Suppenküche – Nils Wogram in der Unterfahrt (Kritik)

„Bau dir ein Haus, zünd es an und koch dir darauf ein Süppchen“, steht auf den T-Shirts, die an diesem Dienstag, 29. Oktober 2019, an der Pforte der Unterfahrt zu erwerben sind. Sie gehören zum Trio Nostalgia des deutschen Posaunisten Nils Wogram, der Spruch stammt von einem befreundeten Schreiber, wie später im Programm zu erfahren ist.

Doch zunächst ist der Jazzclub Unterfahrt wie immer einladend für einen gemütlichen Abend bei einer kleinen, aber vorzüglichen Speise (das Chili con Carne an diesem Abend ist fantastisch pikant) oder einem Drink aus der reichen Auswahl. So verwundert es nicht, dass der geziegelte Raum im zweiten Untergeschoss bereits mehr als eine Stunde vor dem Konzert gut gefüllt ist und sich die Gäste an Bar und Tischen in anregenden Gesprächen befinden oder gemächlich und ruhig den Dienstag ausklingen lassen. Die sanfte, teils schummrige Beleuchtung und die Auswahl der Hintergrundmusik sorgen auch jetzt bereits für für die richtige Jazzclub-Stimmung.

Recht pünktlich um 21 Uhr betreten die Musiker die Bühne: Ans Schlagzeug setzt sich der virtuose Dejan Terzic, an der stattlichen Hammond B3 erscheint Arno Krijger und rechts im Vordergrund platziert sich Wogram selbst. Letzterer beginnt nicht mit seinem Hauptinstrument, sondern spannenderweise mit einer kleinen, grünen Melodica den Abend. In die rhythmischen Akkordspielereien reihen sich sogleich Krijger und Terzic mit einem flotten, facettenreichen Swingbeat ein. Schnelle Orgelläufe bereiten schließlich vor auf ein mitreißendes Posaunensolo Wograms, das in seiner geschwinden Artikulation an Bläsersoli großer New Orleans Big Band Nummern erinnert. Nach dem rasanten Stück begrüßt Wogram die Gäste höflich und dezent. Das folgende Stück kündigt er als Titeltrack des neuen Albums „Things We Like To Hear“ an, das (worauf er noch einige Male an diesem Abend hinweisen wird) an der Kasse auch käuflich zu erwerben sei und ein wunderbares Weihnachtsgeschenk abgebe. Sphärisch und ruhig beginnt das Stück, das mit dem Besenspiel Terzics und den harmonischen Nuancierungen vergleichsweise klassisch daherkommt.

Wograms Spiel zeigt häufig bekanntes, allerdings versucht der Posaunist auch merklich, stets neues in seine im „Ur-Jazz“ verwurzelte Musik einfließen zu lassen. Seine Soli sind teils schnell und artikuliert, teils langsam und sanft melodisch. Ins Stück „Rich People In A Bad Mood“ bringt er spannende Effekte ein, indem er durch den Einsatz seiner Stimmbänder verzerrte Klänge auf dem Instrument erzeugt und damit sogar zwei Töne auf einmal dem Instrument entlocken kann. Ebenfalls hervorzuheben ist seine erstaunliche Ton-Range: benutzt er sehr hohe Töne zwar selten, so sind es gerade doch die besonderen Höhen und die Tiefen, die eindrucksvoll auf die Hörer wirken. Die Perfektion seines Spiels beweist er nicht zuletzt mit der Ballade „Soft Power“, der er ein Posaunenintro an den Anfang setzt, die (ohne Begleitung der beiden Mitmusiker) sicherlich fünf bis zehn Minuten einnimmt. Quirlig und schnell ist dagegen sein Spiel im Stück „Birds“ aus einem vorangegangenen Konzeptalbum zum Thema Tiere und Natur.

Um ca. 22 Uhr legen die Musiker eine Pause von wenig mehr als 20 Minuten ein. Nils Wogram erscheint auf der Bühne mit einem Megaphon. Während Krijger und Terzic sich schon in aggressiven Rhythmen verstricken, muss Wogram erst mehrfach mit Hand gegen das Gerät schlagen, bevor es seinen Dienst zu tun scheint. Schließlich erklingt durch den Trichter der Spruch des Schriftsteller-Freundes, der auch auf dem erwerbbaren Shirt zu lesen ist. Das Stück trägt den Titel „Game Desires“.

Eine Besonderheit des Orgelspiels Krijgers, wie sich in den folgenden Stücken besonders zeigt, ist die starke Dynamik, die er einsetzt. Sein linker Fuß spielt Bass nur im Socken, sein rechter ist dagegen beschuht und steht durchweg auf dem Lautstärkepedal der Hammond-Orgel. So erreicht er interessante sanfte Klänge, die insbesondere die balladigen Werke des Abends auszeichnen. Im Stück „Wet Stand“ dagegen erinnert sein Spiel eher an den Orgel-Giganten Jimmy Smith. Der Titel dieses gefälligen Stücks, das vermutlich auch Nicht-Jazzern leicht ins Ohr geht, bezieht sich auf die Bezeichnung von Messe-Ständen, die durch freien Alkohol Leute anlocken wollen. Eine gelungene Anspielung. Hervorstechend und modern, beinahe avantgardistisch ist das Schlagzeugspiel von Dejan Terzic. Der deutsche Musiker begeistert durch solche Kreativität, durch derartige Virtuosität, dass er als heimlicher Star des Abends in den Köpfen vieler Zuschauer bleibt. Stets sorgt er für den nötigen Drive und verleiht gerade ruhigeren Stücken die nötige Spannung. Mehrfach legt er ausladend experimentelle und moderne Soli vor oder hinter die Struktur der Musikstücke und begeistert in seinen reinen Soloparts durch Geschwindigkeit, Einfalls- und Facettenreichtum.

Nach dem letzten Stück „Plants Can’t Wait“ verlassen die Musiker um ca. 23 Uhr die Bühne, nur, um von einem anhaltenden Applaus wieder zurück auf dieselbe verlangt zu werden. Nils Wogram bedankt sich höflich bei Publikum und Location, stellt seine exzellenten Mitmusiker vor und verweist ein letztes Mal auf das neue Album, das an der Kasse erhältlich sei und immer noch ein wunderbares Weihnachtsgeschenk abgebe, beginnt schließlich mit der Zugabe, die weitere zehn Minuten in Anspruch nimmt. Danach haben sich die Spieler einen letzten großen Applaus verdient. Einige Gäste verweilen noch am Tisch oder der Bar und diskutieren das Gesehene und Gehörte, während sich andere aufmachen in die Nacht oder einen späten Feierabend.

Kritik: Thomas Steinbrunner