Generation Faul? – „Probleme Probleme“ im Volkstheater (Kritik)

First-World-Problems, Luxusprobleme, Meckern auf hohem Niveau. Statt Shellac im Nagelstudio Gel bekommen, in der U-Bahn zu schlechte Luft und jeden Montag morgens wieder diese Qual: Aufstehen! Ein Konglomerat dieser Befindlichkeiten bringt Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung „Probleme Probleme“, die am 26. August 2020 am Münchner Volkstheater Premiere feierte. Ob der Text nun eine Karikatur jener Person ist, die wir alle im Freundeskreis haben und immer nur über absolute Belanglosigkeiten klagt, als hätte sie gerade eine Krebsdiagnose bekommen, oder ob eine Generation verwöhnter Großstadtgören aufs Korn genommen werden soll, der es so gut geht, dass sie nur noch herummeckern, entscheidet wohl jeder selbst.

© Arno Declair

Drei Darsteller*innen widmen sich dem Text in etwa neunzig Minuten unterhaltsam, überraschend und sehr anregend. Der Abend beginnt damit, dass Protagonistin Beatrix brutal aus dem Schlaf gerissen wird, mit einer so grauenvollen Zumutung wie einem Telefonanruf. Völlig synchron fahren Henriette Nagel, Jakob Immervoll und Max Poerting hoch, erschrecken und sinken dann endlich wieder in sich zusammen. Abdullah Kenan Karaca verteilt den Text so auf alle Schauspieler*innen, dass keinem von ihnen markante Charakterzüge der Figur anhaften. Alle drei sind Beatrix, die so bequem, so faul ist, dass ihr sogar das Anziehen zu viel ist. So behäbig, dass selbst der Name wie Kaugummi in die Länge gezogen wird beim Sprechen. Das Schöne an der Inszenierung: Viele der Zuschauer*innen dürften sich wohl in der einen oder anderen Situation wieder erkennen: Hat sich nicht jede schon einmal darüber geärgert, dass die Laufmasche in der Strumpfhose immer erst zu sehen ist, wenn man sie schon trägt, egal wie gewissenhaft sie zuvor inspiziert worden ist? Beatrix ist die Personifikation dieser kleinen Ärgernisse des Alltages und der reflektierte Zuschauer wird sich schnell fragen: „Geht’s eigentlich noch?“

In der Inszenierung geht jedenfalls sehr viel. Doch wie kann man Behäbigkeit und dauerhafte Unlust so darstellen, dass der Beobachter den Abend dennoch als anregend und unterhaltsam empfindet? Karaca macht es vor! Immer wieder durch Slapstickkomik aufgelockert, bekommt die Erzählung einen angenehmen Rhythmus. Dennoch sind die Textanschlüsse der Darsteller*innen sehr auf Zack, was den Abend lebendig macht. Die Sprechanteile wechseln sich gleichmäßig ab, sodass keine monologartigen Längen entstehen. Wie spielt man eine Figur, der man selbst nur Abneigung entgegenbringen würde authentisch? Immervoll bringt dieses Kunstwerk auf die Spitze. Ihm kauft man die realitätsferne, verwöhnte Göre sofort ab. Auch Nagel überzeugt durchgehend als Beatrix. In Poertings Performance wird deutlich, dass er persönlich die Figur ganz furchtbar findet. Vor allem zu Beginn kommt Beatrix‚over the top‘-Attitüde als Overacting heraus und Poertings Sprache ist eher geschrien. Im Verlauf des Abends groovt auch Poerting sich dann aber ein und gibt Beatrix in der Rolle der Geliebten, des unschuldigen Sugarbabes so hinreißend wie die beiden Kollegen es vermutlich nie gekonnt hätten.

© Arno Declair

Diese Authentizität ist extrem wichtig, um die Inszenierung nicht zu einer Hasstirade auf die verwöhnte Hauptfigur werden zu lassen. In ihrer Absurdität wird Beatrix dennoch ernst genommen und das Publikum kann selbst Schlüsse ziehen. Zu den Hauptpassagen, die vor allem durch hochwertiges Sprechtheater geprägt sind, mischen sich choreografische Elemente, die einen hohen Unterhaltungswert und Auflockerung mit sich bringen. Ein kleines Tänzchen zu Musik und buntem Licht beispielsweise, bei der Erinnerung an Bekanntschaft Jeanne. Klassisches Regiehandwerk wird sichtbar, als sich das Stück dem Zentrum von Beatrix‘ Aufmerksamkeit zuwendet: dem Schönheitssalon René (chorisch gesprochen, mit entsprechender, dem Musical entstammender Geste aller drei Darsteller*innen). Hier kommt auch das Bühnenbild (Vincent Mesnaritsch), große Mengen an Folie, sehr illustrativ zum Einsatz, es wird als endlos langes Rapunzelhaar genutzt oder als Handtuch auf dem gewaschenen Kopf. Auch die Erfahrungen bei René werden mit reichlich Slapstick zu einem kleinen Abenteuer. Richtig in Fahrt kommt Karaca dann bei einem verpfuschten Make-Up. Was ein primitives Gemüt wie Beatrix im Horrorfilm sein muss, stellt er genau so dar: Licht aus, Taschenlampe unters Kinn und loskreischen.

Nach diesem Exkurs ins Horrorgenre schwimmt der Abend eher seicht, fast etwas unentschieden aus. Da wäre vielleicht noch mehr drin gewesen. In der Summe kommt hier aber alles zusammen, was eine gute Übertragung von Erzähltext zu Bühnenwerk braucht: Gute Darsteller und entsprechende Besetzung, passendes, kluges, nicht zu auffälliges Bühnen- und Kostümbild, Musik, die unterstreicht, verstärkt, aber nicht nervt und eine zum Diskurs passende Länge des Abends. In Probleme Probleme gibt es etwas zum Grübeln, viel zum Schmunzeln und sicher auch viel zum Wiedererkennen. Der Text wird mit verschiedenen darstellerischen Kniffen so umgesetzt, dass er zu keiner Zeit langweilig oder vorgetragen wirkt. Also eine rundum gelungene Sache. Lediglich der Theaterkenner, der in München alles gesehen hat, würde wohl mit unnützem Wissen prahlen, wenn er bemerkte, dass das Inszenierungskonzept stark an das von „Hochdeutschland“ in den Kammerspielen erinnert. Selbst wenn, kann das ja nur ein Kompliment sein!

Kritik: Jana Taendler