Against All Odds – Phil Collins im Olympiastadion (Konzertbericht)

„Take a look at me now“, singt Phil Collins gleich im ersten Song, nachdem er auf die Bühne kommt. Und natürlich hat sich die Presse bereits so auf den Titel seines Songs „Against All Odds“ gestürzt, aber er ist eben auch so unfassbar passend. Collins, eigentlich noch relativ fitte 68 Jahre alt, ist gebeutelt von langer, schwerer Krankheit – und holt dennoch zum nächsten, vielleicht letzten großen Schlag aus: die „Still Not Dead Yet“-Stadiontour 2019. Dabei kommt er auch am 24. Juni 2019 ins Münchner Olympiastadion, dass er zuletzt als Solo-Künstler im Jahr 2004 besucht hat. Neue Musik hat er dieses Mal nicht dabei, aber sich selbst. Ein Schlagzeuger, der nicht mehr zu den Sticks greifen kann, aber noch lange nicht ans Aufhören denkt.

Den Abend eröffnen um 19 Uhr dürfen aber erst einmal die Briten von Wet Wet Wet. Bekannt geworden sind diese leider weniger für ihren Britpop als vor allem für ihre schmalzige Cover-Version von „Love Is All Around“. Ganz so kitschbetrieft sind ihre eigenen Nummern dann glücklicherweise nicht, aber auch nicht hervorstechend. Im Stadion, ohne Bühnenshow und großartige Aufmerksamkeitsspanne als Support-Act, hat man es bekanntlich besonders schwer, die Briten versuchen es allerdings nicht einmal, großartig aufzufallen. So gerät alles arg in Hintergrundmusik, die beizeiten etwas eintönig wird, wenngleich auch musikalisch fein gespielt. Nach 60 Minuten ist es dann aber auch absolut genug und Wet Wet Wet werden von der Bühne applaudiert.

Setlist: Somewhere Somehow / Sweet Little Mystery / Temptation / Sweet Surrender / Wishing I Was Lucky / Goodnight Girl / Angel Eyes / With A Little Help From My Friends (The Beatles cover) / Lip Service / Don’t Want To Forgive Me Now / I Can Give You Everything / Love Is All Around (The Troggs cover)

Als Besucher mit Sitzplatz, der auch ein wenig hinter die Bühne blicken lässt, sieht man die Band und den Star des Abends selbst, hochgefahren in einem Golfwagen, Richtung Bühne treiben. Um 20:40 Uhr entern letztendlich alle Musiker die Bühne – und Phil Collins selbst. Er geht mit Krückstock zu seinem Stuhl, winkt den jubelnden Münchnern zu, die ihn noch vor dem ersten Ton mit Standing Ovations ehren. Er wird den Großteil des Abends sitzend verbringen, sagt er, denn: „Ich hatte eine Rückenoperation und mein Fuß ist gefucked“. Jubel im Publikum und auch er selbst muss ein wenig lachen. Dann startet die Hit-Maschinerie, die nicht mehr enden sollte: „Another Day In Paradise“, „Don’t Lose My Number“, „Something Happened On The Way To Heaven“, „You Can’t Hurry Love“ – zwei Stunden bietet Collins die Sahnestücke seiner Diskografie dar, nur unterbrochen von wenigen Ansagen und der Vorstellung seiner Mitmusiker. Und natürlich fehlt die Hälfte der gewünschten Songs. Wie soll es denn auch anders sein, bei so viele Hit-Nummern? Der Querschnitt weiß dennoch zu gefallen, wenngleich er insgesamt eher ruhigere Töne anschlägt.

Die Stimme von Collins? Unbeschadet. Etwas höher ist sie geworden, aber er kann es immer noch. „In The Air Tonight“, sein wahrscheinlich größter Erfolg, wird zur absoluten Gänsehaut-Partie. Ans Schlagzeug kann er allerdings nicht mehr, zu kaputt sind mittlerweile seine Füße. Der Posten bleibt in der Familie: Nicholas Collins, frische 18 Jahre, Sohnemann von Phil, knüppelt den Abend durch und steht seinem Vater schon in jungen Jahren in kaum etwas nach. Später nimmt der Altmeister dann aber doch noch ein Percussion-Instrument zur Hand und trommelt etwas mit den Händen, woraufhin sein Sohn und sein Percussionist einsteigen. Noch emotionaler wird es nur bei „You Know What I Mean“ – Sohn Nicholas übernimmt das Piano, Vater Phil singt. Mehr braucht es nicht, um das Olympiastadion zum Schweigen zu bringen und maßlos zu begeistern. Wahrlich, er ist „still not dead yet“, was er eindrucksvoll in München mit einem durchaus gelungenem Konzert beweist. Dass er allerdings noch einmal der Landeshauptstadt einen Besuch abstattet, ist sehr unwahrscheinlich.

Setlist: Against All Odds (Take A Look At Me Now) / Another Day In Paradise / Hang In Long Enough / Don’t Lose My Number / Throwing It All Away (Genesis song) / Follow You, Follow Me (Genesis song) / Who Said I Would / Separate Lives (Stephen Bishop cover) / Something Happened On The Way To Heaven / You Know What I Mean / In The Air Tonight / You Can’t Hurry Love (The Supremes cover) / Dance Into The Light / Invisible Touch (Genesis song) / Easy Lover (Philip Bailey cover) / Sussudio – Zugabe: Take Me Home

Bericht: Ludwig Stadler