Easy Livin‘ – Music & Stories in der Muffathalle (Konzertbericht)

Es ist ein großer, aber zugleich auch etwas schräger und unvorhersehbarer Abend, der sich am 19. Januar 2020 in der Muffathalle ankündigt. Mit „Music & Stories“ vereint man drei altgediente britische Rock-Bands, nämlich Uriah Heep, Nazareth und Wishbone Ash. Alle spielen ihre regulären Konzerte, aber zusätzlich wird es in den Kontext der „Stories“ gelegt. Moderator Andy Scott, bekanntermaßen das Gesicht von Sweet, entlockt den Gründungsmitgliedern der jeweiligen Bands in den Umbaupausen die eine oder andere Geschichte und versüßt so den Gästen die sonst zähe Wartezeit. Ein kurzweiliger Abend.

Die Startposition haben Wishbone Ash um 18:35 Uhr inne, die sympathisch-zurückhaltend auf die Bühne schreiten und sogleich mit ihrer vielleicht bedeutendsten Nummer „The King Will Come“ den Abend eröffnen. Und hier stimmt wirklich alles: glasklarer Sound, großartiges Licht, sichtliche Spielfreude und eine grandiose Setlist. Die progressiv-experimentellen Rocker hätten gar nicht besser altern können, so fantastisch wie sie sich an diesem Abend in München präsentieren. Selbst das mittlerweile 50 Jahre alte „Jail Bait“ klingt so frisch wie eh und je – und wird nur noch vom endlos langen, aber unfassbar virtuosen „Phoenix“ übertroffen. Nach rund 55 Minuten und der Zugabe „Blowin‘ Free“ ist Schluss. Wenn ein Abend so stark und beeindruckend beginnt, wie soll es da noch weitergehen?

Setlist: The King Will Come / Warrior / Throw Down The Sword / We Stand As One / Jail Bait / PhoenixZugabe: Blowin‘ Free

Nach einem Plausch von Andy Scott mit dem Heep-Vater Mick Box und Langzeit-Sänger Bernie Shaw sind um 19:50 Uhr Nazareth an der Reihe. Die Band um Gründungsmitglied und Bassist Pete Agnew hatte im Laufe ihrer mittlerweile 52-jährigen Karriere etliche Auf und Abs – angefangen in Schottland, zu einer der größten Rock-Bands der Welt aufgestiegen, über die Jahrzehnte wieder kleiner geworden und zuletzt mit dem Ausstieg des Originalsängers Dan McCafferty mit einem harten Schicksalsschlag versehen. Die vierköpfige Truppe lässt sich davon nicht unterkriegen und tour mit Carl Sentance an den Vocals seit 2015 umher. Der Frontmann ist dabei musikalisch noch das beste Glied der Band und überzeugt mit starken Vocals – im Gegensatz zu seinen Mitmusikern, die oftmals aus dem Takt geraten und sich hörbar verspielen. Zwar ist die knappe Stunde gefüllt mit vielen Klassikern und durchaus solide anzuhören, aber womöglich sollten sich die Musiker mehr um ihre musikalische Spielfertigkeit kümmern als um das erzwungene Wirken von Rockstar-Klischees.

Setlist: Miss Misery / Razamanaz / This Flight Tonight (Joni Mitchell cover) / Dream On / Change / Beggars Day (Crazy Horse cover) / Changin‘ Times / Hair Of The Dog / Tattooed On My Brain / Love Hurts (The Everly Brothers cover) / Morning Dew (Bonnie Dobson cover)

Es folgen abermals Geschichten aus den vergangenen Jahrzehnten, dieses Mal über eine Tour, die gemeinsam von Wishbone Ash und Nazareth bestritten wurde. Da wurden dann die Bandmitglieder auch mal in manchen Fotos von Presseartikeln vertauscht – die Entstehung von „Nazabone“. All diese sympathischen Gespräche sind natürlich ein großartiger Zeitüberbrücker, letztendlich erschließt sich allerdings nicht so ganz die übermäßige Bewerbung des „Stories“-Aspekts. Denn „Music“ – das ist immer noch der deutliche Hauptteil des Abends, was auch das 70 Minuten-länge und auf Vollgas getrimmte Set von Uriah Heep beweist. Erst Ende 2018 im annähernd ausverkauften Circus Krone zugange gewesen, wie wir berichteten, kehren die Engländer nun zum 50-jährigen Jubiläum zu solch einer nostalgischen Tour zurück. Die Setlist ist ein übliches Best-Of, zwei Songs des aktuellen und 25. (!) Albums „Living The Dream“ finden sich auch darin.

Nur im Sound hat man es, wieder einmal, etwas zu gut gemeint – die Gitarre von Mick Box übertönt jedes andere Instrument, insgesamt scheint die Arena-Lautstärke in die Muffathalle übertragen worden zu sein, es wummert und kracht an jeder Ecke. Zwar ist alles sauber und ohne technische Störungen, aber die Dezibelanzahl ist so hoch, dass es auf die Länge des Auftritts recht anstrengend wird. Das ist vor allem deswegen schade, da Sänger Bernie Shaw, der auch in seinem 64. Lebensjahr noch gesanglich stark bei Stimme ist, nur dann durchkommt, wenn er in die besonders hohen Stimmlagen wechselt – gleiches Problem bei Phil Lanzon, seit über 33 Jahren Orgel- und Keyboardspieler in der Hard Rock-Gruppe. Die Performance selbst aber könnte wohl gar nicht besser sein – alle Musiker sind hochmotiviert, freuen sich auch beim Tausendsten Mal noch darüber, „Gypsy“ darzubieten, und grinsen wie Honigkuchenpferde, wenn ein mächtige Instrumental-Parts wie in „July Morning“ so großartig gelingen wie an diesem Abend. Ein toller Abend mit 150 Jahre britischer Rock-Geschichte, ein mächtiger Abschluss.

Setlist: Grazed By Heaven / Too Scared To Run / Take Away My Soul / Rainbow Demon / Gypsy / Look At Yourself / July Morning / Lady In BlackZugaben: Sunrise / Easy Livin‘

Bericht: Ludwig Stadler