mother! – Filmkritik

(4 / 5)

© Paramount Pictures

 

 

Regisseur: Darren Aronofsky

Genre: Drama, Thriller, Horror

Produktionsland: USA

Kinostart: 14. September 2017

Laufzeit: 2 Std. 2 Min.

 

 

 

Das gute alte Aronofsky-Problem: Man ist gleichzeitig fasziniert und verwirrt. Oder ist man vielleicht fasziniert, nur WEIL man verwirrt ist? Gerade, da man sich selbst nie so ganz sicher ist, wie man seine Filme objektiv bewerten soll, springen Meinungen immer kreuz und quer. Das eine Mal wird er tosend gefeiert, das andere Mal gnadenlos ausgebuht. Seine neueste Schöpfung treibt dieses Konzept auf ein epileptisches Extrem. Als verkünstelte Schöpfungsorgie ungekannten Ausmaßes ist „mother!“ eine der wildesten Achterbahnfahrten der Kinogeschichte und egal, wie sehr du glaubst alles gesehen zu haben: Du bist nicht bereit für das, was dich erwartet.

Ein Ehepaar lebt zurückgezogen in einem Landhaus. Während der Dichter (Javier Bardem) verzweifelt versucht seine Schreibblockaden zu lösen, renoviert dessen Frau (Jennifer Lawrence) das nach einem Brand heruntergekommene Haus. Als der Dichter einem fremden, anstrengenden Ehepaar (Ed Harris / Michelle Pfeiffer) Obdach gewährt, ohne seine Frau nach ihrer Meinung zu fragen, kippt die Stimmung schnell. Spätestens wenn die beiden Söhne des Ehepaars auftauchen und die Situation immer skurriler zu werden scheint, verliert sie sich im wachsenden transluzenten, eskalierenden Chaos.

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Knallhart ist die Atmosphäre schon von Beginn. Aber nicht durch nervenaufreibende Musik, sondern gerade durch das Aussparen dieser. Die meiste Zeit über ist „mother!“ – abgesehen von den Dialogen natürlich – still wie die Nacht, die sie metaphorisch umgibt. Wenn Jóhann Jóhannsson gelegentlich auf strapazierendes Gebrumme, Gerausche oder Gedröhne setzt, ist das eher auch schon das höchste der Gefühle. Das macht den Film abnormal intensiv, erdrückend und unfassbar anstrengend. Wer einen seicht lockeren Horror-Schocker á la „Scream“ erwartet, wird hier, genau am anderen Ende des Genrespektrums, völlig fertig mit den Nerven den Kinosaal verlassen.

Diese Atmosphäre erinnert nicht von ungefähr an moderne, dramatische Theaterstücke. Selbst das Anwesen des Paares als einziger Austragungsort der Handlung wirkt im Endeffekt wie eine gigantische Bühne, welche nicht überschritten werden kann. Der Unterschied: Die Betrachter sind nicht nur wir Kinogänger, sondern eine ganze Weile lang genauso die Figur der Jennifer Lawrence. Beinahe unbeachtet von den Akteuren muss sie zusehen, wie das zermürbende, bizarre Stück ihr eigenes Leben zerreißt. Alles, was geschieht entzieht sich gekonnt ihrer Wirkungskraft. Aus einer so passiven Rolle holt Jennifer Lawrence trotzdem alles heraus und beweist ein weiteres Mal, warum sie derzeit so hoch gehandelt wird. Das wahre Festmahl für die Augen ist aber erneut Javier Bardem, dem durch seine Rolle aber fairerweise natürlich auch nicht derartig die Zügel gehalten werden müssen. Ohne zu viel verraten zu wollen: Man merkt ihm an, den Film und seine Intention völlig in sich aufgenommen zu haben, wenn er von seiner an Stimmungsfarben überfüllten Palette so differenziert und zielsicher Gebrauch macht, wie selten zuvor. Ed Harris als verschrobener Fanboy und Michelle Pfeiffer als extrovertierte Tussy liefern aber, genau wie der Rest des Casts, eine tolle Show ab. Hier sollte wirklich niemand vernachlässigt werden.

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Auf Bild festgehalten wurde dieses Spektakel von Kameramann Matthew Libatique in passend frenetischer Manier. Selten habe ich so einen exzessiven Gebrauch von Nahaufnahmen erlebt. Der Zuschauer muss schließlich schonungslos unter erhöhtem Herzschlag an der Stange gehalten werden. Die gewollte Wirkung entfaltet das auf jeden Fall, da „mother!“ durchgehend aus der Sicht der Ehefrau erzählt wird. Dafür reiht sich eine Over-Shoulder-Aufnahme an die nächste und bereits nach kurzer Zeit zieht man selbst tatsächlich ähnlich verängstigte Gesichter wie Jennifer Lawrence. Das nenne ich gekonntes Inszenieren. Einzig und allein die zwei, drei völlig unnötigen Jump-Scares unterwandern dabei irgendwie die angepeilt hohe Klasse.

Worum es bei diesem schrägen, komplett ausschreitenden Metaphern-Gelage im Endeffekt geht, ist der Interpretation des Zuschauers überlassen. Zwar gibt es durchaus plausible Erklärungsmuster, doch macht Aronofsky keinerlei Anstalten den Betrachter an der Hand zu nehmen. Er möchte einen aktiv zum Mitdenken bewegen, nein, dazu zwingen. Gerade gegen Ende wird man überflutet mit Mustern, Handlungssträngen und unerklärbaren, traumhaften Sequenzen die eine in sich logische, geschlossene Handlung komplett aus dem Fenster werfen. Einerseits erlebt man hierdurch wohl den wildesten Ritt seines Lebens, andererseits wird man aber auch das Gefühl nicht los, dass Aronofsky dem Kinogänger nicht nur das Denken beibringen möchte, sondern dieses auch noch komplett selbstständig dem Publikum überlässt.

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Das Resultat ist damit die Gegenüberstellung von Inszenierung und Plot. Und das stellt wahrlich kein einfaches Unterfangen dar. Während des Films ist man gefesselt von der schieren Wucht der Darbietung. So sehr, dass man keine Sekunde verpassen möchte. Nach dem Film macht sich jedoch schnell eine gewisse Leere breit, wenn einem klar wird, dass sich hinter der Maskerade nicht allzu viel verbirgt – oder einfach nur nicht zum Vorschein kommen möchte. Aronofsky hat sich auf eine unglaublich hohe Fallhöhe eingelassen, indem er versucht die Mutter aller Kunstwerke zu manifestieren. Ein Gewicht, dass er nicht zu einhundert Prozent stemmen kann. Aber man sollte sich ernsthaft fragen, ob der Film auf eine andere Weise überhaupt funktioniert hätte. Schließlich macht gerade diese undefiniert offene Handlung einen Teil ihrer bedeutungsschwangeren Wirkung aus, welche diesem Kunstwerk zu überdimensionaler Kraft verhilft.

Fazit: Darren Aronofsky entzieht sich mit „mother!“ gekonnt jeder objektiven Kritik. Dieser Film ist gleichzeitig alles und nichts. Es ist die gezielte Demontierung eines klassischen Handlungsstrangs zum Zwecke der intensivsten und nervenzerfetzendsten Adrenalinverkettung, die du wohl je erleben wirst. Und genauso sollte man diesen Film auch behandeln: Als intelligente Achterbahnfahrt, die jedoch beim mehrmaligen Befahren schnell ihren Reiz verlieren dürfte.

(4 / 5)