Make It Real – Scorpions beim Rosenheim Sommerfestival (Konzertbericht)

Fraglos, Rammstein sind unangefochten die erfolgreichste deutsche Band im internationalen Raum, zusätzlich mit deutscher Sprache! Einige wenige deutsche Bands haben es aber bereits einige Jahrzehnte zuvor geschafft, sich weltweit als großer Act zu etablieren. Das Aushängeschild hierfür waren und sind immer noch: die Scorpions. Mit „Wind Of Change“ haben sie sich auf ewig in die deutsche Historie gesungen, in Amerika bespielen sie Arenen und ja – im Verhältnis waren sie dort auch bereits öfter als in Deutschland selbst. Nun kehren die Rockmusiker allerdings wieder zurück in heimische Gefilde und bespielen am 19. Juli 2019 das Rosenheim Sommerfestival. Die 9.000 Karten waren rasend schnell vergriffen, das Wetter hält, die Zeichen stehen bestens!

Mit etwas Verspätung um 19 Uhr startet allerdings erst einmal die Vorgruppe. Selbstredend handelt es sich hierbei aber nicht um irgendeine unbedeutende Band, nein, Beyond The Black höchstpersönlich übernehmen den Slot. Die ebenfalls deutsche Symphonic Metal-Band feiert seit ihrem Debüt auf dem Wacken Open Air 2014 riesige Erfolge und kann mittlerweile auf drei veröffentlichte Alben zurücksehen, beim Release-Konzert zu ihrer letzten Platte „Heart Of The Hurricane“ sind wir natürlich dabei gewesen! Nun hat die Formation um Frontfrau und Mastermind Jennifer Haben 60 Minuten, um die Rosenheimer mit ihren drückenden Riffs um den Finger zu wickeln – und es funktioniert (trotz anfänglicher Mikro-Probleme) prächtig. Auch wenn es musikalisch fast ein wenig zu wild für die Scorpions ist, wissen Haben & Band sehr wohl zu überzeugen und bieten eine makellose Live-Performance, Raritäten wie „Heaven In Hell“ inklusive, dar, die selbstredend maßgeblich von der starken Stimme der Sängerin abhängt. Ob die Scorpions diese Wucht an Musik toppen können? Ein schweres Unterfangen.

Setlist: In The Shadows / Lost In Forever / Songs Of Love And Death / Hysteria / When Angels Fall / Heaven In Hell / Through The Mirror / Million Lightyears / Heart Of The Hurricane / Shine And Shade / Hallelujah

Die ersten Minuten sind vielversprechend, denn die Scorpions lassen sich nicht lumpen und „Going Out With A Bang“, ebenfalls nicht ganz pünktlich um 20:35 Uhr! Der Auftakt für die folgenden 100 Minuten Rock-Historie. Die „Crazy World“-Tour treibt die Band bereits seit 2017 durch die Ländereien dieses Planeten, auch die letzten beiden Jahren haben sie damit in Deutschland einige Konzerte gespielt. Die Idee eines Abschieds? Anscheinend längst wieder verworfen und weit entfernt. Kein Wunder, die Band präsentiert sich in musikalischer Topform, Gitarrist Rudolf Schenker sieht so fit aus wie vielleicht noch nie zuvor und performt sich durch die unzähligen Hard Rock-Riffs. Besondere Bereicherung: Drummer Mikkey Dee, der nach dem Ende von Motörhead 2016 direkt zu Scorpions wechselte. Sein prägnantes und kraftvolles Drumming bringt den nötigen Wumms, den die teilweise etwas arg lustlosen Musiker etwas vermissen lassen.

Das ist wohl auch der größte Kritikpunkt: der Auftritt an sich. Mag musikalisch alles passen und der mittlerweile 71-jährige Klaus Meine alle Töne treffen – es fehlt jegliche Passion. Jede Pose, jede Ansage ist einstudiert, wird heruntergeleiert. Dienst nach Vorschrift. Das alles macht natürlich nicht die große und starke Bühnenproduktion, inklusive Drum-Solo mit fliegendem Drum-Set, zunichte, die durchaus einige Schauwerte bietet und das irrsinnig Smartphone-affine Publikum zum Durchdrehen bringt. „Ich will eure Hände sehen, nicht eure iPhones“, sagt Meine ins Mikrofon. Keine Chance, das Mitfilmen ist heilig. Manch Besucher drängelt sich dabei sogar in die vordersten Reihen mit der Begründung, er wolle nur Fotos machen. Bei solchen Kommentaren ist ein Handyverbot, wie es Jack White im Zenith durchgezogen hat, schon wieder wünschenswert. In jedem Fall bleibt ein solides Rock-Konzert, das ein wenig Individualität zu wünschen übrig lässt, aber durchaus zu gefallen weiß. Die mitreißende und äußerst passionierte Performance von Beyond The Black können die Herren dann allerdings nicht toppen – Legendenstatus hin oder her.

Setlist: Going Out With A Bang / Make It Real / Is There Anybody There? / The Zoo / Coast To Coast / Medley (Top Of The Bill / Steamrock Fever / Speedy’s Coming/ Catch Your Train) / We Built This House / Delicate Dance / Holiday / Send Me An Angel / Wind Of Change / Medley (Bad Boys Running Wild / I’m Leaving You / Tease Me Please Me) / Blackout / Big City NightsZugaben: Still Loving You / Rock You Like A Hurricane

Bericht: Ludwig Stadler