Blutige Tränen unter der Maske des Spaßmachers – „Rigoletto“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)

Ein Komiker mit düsterer Seite, der tief in sich doch eigentlich gute Absichten pflegt, von seinem Umfeld jedoch immer wieder in die Rolle des schadenfrohen, bösen Clowns gedrängt wird. Wie könnte man diese Figur besser darstellen, als mit dem Joker aus dem DC-Universum? So modern wie genial zeigt sich die Figur des „Rigoletto“ im gleichnamigen Stück, welches am 30. Januar 2020 Premiere im Gärtnerplatztheater feierte.

© Christian POGO Zach

Es ist ein kurzer Moment der Überraschung, wenn man den Star aus dem Kinohit des vergangenen Jahres plötzlich auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters wiederfindet. Doch das Bild fügt sich schon nach kurzer Zeit perfekt zusammen und der Charakter Rigoletto wird mit so viel Modernität und Leben gefüllt, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat. Aris Argiris verkörpert die Rolle souverän und glaubhaft. Gerade noch geschminkt und in den Joker-typischen Farben grün und lila gekleidet, wird er plötzlich, nachdem er die Maske und das Kostüm abgelegt hat, zum liebenden, sorgenden Vater und hat für seine Arbeit und die manipulativen und bösen Menschen, die ihn dort umgeben, nicht viel mehr als Verachtung übrig.

© Christian POGO Zach

Er arbeitet beim Herzog von Mantua als dessen leibeigener Spaßmacher. Der Herzog, gespielt von Lucian Krasznec, ist in seinen jeweiligen Emotionen so aufgewühlt, dass die Verkörperung der Rolle zur Herausforderung wird. Krasznec jedoch ist so stark in den jeweiligen emotionalen Sprüngen, die seine Figur durchlebt, dass es einfach nur Spaß macht, ihm dabei zuzuschauen. Er wechselt von einem mächtigen Herrscher, über einen verträumten, verliebten Jüngling bis hin zu einem lüsternen, schamlosen Verführer. Das bekannteste Lied der Oper, „La donna è mobile, singt er mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Freude, dass man einfach an seinen Lippen hängen muss.

Gesanglich haben Oper und Darsteller generell extrem viel zu bieten. Die Solisten überzeugen durch die Bank weg mit souveränem und ausdrucksstarkem Gesang. Vor allem Jennifer O’Loughlin, welche die Rolle von Rigoletto’s Tochter, Gilda, übernimmt, zeigt in ihren solistischen Stücken sehr viel Virtuosität und gesangliche Fähigkeit. Der Herrenchor, welcher noch durch einen Herrenextrachor vergrößert wird, ist stark und überzeugend im Zusammenklang und stellt die Wirkung der Masse gegen den Einzelnen gekonnt in Szene.

© Christian POGO Zach

Die Oper wird mit viel Freude an der Moderne umgesetzt, aber nie so, dass es zu viel wird. Das Gesamtbild bleibt überzeugend, die Figuren der Vorlage treu. Dennoch weiß der Regisseur Herbert Föttinger komische Momente gekonnt in dieses düstere Spektakel einzubauen. Und nicht nur komische Momente finden ihre Berechtigung in dieser Inszenierung. Es wird zudem viel mit Rauschzuständen, Momenten der Trance und Unkenntnis gespielt. Immer wieder wird das Bühnenbild, ein großer Aufbau aus Treppen, Fenstern, Balkonen und einem Wasserbecken, welcher unglaublich viele Möglichkeiten zum Spiel bietet, in Nebel eingehüllt und die Figuren scheinen fast in der Nebelfront unterzugehen. So auch Rigoletto, dessen Unkenntnis über den nebelartige Schein, der sich über die Geschehnisse legt, ihm am Ende zum Verhängnis wird.

Eine solch phänomenale, moderne und erfrischend andere Inszenierung dieser bekannten Oper kann am Ende nur mit 15-minütigem Applaus inklusive Standing-Ovations belohnt werden und ist eine Empfehlung für jeden Opern- und auch Kinofan.

Kritik: Rebecca Raitz