Tanz für mich – „Salome“ in der Staatsoper (Kritik)

Sechs Jahre dürfte ich gewesen, als ich meine erste Oper besucht habe, „Hänsel und Gretel“. Viel faszinierender fand ich aber das Bild des Kopfes auf dem Silbertablett. Irgendwie morbide (das Wort kannte ich damals sicher noch nicht) und abschreckend, aber auch spannend. Meine Begleitung hat mir damals erzählt, dass der Kopf von einem Mann sei, der der Frau, die den Kopf empfängt, durch seinen Tod und Suizid die wahre Liebe beweisen wollte. Das klang zwar eklig, aber auch ein wenig romantisch, seitdem wollte ich diese Oper sehen. Dass es sich dabei um „Salome“ von Richard Strauss handelt und die Handlung absolut überhaupt gar nichts mit der Erzählung zu tun hat, kann man nun immerhin wieder an der Bayerischen Staatsoper sehen. Krzysztof Warlikowski hat den schweren Stoff für die Münchner Opernfestspiele 2019 inszeniert. Und zugebenen – die Handlung hätte ich einem Sechsjährigen damals auch nicht erzählt.

© Wilfried Hösl

Ein großer Büchersaal, teils mit zusammengefallenen Regalen, bildet das Grundsetting. Eine klassische Inszenierung ist das zwar nicht, aber das war bei Warlikowski fast schon zu erwarten. Er spielt sich mit den Elementen der Schiebebühne, lässt Wolfgang Koch als den Propheten Jochanaan auf einen gefliesten Gang erstmals auftreten. Leider scheint er sich dabei ein wenig in seiner Gedankenwelt und den Überlegungen zum Stück zu verlieren und schafft es vor allem gegen Ende hin nicht mehr, der Inszenierung einen erkennbaren Weg abzuverlangen. Wenn zum Schluss ein Spot auf die mit der Kiste, in der sich Jochanaans Kopf befindet, liegende Salome fällt, zeitgleich ein blutverschmierter James Bond-Verschnitt eine Waffe ins Nichts richtet und krude Animationen sich im Hintergrund zurückentwickeln, die sich während des Tanzes der Salome schon wenig nachvollziehbar gebildet haben, bleibt man eher mit so viel Fragezeichen zurück, dass man kaum mehr einen Deutungsversuch wagt. „Man töte dieses Weib!“, tönt Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Herodes im letzten Satz. Anschließend richtet er die Waffe auf sich. Naive, antipathische Charaktere sind sie alle, die in „Salome“ agieren – einzig Pavol Breslik als Narraboth scheint ein reines Herz zu haben, stirbt aber in Windeseile.

© Wilfried Hösl

Dabei ist die musikalische Komponente an Perfektion kaum zu übertreffen. Klar, wir reden von einer Strauss-Oper, dementsprechend amelodisch oft das Zusammenspiel von Gesangs- und Instrumentalmusik, das sollte sich nie als die Stärke des Münchner Komponisten herausstellen. Seine instrumentalen Arrangements sind allerdings in „Salome“ so stark, dass Generalmusikdirektor Kirill Petrenko mit seinem Bayerischen Staatsorchester so aus den Vollen schöpft wie irgend möglich. Selbst die grandiose Marlis Petersen in der Titelpartie, die von den Sängerinnen mit Abstand den lautesten Applaus verdient bekommt, schafft es nicht, die überragende Orchester- und Dirigatsleistung zu übertrumpfen. Wenn die Oper auch sonst mit ihren 105 Minuten Laufzeit exakt die richtige Länge hat – ginge es nur um das Orchester, man könnte ewig lauschen.

© Wilfried Hösl

Dennoch bleiben manche Stellen im Libretto etwas fragwürdig, vergleicht man sie in der Umsetzung. Insbesondere Wolfang Koch in seinem vollkommen unveränderten Auftreten löst einige Fragezeichen aus. „Ganz jung“, „schwarzes Haar“, „roter Mund“, „ganz weiß“ – nichts von alledem wurde umgesetzt, allerdings besungen. Schade, hier wirkt es fast so, als hätte man den Teil im Versinken des Regietheaters vollkommen vergessen.
Nichtsdestotrotz funktioniert „Salome“ als Studie der Antipathie. Glücklich und zufrieden verlässt man die Oper garantiert nicht, von Beginn an erscheinen weder Salome noch Jochanaan als sonderlicher Publikumsliebling. Auch Herodes wirkt oft wie ein naives Kleinkind, etwas zu sehr triebgesteuert, während seine Frau Herodias immer etwas zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter tingelt. Der Anblick des Kopfes bleibt dem Publikum erspart – das wäre dann wohl aber auch eine Überladung zu viel gewesen.

Kritik: Ludwig Stadler