Wenn es gut ist – 2x Olli Schulz in der Muffathalle (Bericht)

Mittwoch, 28. März 2018

Regen. Vielleicht nicht der beste Start in den Abend, aber immerhin eine Grundlage: es kann ja nur besser werden. Einen kleinen Lichtblick gibt es dabei allemal: Olli Schulz, Sänger und Entertainer seit gefühlt eh und je, begibt sich nach ein paar Jährchen wieder in die bayerische Hoch-Metropole, um sein neues Album „Scheiß Leben, gut erzählt“ zu präsentieren. Dass es viele Schwankungen in seinem Leben gab, das erzählt er auch oft in Interviews, aber in den letzten Jahren dürfte sich das doch in ein ziemlich ruhiges und nettes Leben eingependelt haben. Musik zu machen, auf der Bühne zu stehen, scheint zumindest genau das zu sein, was Schulz liebt und auch deswegen machen will.

Nachdem kurzerhand die Bestuhlung gecancelt wurde und die neuen Kontingente dafür in den Vorverkauf gingen, ist dementsprechend ein Stehkonzert geboten. Vielleicht auch die bessere Wahl für die Stimmung, garantiert aber für die Fans, denn die Kapazität hat sich damit verdoppelt. Meine Begleitung zerrt mich jedenfalls wieder in die zweite Reihe, direkt in die Mitte. „Wir stehen direkt vor Olli“, schwärmt sie. Irgendwie ein kleines Dé­jà-Vu Erlebnis, das hatten wir doch bei Milky Chance schon? Aber das Publikum überschneidet sich angenehmerweise kaum, der Großteil dürfte mindestens die dreißig, meistens schon die vierzig Jahre überschritten haben. Studenten und Hipster sind in der Unterzahl. Abgesehen von zwei besoffenen Mitt-Zwanzigern, die etwas zu laut die falschen Texte hinter mir mitsingen – natürlich vollkommen schief.

© Jenna Dallwitz

Später drängeln sich die beiden Alkoholfahnen in die zweite Reihe. Nur eine Frage der Zeit, dass Olli darauf reagiert. „Gebt ihnen doch mal Multivitaminsaft“ sagt er und versucht, die Jungs, denen wohl Aufregung und Alkohol in Kombination nicht gut tut, zu beruhigen. Mit Erfolg. Andere Rufe ignoriert er gekonnt. „Erzähl mal einen Penis-Witz!“, „Mach mal wieder was mit Saufen“ – wenige Minuten zuvor erzählt er noch, dass er es bereut, den Fernsehclown unter seinem eigenen Namen gemacht zu haben. Den Preis dafür muss er genau damit zahlen – Ignorieren ist hier wohl die einzig richtige Sache. Ob das bei einem Sitzplatzkonzert auch geschehen wäre?

Musikalisch liefert Olli Schulz feinsinnig ab – mal lauter, mal leiser, aber immer auf den Punkt. Fast alle scheinen auch nicht wegen der Person, sondern tatsächlich aufgrund der wahnsinnig intensiven Musik gekommen zu sein. Die Handys bleiben größtenteils in den Taschen, alle Sinne richten sich nur darauf, das Treiben auf der Bühne zu beobachten und zuzuhören. Den deutschsprachigen Texten, die teilweise so unglaublich simpel und vielleicht genau dadurch unkonventionell und authentisch wirken. Schulz dürfte die ehrlichste und wahrste Musik derzeit im deutschen Raum machen, denn als der wuchtige „Als Musik noch richtig groß war“ angestimmt wird, hüpft das eigene Herz innerlich auf und ab. Die Leute hören zu und freuen sich, sie tanzen nicht wild, sie lauschen. Nur eine Sache stört: Ollis Mikro. Das könnte dann doch gerne ein wenig lauter sein.

Um kurz nach 22 Uhr verabschiedet sich der Entertainer, der mit der richtigen Portion Ernsthaftigkeit die mit Abstand interessanteste Facette seiner Person zeigt. Das Publikum johlt und applaudiert. Und wir stellen uns unweigerlich nach dem Konzert die Frage, ob die Leute denn am morgigen, bestuhlten Zusatz-Konzert überhaupt aufstehen würden…

Setlist Tag 1: Wachsen / Schockst nicht mehr / Ich dachte, du bist es / Old Dirty Man / Als Musik noch richtig groß war / Wenn es gut ist / Junge Frau sucht… / Phase / Ambivalent (mit Ali As) / Skat spielen mit den Jungs / Schmeiß alles rein / Boogieman / Schrecklich schöne Welt / Wenn die Music nicht so laut wär / So lange einsamZugabe: Spielerfrau (solo) / Der kleine Bär (solo) / H.D.F.K.K. / Phosphormann / So muss es beginnen

Donnerstag, 29. März 2018

Kein Regen. Ansonsten ist eigentlich alles wie am Vortag, als wir auf dem Muffatgelände ankommen. Die Frage hat mir keine Ruhe gelassen, wie ist die Stimmung und die Atmosphäre, wenn es bestuhlt ist – also habe ich kurzerhand das Muffatwerk gefragt und tatsächlich, acht Stunden vor dem Konzert kommt die Zusage. Stehplätze hinter den bestuhlten Reihen, nah an der Bar, aber natürlich weit weg von der Bühne, das volle Gegenteil. Auch das Publikum ist wesentlich entspannter, lässt sich mehr Zeit, umschifft die Garderobe, aber besucht dafür bereitwillig die Bar und den Merch-Stand mit den sehr fairen Preisen. Außerdem ist der Altersdurchschnitt ein wenig jünger und in den Augen strahlt irgendwie mehr Interesse, es liegt mehr Vorfreude im Raum.

© Jenna Dallwitz

Wieder Dunkelheit zur Primetime, dieses Mal startet das lustige Video, das Olli Schulz am Vortag in München gedreht hat, sofort mit Ton und musste nicht aufgrund technischer Probleme noch einmal gestartet werden. Allgemein scheinen die technischen Pannen dieses Mal Pause zu haben, stattdessen klingen Band und Sänger laut, kräftig und fantastisch abgemischt. Schulz selbst wirkt wesentlich entspannter und vor allem ausgeschlafener, auch zufriedener darüber, dass jetzt doch alle sitzen und die Leute mehr zuhören. „Heute bin ich mehr so in Melo-Stimmung, gestern war Rock-Stimmung“ sagt er, und das Publikum tut es ihm gleich. Bleibt sitzen, genießt, guckt sich weitestgehend handyfrei das Konzert an und steht erst dann auf, als Olli bei „Phase“ die Leute darum bittet. Für Social Media, „damit alle denken, wir haben den Laden hier abgerissen haben“.

Das Programm selbst ist angenehmerweise nicht identisch zum Vortag, auch wenn der Münchner Rapper Ali As abermals bei „Ambivalent“ sein wunderbares Live-Feature abgibt, dieses Mal sogar mit einem amüsanten Freestyle von Olli. „Schockst nicht mehr“ beispielsweise muss Songs wie „Weil die Zeit sich so beeilt“ oder dem fantastischen Cover von Finks „Loch in der Welt“ weichen, das kommt dem sitzenden Publikum sehr entgegen. Inhaltlich überschneiden sich viele Ansagen, manche werden aber auch einfach weggelassen, lieber wird ein Song mehr gespielt. Eine Bemerkung über die betrunkenen Jungs in Reihe 2 am Mittwoch durfte aber natürlich trotzdem nicht fehlen. „Man betrinkt sich doch während des Konzertes und nicht davor“ meint Olli. Und hätten sich die beiden daran gehalten, wäre mir gestern einiges erspart geblieben. Dieses Mal wird zwar wieder ein Kaffeeklatsch direkt hinter mir angefangen, aber nach lautstarkem Gekicher bei der „piano only“-Version von „Skat spielen mit den Jungs“ ist den zwei jungen Besucherinnen selbst aufgefallen, dass sie dem Lied, dass sie „so toll“ finden, ja auch zuhören könnten anstatt vom letzten Date zu quasseln. Muss man nicht verstehen. „Als Musik noch richtig groß war“, immer noch das beste deutschsprachige Lied aller Zeiten, kommt dieses Mal sogar noch wuchtiger und aufwühlender von der Bühne. Vielleicht liegt es auch am besseren Sound, vielleicht am Song, vielleicht an der grandiosen Band. Aber es könnte wohl in diesem Moment gerade nichts Besseres geben.

© Jenna Dallwitz

Ruhiger und gelassener ist die Stimmung. Auch nach Konzertende, übrigens wieder um 22:05 Uhr, verschwinden die Leute daher erschreckend schnell mit ihren Jacken aus der Halle, manche bleiben einfach sitzen und unterhalten sich noch ein wenig. Meine Begleitung und ich überlegen, ob Olli wohl bei der mit ca. 600 Leuten verhältnismäßig geringen Besucherzahl noch am Merch-Stand den wartenden Fans einen kleinen Besuch abstattet. Und tatsächlich, den mit Besonnenheit Wartenden werden Autogramme und kleine Gespräche ermöglicht. Ein schöner Abschluss, dem Mastermind auch mal persönlich zu sagen, wie schön eigentlich seine Musik ist. Und dass er bitte niemals aufhören solle, Lieder zu machen, um genau solche Abende wie diese beiden in München wahr werden zu lassen.

Fazit: Völlig egal, ob bestuhlt und unbestuhlt, ein Olli Schulz-Konzert ist ein Garant für einen fantastischen Abend. Und wie subjektiv man das werten möge, so dürfte objektiv wirklich jeder Liebhaber von Musik und Ausdrucksstärke, aber auch einfach nur von Unterhaltung mit Inhalt und Tiefe, irgendwas finden, was einem so gut gefällt, dass man noch lange daran zähren möge. „Welcher Abend hat dir besser gefallen?“, fragt Olli mich am Merch, nachdem ich meinen Fanboy-Stimmen nachgegeben habe. Und ich habe immer noch keine rechte Antwort drauf. In puncto Konzert: Tag 1. In puncto Setlist: Tag 2. In puncto Zufriedenheit: völlig egal, wann und wo. Denn sobald Olli seine Gitarre in die Hand nimmt und seine Lieder spielt, ist das Publikum glücklich. Sowohl sitzend als auch stehend. Danke.

Setlist Tag 2: Wachsen / Ich dachte, du bist es / Old Dirty Man / Als Musik noch richtig groß war / Wenn es gut ist / Junge Frau sucht… / Skat spielen mit den Jungs / Schmeiß alles rein / Loch in der Welt (Fink Cover) / Boogieman / Schrecklich schöne Welt / Das letzte Königskind / Phase / Ambivalent (mit Ali As) / So lange einsam / Wenn die Music nicht so laut wär / Brillenmann (Erfolg Cover) Zugaben: Spielerfrau (solo) / H.D.F.K.K. / Phosphormann / Dann schlägt dein Herz / So muss es beginnen

Bericht: Ludwig Stadler