Rockstar – Nickelback & Seether in der Olympiahalle (Konzertbericht)

Was wurden nicht alles schon für Hass-Tiraden auf diese Band gesungen, welche Votings haben sie nicht immer wieder auf Platz #1 der meistgehassten Bands aller Zeiten gewählt? Und dennoch, Nickelback bleiben standhaft und veröffentlichen weiterhin Musik, lassen sich von all diesen Stimmen nicht beirren und werden sogar, im Stil ihres neuen Albums „Feed The Machine“, wieder um einiges härter. Am 8. Juni 2018 in der Olympiahalle wollen sie dieses und ihre vielen anderen Lieder zum Besten geben, direkt als Einheizer für das große Rockavaria-Wochenende am Königsplatz mit u.a. Iron Maiden und Limp Bizkit, sozusagen. Als Special Guest mit dabei (und wahrlich nicht nur irgendeine Band): Seether!

© -Marina Chavez

Die speziellen Gäste von Seether machen auch den Beginn zu einer ungewöhnlich frühen Zeit, nämlich Punkt 19 Uhr. Keine Frage, die Alternative Rock-Combo ist selbst bereits recht groß, haben sie doch im Herbst problemlos das Backstage Werk ausverkauft – fast ist es eine Überraschung, dass sie als Main Support die gesamte Europa-Tour von Nickelback begleiten. Die Spielzeit variiert, in der Olympiahalle dürfen sie sich mit satten 60 Minuten austoben. So überrascht es kaum, dass es einen Querschnitt vom harten Material wie „Stoke The Fire“ und „Betray And Degrade“ zum softeren wie „Rise Above This“ und „Broken“ gibt, den die Musiker in ihrer Performance auch bestens meistern, trotz des irgendwie vergessenen Frontlichts. Dass die Herren etwas im Dunkeln stehen, machen sie leider dadurch nicht besser, dass sie kaum Ansagen machen und etwas lieblos ihre Lieder runterspielen. Das mindert fraglos nicht die qualitative Leistung und relativiert minimal ihren gelungenen Auftritt, dennoch sind Seether auf den kleinen Bühnen einfach nahbarer und stärker.

Setlist: Stoke The Fire / Gasoline / Rise Above This / Words As Weapons / Betray And Degrade / Country Song / Fine Again / Broken / Nobody Praying For Me / Fake It / Remedy

© Richard Beland

Die quälend lange Umbauzeit von 50 Minuten wird zeitweise mit einem Timer vertrieben, der allerdings, direkt nach Ablauf, in einem kurzen Werbefilmchen endet, nicht im Auftritt der Band. Die Band nämlich, also Nickelback, stürmt dann gegen 20:50 Uhr die Bühne zum Opener „Feed The Machine“, den Titeltrack des aktuellen Albums. Und was für einer! Die Gitarre wummert, Frontmann Chad Kroeger singt mit voller Inbrunst und das Publikum taut endgültig auf und jubelt lautstark mit. Selbst die noch etwas unscheinbare Mitt-Vierzigerin in Reihe 17 beginnt zu hüpfen, zu klatschen und ein kleines bisschen zu eskalieren – dieses Alter und ebendiese Reaktion sieht man zum Großteil in der Halle, neben äußerst jungen Gestalten, die wohl durch das Radio hergelockt wurden. Denn Songs wie „Photograph“ und „What Are You Waiting For?“ – ja, sie fangen nun einmal den größten Applaus ab.

Die Produktion selbst ist groß, mit Leinwänden behaftet und eindrucksvoll – das Sammelsurium an Material für eine ordentliche Rock-Show. Und die wird auch geboten – ein wenig Posing, viel Gitarre, brutal starker Live-Gesang und vor allem: sympathische Ansagen. Ein wenig wird sich auf der Bühne geneckt, bei „Rockstar“ werden kurzerhand zwei überglückliche Fans auf die Bühne geholt und bei „Animals“ sogar ein gitarrespielender Fan, der in seiner Motivation fast schon Kroeger und co. die Show stiehlt – in jedem Fall eine sympathische Aktion. Dennoch, trotz der spontanen Neckereien, bemerkt man die Routine, die sich in den letzten Monaten mit der immer gleichen Setlist eingespielt hat, sie lässt sich schlichtweg nicht verbergen. Auch die Ansagen mit „What do we want to play?“, die Frage, die mehrfach gestellt wird, ist bereits im Voraus beantwortet. Die Leute stört es kaum – und die Show auch nicht.

Wenn man sich über irgendwas echauffieren würde wollen, wäre es wohl die Setlist. Natürlich, eine Band wie Nickelback darf auf einen riesengroßen, schier ungreifbar großen Back-Katalog zurückblicken. Logisch, dass es kompliziert wird, die Setlist passend auszuwählen. Etwas bedauerlich, dass aber gerade da so viele ruhige und fast schon tempo-lose Songs ausgewählt wurden, denn JA, die Rock-Songs reißen die Menge mit und JA, die Balladen tun es meistens ob der Abwechslung auch, aber NEIN, die ganzen Mid-Tempo-Nummern wie „Someday“ und „Far Away“ sind eher ermüdende Lückenfüller. Nichtsdestotrotz: die Kanadier haben in der ordentlich gefüllten Olympiahalle eindrucksvoll bewiesen, dass sich ihr Ruf als verhasste Band nicht bestätigt, denn nicht nur musikalisch wird eine einwandfreie Leistung vollbracht, auch die Produktion und die Sympathie, mit der sie präsentiert wird, spricht sehr für das doch etwas zu Unrecht geschehende Bashing. Denn Songs wie „Something In Your Mouth“ knallen immer noch mehr als von jeder Saubermann-Rockband!

Setlist: Feed The Machine / Woke Up This Morning / Photograph / Far Away / Something In Your Moth / Someday / Lullaby / Seven Nation Army (The White Stripes Cover) / Figured You Out / Song On Fire / What Are You Waiting For? / Million Miles An Hour / Rockstar / When We Stand Together / Animals / How You Remind MeZugaben: Gotta Be Somebody / Burn It To The Ground

Kritik: Ludwig Staler