Last Of The English Roses – Peter Doherty & The Puta Madres im Backstage Werk (Konzertbericht)

Peter Doherty hat schon einiges erlebt in seinen 40 Lebensjahren. Geboren wurde er im Vereinigten Königreich, mit elf Jahren begann er Gitarre zu spielen – um Mädchen zu beeindrucken. Anstatt Musik zu studieren, wurde der junge Doherty allerdings zunächst Totengräber. Dabei blieb es bekanntlich nicht. Ende der 1990er-Jahre gründete er gemeinsam mit Carl Barât, einem sehr guten Freund, die Band The Libertines. Sie brachten zwei äußerst erfolgreiche Alben heraus. Aufgrund von Streitigkeiten und Dohertys Drogenproblemen, wurde er 2004 aus seiner eigenen Band geworfen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine neue Band, die Babyshambles gegründet – ebenfalls sehr erfolgreich.

Auf seiner Europa-Tour 2019 macht Doherty am Abend des 21. Mai 2019 auch im Backstage Werk München halt und hat diesmal seine derzeit aktuelle, mittlerweile Drittband mitgebracht: The Puta Madres. Bestehend aus dem Gitarristen und Poeten Jack Jones, Katia DeVidas am Klavier und Keyboard, Miggles aka Michael Bontemps am Bass und Rafa an den Drums.

© Thibault Leveque

Als Pete auftritt, lehnt er sich lässig an den Mikrofonständer und mit bayerischem Bier in der Hand begrüßt er sein Publikum. Denn es ist sein Publikum. Dass es sich hier um einen Soloauftritt mit professioneller Begleitung durch die Puta Madres handelt, ist jedem im Backstage bewusst. In dunklem Ledermantel, angeranzter Jeans, bauchfrei und seinen berühmten Hosenträgern steht er da. Er wirkt erstaunlich gesund. Gar nicht so aufgedunsen wie noch zu Babyshambles Zeiten. Fast vergessen wirken Szenen, in denen er mit Amy Winehouse im Drogenrausch Mäusebabys in die Kamera hält oder als er bei einem MTV-Interview Blut aus einer Kanüle auf die Linse spritzt. Der wohl berühmteste Junkie des Indierock hat zu seiner Legendenbildung maßgeblich beigetragen. Doch Doherty scheint der Absprung von Teufels Klinge gelungen. Und er ist der lebende Beweis: Der menschliche Körper hält mehr aus als wir vermuten.

Der Schwerpunkt liegt am Anfang diesen Abends auf dem neuem Material: brüchiger Indie-Rock mit ausgedehnten Jam-Passagen. Manchmal rauchig verbraucht, dann wieder sensibel mit Kopfstimme und stets wahnsinnig viel Gefühl. Und es wird schnell klar: Wir sehen hier einen von den ganz Großen! Dieser Mann hat wohl mehr Geschichten zu erzählen als alle im Publikum zusammen.

Auf der Bühne wirkt er energetischer denn je: Mit virtuoser Schönheit schafft er es, seine Band nahezu eigenhändig mitzuziehen. Tatkräftige Unterstützung bekommt er dabei von seinem Husky, der als Highlight der Show neben ihm herumtollt und ausgelassen mitfeiert. Nennenswert ist auch die Spielfreude des jungen Gitarristen, Jack Jones, der Doherty anhimmelt, als könne er sein Glück kaum fassen, sich mit ihm die Bühne teilen zu dürfen. In Doherty’scher Nachlässigkeit mit dem Dilettantismus flirtend, wirken die Songs aus dem Ärmel geschüttelt, aber ausgeführt werden die Melodien stets mit dynamischer Raffinesse. Song um Song werden zu einem Klangteppich verwoben und legen sich über die, mit halbgeschlossenen Augen schunkelnde, Zuschauermenge.

„I promise we can get away, while we’re waiting for the future. But don’t take it too far, my friends”, mahnt er. Für die letzten Lieder muss er sich setzen. Ist Pete doch durch sein exzessives Leben geschwächter, als er uns weismachen möchte? Oder sind es zu viel Emotionen, die ihn plötzlich überkommen haben? Man will ihn in den Arm nehmen und einen Kuss aufdrücken. Als Doherty „You’re My Waterloo” und „Fuck Forever“ anstimmt, wird textsicher vom Publikum mitgesungen und das Leid der Welt herausgeschrien. Dann umspielt selbst den sonst so traurigen Pete ein verzücktes Lächeln die Lippen.

Seine Songs sind unverkennbar echt. Dohertys raue Stimme und die Texte, die sein Innerstes nach außen kehren, sind einfach beeindruckend. Musikalisches Talent, nicht Heroin, fließt durch die Adern dieses Mannes. Wobei das Eine das Andere natürlich nicht ausschließt. „Es tut mir Leid“, singt er auf Deutsch in seiner Zugabe, „but it’s the sweet desire.“ Ja Pete, diese Sehnsucht spüren wir. Sogar sehr! Danke für diesen ehrlich-authentischen Abend. „We „don’t love anyone, but you’re not just anyone.“

Setlist: All At Sea / Hell To Pay At The Gates Of Heaven / Narcissistic Teen Makes First IX / Who’s Been Having You Over? / I Don’t Love Anyone (But You’re Not Just Anyone) / Albion (Babyshambles song) / The Whole World Is Our Playground / Last Of The English Roses / Shoreleave / Kolly KibberZugaben 1: Merry Go Round (Babyshambles song) / Signed D.C. (Love cover) / You’re My Waterloo (The Libertines song) / Someone Else To Be / Paradise Is Under Your Nose / Travelling TinkerZugaben 2: The Steam / Fuck Forever (Babyshambles song) / Killamangiro (Babyshambles song)

Bericht: Carolina Felberbaum