Ein Stück Paris in München – „Paris de Nuit“ auf dem Tollwood (Kritik)

Alle Jahre wieder, so auch 2019: das Tollwood Winterfestival. Auf dem heiligen Boden des Oktoberfests, der Theresienwiese, schlagen unzählige Stände und Aktionszelte mit Kunst und Kultur, Speis und Trank ihre Pforten. Ein beliebter Anlaufpunkt für München und Umgebung – auf mehrere Hunderttausende Besucher kann das Festival jährlich zurückblicken. Bis 31. Dezember 2019 gastiert das Tollwood wieder im Herzen von München – und damit auch wieder ein Varieté, das mit fast täglichen Aufführungen lockt. „Paris de Nuit“ heißt die diesjährige Show und wird präsentiert von Recirquel, einer ungarischen Nouveau Cirque-Compagnie, die seit 2014 bereits dem Programm die Welt bereits.

© Attila Nagy

Im Spiegelzelt am Ende des Geländes findet die Darbietung statt, das tatsächlich ein wunderbares und sehr gelungenes Ambiente für die Residenz des Varieté-Stückes mit Paris-Flair birgt. Die Bühne selbst befindet sich als Rondell in der Mitte – eine Neuheit, wie Regisseur Bence Vagi vor Beginn erklärt –, dazu gesellt sich eine sechsköpfige Jazz-Band, die die Musik zu den artistischen Einlagen live darbietet – ein so unglaublicher Mehrwert, der der Authentizität von „Paris de Nuit“ nur extrem entgegenkommt. Natürlich wird es in den rund 65-minütigen Spektakel heiß hergehen, das zeigt sich bereits in der Eröffnungsszene, wenn die Damen knapp bekleidet und die Herren oberkörperfrei sich präsentieren. Paris bei Nacht, das ist eben nicht nur reines Staunen und Schwelgen – das ist auch Erotik und ein wenig unzüchtiges Verhalten.

© Attila Nagy

Dennoch ist schnell klar: die Einlagen stehen im Vordergrund. Die decken ein wildes Spektrum von Artisten an Seil, Säule und Reifen in der Luft ab, auch ein Jongleur fehlt nicht, genauso wenig wie zwei imposante Einlagen des Balancierens. Insgesamt bleibt die Show über die gesamte Zeit atemlos und schnell, man hetzt nicht, lässt sich manchmal sogar Zeit, aber verschwendet keine Sekunde – selbst der Umbau wird mit kleinen Publikumsspielereien begleitet. Vielleicht ist es hier und da tatsächlich einmal ein Twerken zu viel, was die Paris-Eleganz etwas zerstört, aber insgesamt herrscht ein so stimmiges Gesamtbild, dass die Dramaturgie sich hierbei nur selbst auf die Schultern klopfen kann – so verbindet man ein Varieté-Programm stilvoll und dennoch bestimmt.

Zum äußerst hochwertigen und schmackhaften, vegetarischen Bio-Menü gibt es auch vor und nach der Aufführung Service am Platz, um ein Rundum-Sorglos-Paket zu garantieren. Ein wenig wirkt das Ganze natürlich dem GOP. München nachempfunden – wobei es hier definitiv nicht um eine Kopie geht, dafür ist die Art des Varietés schon viel zu alteingesessen, eher ist es eine willkommene Alternative und Abwechslung. „Paris de Nuit“ mag das Rad nicht neu erfinden, aber lässt es definitiv extrem geschmeidig weiterrollen – eine herzliche Empfehlung! Und für das Tollwood Winterfestival sowieso!

Kritik: Ludwig Stadler