Neandertaler im Schlafanzug – „Ronja Räubertochter“ im Residenztheater (Kritik)

Es gibt nur wenige Bücher, die Eltern ihren Kindern generationsübergreifend vorlesen, Klassiker wie „Die unendliche Geschichte“, „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ oder „Pippi Langstrumpf“ – „Ronja Räubertochter“ gehört ebenfalls dazu. 1981 erschienen, ist es den meisten Kindern im Publikum des Residenztheaters wahrscheinlich so bekannt, dass sie schon vorher sagen können, was jetzt gleich passiert. Das tun sie am Samstag, 16. November 2019, zur Premiere des Familienstückes auch vereinzelt im Flüsterton. Alle sind sehr aufgeregt, nicht nur die kleinen Zuschauer, sondern auch die Besetzung, schließlich handelt es sich um eine Produktion des Formates ‚Resi für Alle‘. Das bedeutet, dass einige Mitglieder der Räuberbande von Münchner Bürgern verkörpert werden, die nicht als SchauspielerInnen am Theater arbeiten.

© Adrienne Meister

Vorab sei gesagt: Alle DarstellerInnen machen sich hervorragend. Dass die Räuberbande nicht vollständig aus ausgebildeten Darsteller besteht, fällt nur auf, weil nicht alle gleich viel Text haben. Denn die Mattisräuber, das ist ein verwurschtelter Haufen! Mit ausgestopften Hintern und Bäuchen wirken sie tollpatschig und so gar nicht beängstigend. Das wirft eine interessante Grundvoraussetzung für das Stück und die Textvorlage auf: es geht hier um Ronja und ihre Wahrnehmung der Welt und der Menschen darin. Für sie sind die Räuber ihrer Burg drollige Kameraden, die gegnerische Räuberbande, die Borkaräuber hingegen, das sind alles Hosenscheißer, das hat man ja schon lang gehört. Davon geht Ronja aus, bis sie Birk Borkason trifft, der ist nämlich anders als erwartet, so anders, dass die beiden am liebsten Geschwister wären, sehr zum Verdruss der Eltern.

Wer den Film von 1984 kennt, der erkennt auch die Parallelen, dieser wiederum hält sich sehr dicht an die Romanvorlage – so entstammt praktisch der gesamte Text exakt dem Buch. Daniela Kranz nimmt bei der Inszenierung nur kleine Änderungen vor. So beginnt die Geschichte im Original bereits mit den erschreckendsten Figuren im Mattiswald, den Wilddruden, das erspart Kranz den Kindern, die Inszenierung kommt zudem mit einer einzigen Drude (Claudia Ellert) aus. Die genügt auch: vereinzeltes Weinen im Saal. Ein paar ängstliche Kinder gibt es wohl immer, das Familienstück trägt die Empfehlung ab 6 Jahren und dafür ist es nicht zu düster oder gruselig. Im Gegenteil, die Dramaturgin Stefanie Hackl schafft es nach jeder gruseligen Szene etwas Heiteres oder Vertrautes folgen zu lassen.

Die Inszenierung ist im Allgemeinen nur wenig Illusionstheater, die Musiker auf der Bühne machen den Kindern klar, was jedem erwachsenen Theatergänger ganz selbstverständlich ist: das hier ist gespielt, die Musik kommt aus einer Gitarre, der Gitarrist versteckt sich nicht, um sie zu erzeugen. Zu den Liedern gibt es auf die Literaturvorlage oben drauf noch ein paar Songs, besonders eingängig: der Ronja-Song mit Text von Federico Sanchez. Wirklich schade ist hier, dass die Worte in den Songs nicht immer gut zu verstehen sind.
Die Drehbühne zeigt zuweilen das Innere der Mattisburg, zuweilen den felsigen Wald und den ‚Höllenschlund‘. Mit großen Klettersteinen und Wänden, auf die mit Kreide geschrieben wird, erinnert sie ein wenig an das Kinderparadies eines schwedischen Möbelhauses – eine Anspielung darauf, dass Astrid Lindgren ebenso wie IKEA zum Klischee für Schweden gehört?

© Adrienne Meister

Die Kostüme von Ronja und Birk erinnern mit den weißen T-Shirts und Hosen ein bisschen an Kostüme vom Familienversandhaus – als sei das ganz Räuberdasein ein großes Spiel der beiden Kinder. Die Räuber tragen allesamt Ganzkörper-Overalls, teilweise mit einer Reihe Druckknöpfen auf der Rückseite. Mit ihren Fellen sehen die Räuber also ein bisschen aus wie Neandertaler im Schlafanzug. Sie sind zwar gemütliche und gutmütige Kerle – aber ein bisschen wie trotzige Kleinkinder. Oberhaupt davon ist Ronjas Vater Mattis, der zwar eine große Klappe hat, aber mit seinen Emotionen so überfordert ist, dass er seine Tochter verleugnet, als sie sich als Pfand gegen Kamerad Birk den gegnerischen Borkaräubern ausliefert. Den blödelnden Räuber Mattis trifft Thomas Huber wirklich gut und erntet Sympathie, auch den Trotzkopf, der sich vom weisen Glatzen-Per (Winfried Küppers) nichts sagen lassen will, nimmt man ihm gut ab. Nur was die Vaterliebe und die Tiefe der Figur betrifft, hapert es ein wenig. Evelyne Gugolz die Ronjas Mutter Lovis gibt, hat es da schon leichter. Lovis ist stark, unabhängig und in dieser Inszenierung sogar ein bisschen rotzig, ihr Overall hängt an der Hüfte wie ein Bauarbeiter-Blaumann – sie hat die Hosen an. Damit entspricht sie einem bei Lindgren verbreiteten, emazipierten Bild.
Noch mehr bleibt Undis im Gedächtnis. Mit Rapunzeloptik und einer großen Klappe hat auch bei den Borkaräubern eine Frau das Sagen. Undis sagt viel; vor allem, als sich die Räuberbanden zur Verhandlung am Höllenschlund treffen, gerät Nicola Kirsch regelrecht außer sich, kloppt und wedelt mit ihrem blonden Zopf herum – ein richtiges Haar-Tourette. Damit sorgt sie beim erwachsenen Publikum für wahre Freude. Thomas Reisinger bleibt dahinter als Borka auch in der Romanvorlage weit zurück.

© Adrienne Meister

Welche Figuren bleiben noch zu erwähnen? Natürlich Ronja und Birk. Paula Hans beschreibt im Interview mit der Abendzeitung zuvor, dass sie erst herausfinden musste, wie sie sich der Kinderrolle annähern kann und sich schlussendlich entschied, mit dem Herzen eines Kindes zu fühlen. Das sieht man und fühlt mit, wann immer Ronja fröhlich und glücklich ist oder energiegeladen auf dem Snowboard über die Bühne fliegt – Ronjas Leichtigkeit und ihren Optimismus trifft sie damit ganz ausgezeichnet. Auch Angst oder Wut spielt sie gut. An ihrer Seite Birk, der ebenso mutig ist wie sie, aber emotional etwas ausgeglichener, deeskalierend, verständnisvoll, auf der Suche nach Zuspruch. Birk wird von Niklas Mitteregger in seiner ganzen Komplexität erfasst und zum Leben erweckt- das ist großartig!

Ein großes Kompliment auch an die Kostüme der Graugnome, Rumpelwichte und der Wilddrude – Viva Schudt, die auch das Bühnenbild kreeiert hat, schafft ästhetisch einen Grad zwischen romantischer Waldidylle, zeitgenössischer Gestaltung und Fantasie. Vor allem zum modernen Aspekt trägt auch die Musik von Polly Lapkovskaja und Nicholas McCarthy bei, die manchmal, aber eben nicht immer das märchenhafte dieser Geschichte unterstützt.

Der Gesamteindruck zu dieser Inszenierung? Schauspielerisch können alle Darsteller überzeugen, das ‚Resi für Alle‘  die Räuberbande – werden nicht als Laien aufs Abstellgleis gestellt, sondern gleichberechtigt mit den anderen Darstellern präsentiert. Die Ästhetik des Stückes geht einen Weg zwischen einem zeitgenössischen Ansatz und dem Nett-Anzusehen-Märchen. Mit 90 Minuten ohne Pause ist das Stück absolut geeignet für Kinder ab 6 Jahren. Allerdings hätte das Stück vor allem den Kindern etwas mehr Stimmung machen können. Wenn Ronja beispielsweise ruft ‚Alle mal hoch die Pfoten‘ und sich im Publikum nichts rührt, ist da bei der Stimmung der Kids – im wahrsten Sinne des Wortes – noch Platz nach oben.

Kritik: Jana Taendler