„Eigentlich bin ich glücklich“ – „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ im Marstall (Kritik)

Eine Premiere ist Martin Kušejs Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ nicht. Im Gegenteil, es ist die letzte Vorstellung vor der Derniere. Seit Anfang 2012 läuft das Werk mittlerweile im Marstall, Nr. 118 steht heute auf dem Programm. Es ist nicht nur eine weitere Produktion, die sich dem Ende neigt – es ist ein klein wenig das Aushängeschild der Intendanz Kušejs. Wir haben uns die vorletzte Vorstellung angesehen.

© Hans Jörg Michel

Auf der einen Seite: Petra von Kant, reiche und erfolgreiche Designerin. Perfekt, zumindest im Schein. Innerlich: einsam. Von Eifersucht zerfressen. Als man ihr die junge Karin Thimm vorstellt, findet sie darin einen Anker. Einen Anker, den sie viel zu tief ins Meer wirft und dadurch nie wieder herausbekommt. „Ich wollte sie besitzen“, sagt sie später dazu. „Erst jetzt liebe ich sie“. Auf der anderen Seite, wie ein Schatten teilnahmslos dabei: Marlene. Die Bedienstete, die Dienerin. Wer sie ist? Wir erfahren es nicht. Sie soll nur funktionieren. Und überhaupt, spielt ihre Persönlichkeit eine Rolle? Für Petra von Kant nicht. Am Ende baumelt Sophie von Kessel als Marlene am Galgen. „Erzähl mir von dir“, fordert Petra, sichtlich am Ende. Zu spät.

Es ist bezeichnend, wenn bereits „Freie Platzwahl“ auf der Karte steht. Was sich der Regisseur wohl dieses Mal einfallen hat lassen? Ein Kasten, ein Rechteck ist es, umgeben von einer Plexiglas-Wand. Rundherum die Bänke. Die Darsteller sind durch Mikroports abgenommen, die Distanz besteht sofort. Gut so, denn im späteren Verlauf wird Bibiana Beglau als Petra von Kant ordentlich austeilen und herumwildern. Zu Beginn stehen hunderte Glasflaschen in Reih und Glied aufgestellt – am Ende sind sie verschoben, von herunterfallenden Matratzen bedeckt, teilweise auch zerstört. Immer wenn sich etwas im geordneten Leben ändert, verschiebt sich die Flasche, man kommt vom Weg ab. Wenn Karin durch das Flaschenmeer torkelt. Wenn die Bekannte Sidonie von Grasenabb durch die Gänge schreitet. Doch zumeist von Petra selbst – ihr Leben gerät aus den Fugen. Objektiv? Subjektiv. Sie ist von Liebe und eigenem Willen zerfressen, blind davon und taub vor anderen Meinungen. „Ich will sterben“, sagt sie. Ihre Tochter sieht sie an: „Ich hab dich so lieb, Mami“. Kein Blick, keine Reaktion der Mutter. „Ich habe nichts mehr“.

© Hans Jörg Michel

Seit 2011 sind Bibiana Beglau und Sophie von Kessel Mitglieder im Ensemble, die gesamte Intendanz-Zeit hinweg. Letztere bleibt dem Residenztheater als Gast erhalten, Beglau geht nach Wien ans Burgtheater – der nächste Schritt. Fassbinders feines Werk über die Menschlichkeit und vor allem Empathie war einer ihrer ersten Bühnenauftritte, bis 2019 hat sich die Inszenierung im Repertoire gehalten, bis zum Schluss. Es ist mit einer gewissen Wehmut, mit der man mittlerweile im Juli in das Marstall schreitet. Gefällt einem die Produktion so sehr, dass man sie gerne wiedersehen möchte, wird dazu keine Chance bestehen, denn eine Ära nähert sich dem Ende. Am heutigen Dienstag folgt noch die Derniere der Petra von Kant. Beglau darf noch einmal im Hörsaal bei „Playing :: Karlstadt“ als Karl Valentin einzelnen Besuchern einen Schrecken einjagen, von Kessel gibt ihren Abschluss (vorerst) am 20. Juli in „Die Möwe“ im Cuvilliéstheater. Was genau man in Zukunft von den beiden Größen des Residenztheaters erwarten darf, wird sich zeigen – wir wünschen alles erdenklich Gute auf den weiteren Weg und bedanken uns für die tolle Zeit und eine eindringliche letzte Vorstellung von „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“.

Kritik: Ludwig Stadler