es gleich zu Beginn ein visuell besonders minimalistisch, aber dennoch beeindruckend inszeniertes und erschreckend kaltes Attentat in einem Supermarkt. Stefano Sollima macht sein eigenes Ding – genug Erfahrung in den Gefilden des dreckigen Mafia-Thrillers hat der Mann schließlich. Mit Dariusz Wolski fand der Italiener außerdem einen würdigen Ersatz für die Optik, wenngleich auch dessen Wüsten-Panoramen zwar stets sehr hübsch sind, aber nie die poetische Bildgewalt von Roger Deakins („No Country for Old Men“; „Blade Runner 2049“) erreichen. Dafür ist „Sicario 2“ in seinem Arrangement wesentlich dichter konfiguriert (und damit ein wenig näher an der Blockbuster-Rubrik einzuordnen): Mit bombastischer Action wird laut überzeugt. Doch auch die gemächlichen Sequenzen, wenn ‚Ruhe vor dem Sturm‘ angesagt ist, sind an Spannung kaum zu ertragen. Begünstigt wird dies auch durch die Musikerin Hildur Guðnadóttir, welche ihren letztes Jahr verstorbenen Freund und Kollegen Jóhann Jóhannsson ersetzt. In dessen Ehren wird stets mit asketischen Mitteln gearbeitet – mal mit flächigem Synthesizer, mal mit gleichmäßigen Trommelgeräuschen, welche den Rhythmus eines gigantischen Blechherzes in die Gehörmuscheln zaubern.

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Nicht nur die Optik ist überraschend düster, auch die Handlung entpuppt sich als dreckiger denn je: Der Oscar-nominierte Drehbuchautor Taylor Sheridan (ebenfalls für „Sicario“ verantwortlich) geht aufs Ganze und lässt den Betrachter mit der Verlagerung des Protagonisten-Posten von der moralischen Kate Macer (Emily Blunt) des Vorgängers auf die eiskalten Mörder Del Toro und Brolin ganz ohne Identifikationsfigur zurück. Beizeiten weiß man gar nicht mehr, ob man das FBI oder die Kartelle mehr verabscheuen sollte: Ob Folter oder brutaler Mord – keine Partei ist sich zu schade, völlig gesetzlos zu handeln und unmenschliche Machenschaften nach bloßer Effizienz abzuwägen. Verteidigungsminister James Riley (Matthew Modine) bezeichnet Terroristen als „Personen, die mit Gewalt politische Ziele erreichen wollen“ – während er gerade eine Mission billigt, die den Tod vieler Menschen und die brutale Entführung einer Jugendlichen involviert. Das Blut fließt (eine gewisse Hinrichtungsszene und ihr ‚aftermath‘ hat es an inszenatorischer Intensität richtig in sich). Darüber hinaus sind die Beziehungen zu- bzw. untereinander und jegliche Machenschaften hinter den Kulissen äußerst komplex und undurchsichtig gehalten. Man versteht meist erst im Nachhinein, wer hier gerade wen weshalb abgeknallt hat – doch gerade der Versuch, das Geschehen kategorisch zu analysieren und zu verstehen, macht als Kinogänger einfach tierischen Spaß. Durch diese dynamische Hektik und dem relativ großen Charakter-Ensemble fallen auch die im Grunde flachen Figuren (allen voran Teenagerin Isabela) nicht allzu negativ in die Waagschale. Erst wenn diese konsequente Schiene der Trostlosigkeit durch den heroischen Umschwenker einer der Protagonisten eine überraschende Wendung erfährt (welcher auf einmal so etwas wie Mitgefühl empfindet) und schließlich noch mit einem allzu simplen Hollywood-Ende die Suppe versalzen wird, ist man dann doch nicht mehr so euphorisch wie vielleicht noch zu Beginn.

Fazit: Knallhartes, dreckiges und komplex verstricktes Drogenkriegs-Epos, das seinem genialen Vorgänger wirklich alle Ehre macht – aber am Ende doch zu keinem Zeitpunkt die selbe künstlerische Finesse hat und ein wenig zu sehr ‚Haudruff‘ ist.

(4 / 5)