Ich glaub, ich Spinne – „Passing“ in den Kammerspielen (Kritik)

‚Das mit der Spinne‘ wird sicher der Codename für die neue Inszenierung von René Pollesch, die am 29. Februar 2020 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde. ‚Passing – Its so easy, was schwer zu machen ist‚ heißt das Konstrukt eigentlich. Und schwer zu machen ist es für die Spieler, war es für die Bühnenbildner und wird es für die ZuschauerInnen bleiben. Samstagabend 20 Uhr, am 29. Februar, dem Schaltjahrabend, ein ganz besonderer Zeitpunkt und ein ganz besonderes Klientel vor den Kammerspielen. Pollesch wird als Intendant bald die Volksbühne in Berlin übernehmen und er scheint seinen Tribe mitzuziehen, viele junge, hip gestylte Menschen, mehr als sonst bei Premieren, sind gekommen, auch viele Mitglieder des Ensembles. Aufbruchsstimmung an der Spitze des Theaters herrscht auch in München, wo nach der Premiere Noch-Intendant Lilienthal im vertrauten Look über die Bühne streift. Zu Beginn seiner Intendanz zog er zu Felde gegen klassisches Schauspiel – Theater, in dem ein Schauspieler eine Figur spielt, in einer Geschichte, dazu ein hübsches Bühnenbild und passende Musik. Nun stellt sich die Frage: wenn man von allem das Gegenteil hernimmt, ist das dann besser? Anhand Polleschs Inszenierung kann diese Frage nun jede/r ZuschauerIn selbst beantworten.

© Thomas Aurin

Um die Spinne herum dummeln sich die Darsteller (Kathrin Angerer, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz, Thomas Schmauser). Sie unterhalten sich auf eine Art, bei der man sicher ist, dass es kein Privatgespräch ist, aber nicht sicher, wohin es führen soll. Diskutiert wird über die Aufschrift ‚Fertig‘, die an die hintere Bühnenwand projiziert wird. Am Schluss eines Kinofilmes würde sonst doch Ende stehen und ob jetzt Fertig-ready oder fertig-done gemeint sei, verschiedene Assoziationen dergleichen folgen. Für eine intensive Beschäftigung mit dem Unterschied zwischen Kino und Theater geht dieser Diskurs aber nicht tief genug. Eine weile wird der Schenkelklopfer ‚Passing versus Pasing- ein Lustiges Wortspielt‘ ausgereizt, dann aber wieder fallen gelassen. Später wird die Spinne zum Zentrum der Assoziationkesse. Im Theater würden schließlich Geschichten gesponnen und verwoben. Mit den vielen Armen ist sie aber auch bestes geeignet, um Flugblätter zu verteilen.  Schnell wird klar: hier soll nicht nach dem großen Zusammenhang im Text gegraben werden, denn falls vorhanden, ist dieser schwer zu finden. Im Theater etwas Abstand von einem Stil zu halten, der dem Publikum immer alles, was passiert, vorkaut und auf den Präsentierteller reicht, ist natürlich wünschenswert. Die Menschen dazu einzuladen, auch einmal den Moment, das Bild, die Stimmung zu genießen, ohne immer alles verstehen zu müssen, absolut sinnvoll. Dennoch ist die Frage berechtigt, bis zu welchem Maß diese Initiative ausgereizt werden kann. Das Premierenpublikum hat sich an der lockeren Aneinanderreihung und verschiedenen Ansätzen nicht gestört. Umso weniger, da der Abends nur 90 Minuten dauert. Das einprägsamste in diesen 90 Minuten ist also die große Spinne.

Die schwebt hoch und runter, bewegt die Beine, die Darsteller krabbeln in den aus Korb geflochtenen Körper und werden darin gefilmt, wie sie versuchen, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie den Text ablesen. Dass sie das tun, ist dahingehend berechtigt, dass dieser keinen inhaltlichen Zusammenhang erkennen lässt! Richtig! Pollesch mag Postdramatik. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass das Ensemble nicht fertig geworden ist mit den Proben. Dass keine Übertitel erscheinen, die in den Kammerspielen eigentlich dafür sorgen könnten, dass Menschen, die kein Deutsch sprechen, auch die Inszenierung genießen können, wird erklärt: Mit den Übertitel wird so schrecklich deutlich, wie auswendig gelernt und vorgefertigt diese Stücke sind. Oder man verschließt einer Gruppe den sprachlichen Zugang zu einem Stück, weil man sich gegen die Vorhersehbarkeit des Theaters wenden möchte. Ebenfalls schwierig wird der Theaterbesuch für Menschen, die laute Musik nicht mögen, denn wann immer welche eingespielt wird, ist sie so laut, dass es eigentlich schon stört. Leute, die nicht so häufig ins Theater gehen, stehen vermutlich auf verlorenem Posten, denn für sie wird sich dieser Abend kaum erschließen. Bleiben theateraffine Fans, die Polleschs Arbeit kennen und schätzen. Das Premierenpublikum hatte viel Spaß, es wurde gelacht und die Stimmung war ausgelassen. Es gibt also offensichtlich eine Zielgruppe, die diese Art von Theater gern mag.

© Thomas Aurin

Klare Rollen- und Schauspielerverhältnisse sind am Theater schon lange kein Standard mehr. Dass man keine Handlung braucht, hat Hans Thies Lehmann schon anno dazumal mit dem ‚Postdramatischen Theater‘ klar gemacht. Dass ein Bühnenbild nicht den Ort des Geschehens nachbauen muss, ist auch weithin bekannt. Einige Male senkt sich der Vorhang oder eine liebevoll angefertigte Malerei einer Baugrube – nur, um sich nach wenigen Minuten wieder zu heben. Man fragt sich hier, ob manche Teile der Ausstattung nicht lediglich im Stück vorkommen, weil so ein bekanntes Theater und so ein bekannter Regisseur einfach machen können, was sie wollen. Vielleicht karikieren Lilienthal und Pollesch das eigene Publikum und lachen sich ins Fäustchen, weil dieses immer noch ganz interessiert nach dem Sinn sucht.
Zurück zu Spinne, zum Bühnenbild, dessen Boden von einer riesigen Berglandschaft bedeckt wird, das kommt vor allem in den von oben gefilmten Videosequenzen (Amon Ritz, Ute Schall) zum Ausdruck, da könnte an fast meinen, die Darsteller laufen in den Alpen rum! Das sieht ziemlich eindrucksvoll aus und kann Fragen nach Täuschung, Realität und Blickwinkeln aufwerfen.
Im Brechtschen Sinne wird die Illusion aber gleich wieder kaputt gemacht, damit sich ZuschauerInnen nicht einfühlen. Auch im brechtschen Sinne reden die Schauspieler über die Produktionsebene, darüber, wie lange diese Monsterspinne nun gebaut wurde, wie teuer das war und ob es jetzt alles für die Katz war, weil es ja gar keine Handlung, nicht mal ein Thema gibt, sondern die Spinne nur so rum hängt. Berechtigte Frage.

Fazit: René Pollesch macht Theater auf ganz eigene Art und Weise. Dieser Stil hat unbedingt seine Existenzberechtigung und der Erfolg gibt ihm Recht. Es ist allerdings eine Illusion zu glauben, dieser Stil könnte ein Theater zum Theater für alle werden lassen. Denn nur wenige können es verstehen und zu diesen wenigen zu gehören, erfordert viele Privilegien. Passing- It’s so easy. Aus seinem Stil kann wohl niemand raus und was schwer zu machen ist, ein Stück für ein bereites Theaterpublikum, das unterhaltsam, aber nicht platt, intelligent, aber nicht unverständlich ist.

Theater ist nicht verpflichtet zu gefallen! Theater muss nicht von jedem verstanden werden! Nun stellt sich die Frage: Ab wann verliert es die Existenzberechtigung, wenn so viel Zeit und Geld für eine Produktion aufgewandt wird, die für nur so wenige bestimmt ist.

Kritik: Jana Taendler