Out Of Myself – Riverside im Freiheiz (Konzertbericht)

Es gibt sie eben, diese Bands. Diese Bands, bei denen man einen Ton hört und schon ist man so gebannt, dass man nicht mehr rauskommt aus dieser Atmosphäre. Musik entführt in andere Welten? Wenn das bei einer Band zutrifft, dann wohl auf Riverside. Die Polen schaffen es mit scheinbarer Steven Wilson-Affinität Musik zu kreieren, die dermaßen unter die Haut geht, dass ein Besuch eines ihrer Live-Konzert zur Pflicht wird. Am 20. September 2019 im Freiheiz konnte man sich nun von den Qualitäten der Art-Rocker überzeugen, als Support sind die nicht minder einzigartigen iamthemorning dabei.

Diese sind es auch, die pünktlich um 19:50 Uhr loslegen und bereits die großartige Akustik des Freiheiz vollends ausreizen. iamthemorning sind musikalisch mit ihrem progressiven Akustik-Ensemble zwar im Stil von Liedern des Headliners, insgesamt aber deutlich ruhiger. Das stört allerdings wenig, die Fans sind offen für anspruchsvolle und klanglich ansprechende Musik, wie sie absolut gegeben ist. Sängerin Marjana Semkina hat sich grade erst so richtig eingegroovt, da ist die Performance nach 45 Minuten bereits wieder vorbei. Der Applaus ist aber deutlich: ein starker Auftritt.

Als Übergangsmusik entscheiden sich Riverside für ein atmosphärisches Rauschen, das kurz vor 21 Uhr dann in der Dunkelheit weitergeht und anschließend in den Opener „The Night Before“ mündet, der sich in bester Manier zum Support befindet. Doch keine Angst, die Gitarren werden bereits beim folgenden „Acid Rain“ ausgepackt und münzen bei „Vale Of Tears“ im bisherigen Riff-Höhepunkt. Die Show beschränkt sich auf einige Laser-Lichter, aber das reicht auch vollkommen – die Musik selbst spricht über das rund 120-minütige Konzert Bände. Die Akustik im Freiheiz ist sowieso einem jeden Tonmischer wohlgesonnen, und so klingt jeder Ton glasklar, fein ausgepegelt, dabei aber laut genug, um jedem Instrument seinen Raum zu geben. Könnte es irgendwie besser sein? Wohl kaum.

Einzig die Halle ist lediglich gut gefüllt, nicht ganz ausverkauft. Das mag womöglich auch an dem Tod des Gitarristen und Gründungsmitglieds Piotr Grudzinski im Jahr 2016 liegen, der ein starkes Einschneiden der Band bedeutete – Pause, Neufindung. Die Rückkehr mit dem Album „Wasteland“ dann im Jahr 2018 – vielleicht stärker und abwechslungsreicher denn je. So fein wie diese Melodien hat man Riverside noch nicht gehört, dementsprechend einfühlsam und mächtig wirken die neuesten Stücke, die auch ein Großteil der Setlist ausmachten. Besonders der Abschluss der Main-Set, Titel-Track „Wasteland“, erzeugt zehn Minute reine Gänsehaut – die Wechsel von melodischer Akustik zu hart-progressiven Gitarren-Riff sind schier grandios.

„Progressive Rock ist unsere Bezeichnung“, sagt Frontmann Mariusz Duda. „Der Nachteil: Progressive ist Musik für alte Menschen.“ Leises Lachen im Freiheiz, ein paar verdutzte Gesichter. Duda relativiert: „Aber da gibt es einen großen Unterschied bei uns. Hört man Riverside, fühlt man sich jünger“. Und damit ist dann auch schon alles gesagt.

Setlist: The Night Before / Acid Rain / Vale Of Tears / Escalator Shrine / Lament / Saturate Me / Out Of Myself / Second Life Syndrom / Left Out / Guardian Angel / Lost (Why Should I Be Frightened By A Hat?) / #Addicted / Egoist Hedonist / WastelandZugaben: The Depth Of Self-Delusion / 02 Panic Room / River Down Below

Bericht: Ludwig Stadler