„Ich versuche, das Positive zu verbreiten“ – Jonny Hawkins von Nothing More im Interview

Glasklare, hohe Töne, intensive Screams oder doch leichter, fast verletzlicher Gesang – all das beherrscht Jonny Hawkins in Perfektion. Der Frontmann der amerikanischen Rock- und Metal-Band Nothing More ist Aushängeschild einer Bilderbuchkarriere, betrachtet man die letzten Jahre der Bandgeschichte. 2009 wechselt Hawkins vom Drumset ans Mikro, da der aktuelle Sänger aussteigt. Das erste Album „The Few Not Fleeting“ schlug dementsprechend gut ein, allerdings konnte der Nachfolger „Nothing More“ dann endlich die erhoffte Mauer durchbrechen und weltweit überzeugen – „Jenny“ und „This Is The Time (Ballast)“ zählen bis heute zu den größten Hits der Band. Das aktuellste Album „The Stories We Tell Ourselves“ ist das bis dato mit Abstand erfolgreichste der Band – drei Grammy-Nominierungen, ausverkaufte Shows weltweit. Grund genug, sich mit Jonny zum Interview zu treffen, der uns etwas zum Titel der Tour „truth“ erzählt, was bei seiner letzten Show an seinem Geburtstag passiert ist und wann Nothing More wieder zurück nach Europa kommen.

 

Kultur in München: Hallo Jonny! Als erstes natürlich: alles Gute zum Geburtstag! Ist es nicht schön, eine Show an seinem Geburtstag zu spielen?

Oh ja! Geburtstag-Shows machen immer Spaß! Das letzte Mal, als wir da unterwegs waren, haben sie mir auf der Bühne einen Kuchen ins Gesicht geworfen. Deshalb passe ich heute schon auf, dass sich nicht jemand anschleicht (lacht).

Kultur in München: Ihr seid ja aktuell auf Tour mit Bullet For My Valentine durch ganz Europa, gerade ist der deutsche Part dran. Wie läuft es denn bisher?

Bisher läuft es gut! Wir hatten ein paar ausverkaufte Shows und es sind auch, glaube ich, die größten Besuchermengen, vor denen wir in Deutschland spielen durften, wenn man die Festivals mal weglässt.

Kultur in München: Ihr habt ja auch dieses Jahr „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ bespielt, die beiden großen Festivals in Deutschland.

Ja! Das war fantastisch.

Kultur in München: Dein Instagram-Account ist eines der positivsten Dinge im ganzen Internet. Immer, wenn ich dort bin, fühle ich mich gleich besser. Du bist glücklich, wenn du zuhause bist, aber auch, wenn du auf Tour bist – du verbreitest ein wenig Glück und Freude, das ist sehr schön!

Oh, danke! Natürlich bin ich nicht immer glücklich, aber du hast Recht, ich versuche so ein bisschen das Positive, das Glück und Freude eben, zu verbreiten und auch zu sehen.

Kultur in München: Ihr habt mit „The Stories We Tell Ourselves“ ein neues Album rausgebracht, das drei Grammy-Nominierungen und die Top 20 der US Billboard Charts erlangt hat. Die meisten Kritiker und Fans finden dabei vor allem deine Stimme besonders toll. Als du 2009 angefangen hast, intensiv als Frontmann zu singen – hättest du gedacht, dass du dabei so weit kommst, mit deiner Musik und deinem Gesang?

Hättest du mir damals in der High School gesagt, dass ich einmal Sänger einer Band werde, hätte ich dich für verrückt gehalten. Ich glaube, innerlich wollte ich das auch schon immer, aber ich dachte mir, dass es wohl nicht so sein soll: meine Stimme war nicht sonderlich gut und ich hatte wahnsinnige Bühnenangst – das sind keine guten Voraussetzungen für einen Sänger. Aber es war durchgehend immer so ein kleiner Tagtraum. Und irgendwann war dann eben die Möglichkeit und ich hab mich gefragt: Was wäre, wenn? Und weil ich eben keine von den Personen sein wollte, die nur daran denken, habe ich geübt und geübt. Nach zwei Jahren des Scheiterns hat es dann langsam funktioniert. Und heute bin ich hier! Verrückt, da eigentlich zurückzublicken…

Kultur in München: Aber du machst einen wahnsinnig guten Job!

Oh, danke! Ich trainiere immer noch weiter. Es ist ein stetiger Verbesserungsprozess.

Kultur in München: Mit „Nothing More“ habt ihr begonnen im Jahr 2003?

Ja, das klingt richtig. Wobei Mark (Vollelunga, Gitarrist, Anm.) und ich uns bereits im Jahr 2000 kennengelernt und angefangen haben, miteinander Musik zu machen. Aber unter dem Bandnamen dann tatsächlich 2003.

Kultur in München: Was würde der 16-jährige Jonny sagen, der gerade mit der Band begonnen hat, wenn er „The Stories We Tell Ourselves“ hören würde?

Ah (lacht). Würde mein 16-jähriges Ich wissen, dass ich das auf dem Album bin oder nicht?

Kultur in München: Lass uns beide Versionen machen!

Also wenn ich es wüsste, dann wahrscheinlich: „Holy shit, ich singe?! Und geiles Drumming, wer hat das nur gemacht?“ Das war unser neuer Drummer Ben. Und wenn ich es nicht wüsste… ich denke, ich würde es mögen. Hoffe ich zumindest (lacht)! Aber puh… das ist eine komische Frage.

Kultur in München: Ist auch eine schwierige Frage. Aber es kamen schon interessante Antworten! Eines der spannendsten Sachen bei Live-Konzerten ist ja das Machen einer Setlist. Heute habt ihr 30 Minuten – wie schwer war es, die Setlist zu gestalten?

Es ist hart, wenn es so kurz ist, weil man schwere Entscheidungen treffen muss. Du denkst dir jedes Mal: „Okay, die Leute haben beim letzten Mal schon diese Lieder gehört, wie wäre es dann mit dem und dem Song?“ Aber andererseits weißt du, es sind dieses Mal viel mehr Zuschauer, also mehr Leute, die dich nicht gesehen haben. Bei der Setlist einer Headliner-Tour können wir da mehr beide Lager zufriedenstellen. Heute versuchen wir nur die „Hits“ zu spielen, wenn man das so sagen kann. Also „Jenny“, „This Is The Time“, „Go To War“, „Don’t Stop“… „Let Em Burn“ ist unsere nächste Single, also spielen wir das natürlich auch.

Kultur in München: Welchen Song würdest du heute gerne spielen? Auch wenn er nicht auf der Setlist steht.

Ich würde gern „Funny Little Creatures“ spielen. Aber den müssten wir erst proben, da wir das Lied nicht mehr gespielt haben, seitdem das Album raus gekommen ist. Wir sind eine Band, die viel üben muss, bevor wir auf Tour gehen. Bei älteren Songs reicht es vielleicht, sie zweimal zu proben und die Erinnerung kommt wieder, aber viele neuere haben wir nur aufgenommen und seitdem nicht mehr als Band gespielt.

Kultur in München: Heute seid ihr ja in München. Euer letzter Auftritt hier war vor vier Jahren im Backstage mit dem letzten Album. Leider hat man als Band ja kaum Zeit, die Stadt zu erkunden, aber verbindest du etwas mit München? Oder einfacher: Was weißt du über uns?

Ich weiß, dass es bei euch ein Hofbräuhaus gibt! Wenn es noch offen hat, gehe ich heute dorthin. Wenn nicht, dann morgen!

Kultur in München: Um ehrlich zu sein, ist das ziemlich das schlechteste Bier, dass man in München trinken kann?

Wirklich? Okay, dann gebt mir Tipps, wohin soll ich an meinem Geburtstag gehen?

(Es folgt eine lange Diskussion über den besten Ort, um in München Bier zu trinken. Wir empfehlen den Giesinger Bräu und haben auch die Adresse aufgeschrieben. Ob es die Band und Jonny jemals dorthin geschafft haben, wissen wir allerdings nicht. Auf ihrem Instagram haben wir ein Bild vom „Walking Men“ in Schwabing entdeckt. Das ist allerdings sowohl vom Hofbräuhaus als auch vom Giesinger weit entfernt… 😉 )

Kultur in München: Kommen wir mal wieder zurück zum Thema: ihr geht auf große „truth“-Tour in Amerika. Warum der Name, was steckt dahinter?

Unser Bassist hat das vor einigen Tagen gut gesagt: jedes Mal, wenn die Flagge verkehrt herum hängt, bedeutet das großen Notstand. Und wir fühlen, vor allem in Amerika, dass die Wahrheit in genau dieser Notsituation ist. Social Media sind die neuen Nachrichten und alles politisch Korrekte wird weniger hinterfragt als je zuvor. Keiner weiß mehr, was genau die Wahrheit ist und argumentiert nur mit seiner Version davon. Wir machen also eine Tour, um unseren Schlüssel zur Wahrheit weiterzugeben. Natürlich, ich bin nicht überall dabei und vor Ort, aber mein Schlüssel zur Wahrheit sind meine Freunde, die Menschen, mit denen ich in Verbindung stehe. Meine eigene Kraft und Einstellung ist es, mit der ich etwas bewirken kann, wie wir es auch bei „Do You Really Want It?“ thematisieren. Hör auf, die Welt und das ganze politische System stürzen und ändern zu wollen, diese Dinge entziehen sich größtenteils deiner eigenen Kontrolle. Versuch erst einmal, dich selbst zu ändern und ein kleines bisschen besser zu werden. Wenn wir alle besser werden, werden die anderen auch besser. Statistisch können wir bei 6-7 Menschen etwas bewirken – wenn das alle machen, verbreitet sich das. Änderst du dich, änderst du alle – das soll die „truth“-Tour in etwa bedeuten.

Kultur in München: Danke für die ausführliche Antwort! Plant ihr eigentlich auch, nach Europa zurückzukommen? Natürlich besonders München.

Ja! Wir reden gerade über eine Headliner-Tour im April, wir sind auch im Gespräch über ein paar Show mit In Flames. Aber – wir werden sehen. Wir sind jedenfalls in Gesprächen.

Kultur in München: Danke für das Interview und eine schöne Zeit in München!

 

Interview (Planung, Durchführung und Nachbearbeitung): Ludwig Stadler
Fotos: Jule Haer

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