Sheikh Jackson – Filmkritik (Filmhighlight des 36. Filmfest München!)

(5 / 5)

© Cleopatra Entertainment

 

Regisseur/in: Amr Salama

Genre: Drama

Produktionsland: Ägypten

Laufzeit: 1 Std. 33 Min.

 

 

© Cleopatra Entertainment

Filme mit religiösem Thema können auf Außenstehende schnell eine allzu oppressive, aufzwingende Wirkung haben. Der ägyptische Regisseur Amr Salama erzählt durch seine Geschichte jedoch im Kern ein derartig universelles Grundbedürfnis nach Individualität und Selbstbestimmung, dass man mit „Sheikh Jackson“ weit mehr als nur die Aufarbeitung des modernen ‚Clash‘ zwischen Glaube und westlichen Werten vorfinden dürfte. Wenn Imam Khaled (Ahmed Malek // Ahmad El-Fishawi) wegen des Todes seines abgeschworenen Jugendidols Michael Jackson (Carlo Riley) in eine tiefe Glaubenskrise fällt, ist das keineswegs Propaganda gegen Teufelsmusik, sondern ein global auf sämtliche Kulturen ummünzbares Phänomen: Der ‚King of Pop‘ hat die Welt verändert und war für viele junge Menschen ein Zeichen des Umschwungs – ein rebellischer Zeitgeist gegen die öde Musiklandschaft der Elterngeneration. „Sheikh Jackson“ mausert sich damit gerade in den ‚Flashbacks‘ des pupertären Jugendlichen zum astreinen ‚Coming-Of-Age‘-Melodram, wenn der junge Khaled mit seinem modernen Lebensstil immer wieder gegen die Erwartungen seines chauvinistischen und nicht nur erzieherisch unfähigen Vaters stößt. Genauso herzerwärmend es ist, unseren Protagonisten im Kinderzimmer beim theatralen ‚Moonwalken‘ emotional völlig aufgehen zu sehen, so tragisch ist es auch mitanzusehen, wie er krampfhaft versucht, diese Kraft spendende Leidenschaft aufgrund seines Glaubens im Erwachsenenalter zu verdrängen. Khaled sieht sich vor der Aufgabe, zum einen sein authentisches Selbst zu akzeptieren und zum anderen, die Angst davor abzulegen, von der Außenwelt dafür verurteilt zu werden.

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Es ist wahrlich bezaubernd mitzuerleben, wie meisterhaft Salama eine Gratwanderung zwischen Drama und charmantem Witz gelingt (Jap, Humor kommt auch nicht zu kurz – Stichwort: Sünden-Gerätschaft). Alle Charaktere werden derart liebevoll von ihren Darstellern und dem zugrundeliegenden Skript auf die Leinwand gezaubert, dass selbst das Handeln der hassenswertesten Figuren innerhalb ihres Kontextes immer nachvollziehbar bleibt und schlussendlich auch verziehen werden kann. Darüber hinaus bietet jede Szene zuverlässig einen neuen kreativen Einfall, welche die vorangegangene an Einfallsreichtum mitnichten in die Tasche steckt und sämtliche Mittel der Kinematografie kunstvoll zu nutzen weiß. Ob eine Moschee-Tanzeinlage mit Michael Jackson ‚himself‘, eine zum rhythmischen Konzert umfunktionierte Auto-Reperatur-Sequenz oder eine traumhafte Hommage-Montage aller Michael-Jackson-Musikvideos – es wird nicht langweilig, wirkt trotz aller gewagten Ideen nie ‚out-of-place‘ und jede Szene verfügt darüber hinaus über ein essentielles Handlungsnarrativ. Nichts ist überflüssig, der Film ist schlicht unfassbar rund. Und das auch noch völlig ohne (!) Originalmusik von Jackson. Richtig gelesen – den Produzenten wurde die Anfrage nämlich verweigert und die Rechte wären wohl ohnehin zu teuer gewesen. Ironischerweise fällt dies nicht einmal negativ in die Waagschale – eher kann man es sogar im Kontext der Universalität des Projektes interpretieren, dessen grundlegende Botschaft schlicht lautet: „Be prouf of yourself“. Der genaue Kontext ist davon unabhängig und Jacksons Musik im Endeffekt dann doch nur ein parabolisches Beispiel.

 

Fazit: „Sheikh Jackson“ ist ein zugkräftiges und inszenatorisch unendlich kreatives Drama über die prekäre Reise hin zu persönlicher Erfüllung – zu lernen man selbst sein, unabhängig davon, was die Welt von einem verlangt oder welche inneren Dämonen einen davon abhalten. Ein verzauberndes und völlig mangelfrei perfektionistisches Stück Kino – umgesetzt wie im Lehrbuch und doch höchst eigen.

(5 / 5)