All Melody – Nils Frahm in der Philharmonie (Kritik)

485 Artikel in 17 aktiven Monaten. Das ist die Anzahl dessen, was ich hier auf KiM geschrieben habe. Insgesamt sind hier derzeit 864 Artikel, kein Einziger ging nicht unter mindestens kurzer Kontrolle meinerseits online. Das sind ungefähr 1,7 Artikel pro Tag, die ich also entweder schreibe oder bearbeite – ein irrsinniges Pensum, zählt man dann noch Uni und ein wenig Privatleben dazu. Oft kollabiert man da gerne. Da aber einfach wegfahren und ausbrechen nur ganz selten eine Lösung ist, muss man sich irgendwie selbst wieder beruhigen. Dafür gibt es wahrlich etliche Methoden, aber nur eine hat bisher funktioniert: die Musik von Nils Frahm.

Am 1. Dezember 2018 in der Philharmonie am Gasteig spielt der Berliner nun mit seinen Klangwelten auf. Das Konzert ist seit Monaten ausverkauft. Es ist klar, wie die Musik von Frahm auf Menschen wirkt – die Frage stellt sich also berechtigt, wie sich all das live anfühlt. Bequem in erster Linie, denn die Sessel in der Philharmonie sind letztendlich dafür bekannt, die wohl gemütlichsten aller Sitze in Münchens Locations zu sein. Die Angst, einfach mal einzuschlafen, ist da wohl nicht unberechtigt, aber nichts davon sollte wirklich geschehen – viel zu vereinnahmend, viel zu intensiv sind die Klangwelten. Als um 20:05 Uhr die Lichter ausgehen, kann man das nur erahnen.

Nils Frahm betritt die Bühne. Erster Applaus entfacht, er verbeugt sich und setzt sich an das große Harmonium. Allgemein nehmen die ganzen Tasteninstrumente und Soundboards einen überraschend großen Teil der Bühne ein, denn auch wenn er nur alleine ist und selbst alle Instrumente bedient, nutzt er den ihm gegebenen Raum, sei es nur für die Lichttechnik. Insgesamt verhält auch die sich recht minimalistisch, ein paar Lampen im Kreis schimmern zum Klangmotiv des jeweiligen Stückes – wenn es wilder wird, kommen blitzartige Blenden hervor, die die sowieso bereits mächtigen Stellen nur noch unterstreichen. Minimalismus auch in der Bühnenproduktion perfekt eingesetzt. Was hätte man auch anderes erwarten sollen.

Ob Frahm gerade ein Lied einfach doppelt so lange spielt oder ein Zweites nachlegt, lässt sich nie genau sagen. Teilweise improvisiert er minutenlang und versinkt vollkommen in seinen eigenen Werken, der Zuhörer tut es ihm gleich. Dennoch bricht er oft genug, greift nach den Liedern zum Mikro und erzählt, überraschend charismatisch und eloquent, von der allgemeinen Abneigung zu Pan- und Piccolo-Flöten oder seinem unglücklichen Auftritt 2013 in der Berliner Philharmonie, als seine Lichttechnik in Flammen aufging und der eigene Laptop während des Auftritts einfach einfror. Das passiere jetzt zum Glück nicht mehr, meint er lächelnd. Kein Wunder, denn der gebürtige Hamburger hat sich in den letzten Jahren einen Status erspielt, den man im Genre der Neo-Klassik wohl nicht mehr für möglich gehalten hätte. Im April verkaufte er die Muffathalle in Windeseile aus, nun also auch die Philharmonie. Folgt als nächstes die bestuhlte Olympiahalle? Hoffentlich nicht, denn die Philharmonie ist tatsächlich ein Ort, an dem er perfekt hineinpasst.

© Alexander Schneider

Immer dann, wenn die Musik besonders laut und intensiv wird, kommt man mit den Augen kaum hinterher, möchte man Frahms schnellen Reaktionen folgen. Er drückt wie wild Knöpfe, bespielt mehrere Instrumente zeitgleich und hört schlichtweg nicht mehr auf damit. Das Unglaubliche: trotz der doch sehr ähnlichen und oftmals repetitiven Musik überkommt einem niemals das Bedürfnis, auf die Uhr sehen zu müssen – wahnsinnig kurzweilig erscheinen die Bilder, die Frahm für kurze Zeit erschafft, aber anschließend auch gleich wieder verpuffen und vom nächsten Motiv abgelöst werden. Nach knapp 150 Minuten – ohne Pause, wohlgemerkt – kommt der Musiker zum Ende, er verbeugt sich die letzten Male, das Weinglas in der Hand. Standing Ovations, annähernd ausnahmslos.

Es sind diese Klangbilder, in die man hineingezogen und aus denen man nicht mehr herausgelassen wird. Sei es das pulsierende „Sunson“ aus dem aktuellen Album oder der Klassiker „Says“, welcher sich zum Ende hin so beeindruckend steigert, dass man sich berechtigt die Frage stellt, wann zuletzt so ein vielversprechender und beeindruckender Künstler neoklassizistischer Ansätze auf der Bühne der Philharmonie stand. Wenn die Klassik in der Moderne eine Zukunft hat – sie liegt in Nils Frahms Händen.

Kritik: Ludwig Stadler