Traumfahrt im Quecksilbernebel – „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ am Gärtnerplatztheater

Begnadet, gefeiert, von Krankheit gezeichnet. Franz Schuberts so kurzes Leben bietet Stoff für Erzählungen. Der Komponistin Johanna Doderer und dem Librettisten Peter Turrini bot es genug Inspiration, um eine ganze Oper über den im Alter von 31 Jahren verstorbenen Komponisten Schubert zu schreiben. Schuberts Reise nach Atzenbrugg – ein Auftragswerk – feierte am 16. Mai 2021 Uraufführung am Staatstheater am Gärtnerplatz.

Die Handlung der Oper scheint simpel. Der Komponist unternimmt mit seinen Freunden einen Tagesausflug, bei dem sie gemeinsam im Leiterwagen von Wien nach Atzenbrugg fahren. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Doch Schubert verfällt aufgrund seiner Krankheit und der daher erforderlichen Behandlung mit Quecksilberdämpfen immer wieder in Träumereien und Wahnvorstellungen. Während die anderen sich amüsieren, scheint er ständig mit sich selbst zu kämpfen.

© Christian POGO Zach

Johanna Doderer sagt in der Stückeinführung, sie wolle in der Oper den Menschen Schubert zeigen. Einen Menschen, dessen musikalisches Ausdrucksvermögen schier himmlisch erscheint, der sich jedoch mit Worten nicht zu artikulieren vermag. Da braucht man sich nicht wundern, dass er bisher noch nicht zu einer anständigen Liebschaft vorgedrungen ist, wenn er es nicht einmal schafft, seiner Angebeteten Josepha von Weisborn im Zuge der Reise eine Liebeserklärung zu machen. Seine Freunde, alle miteinander ebenfalls im Kunst- bzw. Musikgeschäft tätig, sind ihm bei diesem Anliegen ebenfalls keine große Hilfe. Vielmehr stehen sie ihm im Weg und sabotieren seine Absichten sogar wissentlich. Einzig die Fleischerstochter Dorothea Tumpel, welche auf der Reise die hohe Kunst entdecken und das Wursteln einmal hinter sich lassen soll, scheint das Innere Schuberts zu durchschauen und ihm sinnvolle Tipps mit auf den Weg geben zu wollen. Die Rolle wird charmant und äußerst humorvoll interpretiert von Florine Schnitzel.

© Christian POGO Zach

Doderers Musik ist vielschichtig, verbindet sich einzigartig mit dem Geschehen auf der Bühne. Sowohl in solistischen Passagen als auch in Ensembles scheint die Musik immer wieder mehr über die Charakteristika der Figuren, so wie ihre intendierten Absichten zu verraten, als die Worte allein. Der Wechsel zwischen den realistischen Szenen und Schuberts Traumsequenzen gelingt zudem auf der musikalischen sowie szenischen Ebene hervorragend. Spannende Lichtwechsel, interessante Bühneninstallationen und eine Komponistin, die mit ausgefallen Harmonien und schwierigen Rhythmen umzugehen weiß – dies alles macht die Brüche der Oper zu einem ganz besonderen Erlebnis für Augen und Ohren.

Regie führte der Intendant des Gärtnerplatztheaters, Josef E. Köpplinger, selbst. In seiner Arbeit zeigt sich eine ganz besondere Liebe zu den unterschiedlichen Figuren, indem er den Solist:innen genug Raum zur Entfaltung ihrer so verschiedenen Charaktere einräumt. Daniel Prohaska, welcher die Rolle des Protagonisten übernimmt, zeigt in seinem Spiel ein ganz besonderes Verständnis für die Vielschichtigkeit des Wesens Schuberts und überzeugt nicht nur auf darstellerischer, sondern auch auf gesanglicher Ebene. Dies gilt darüber hinaus für das gesamte Ensemble, so wie den Chor und Kinderchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz, welche dem Publikum in phänomenaler Teamleistung einen so spannenden Einblick in den Menschen Franz Schubert ermöglichen.

Letztendlich bleibt in diesen Zeiten nicht viel mehr als Anerkennung für eine derartige Gesamtkomposition, Hochachtung vor der Arbeit des Theaters in der Krise und Dankbarkeit, dass wir diese Arbeit nun wieder live vor Ort erleben dürfen.