Mittendrin – Wincent Weiss in der Muffathalle (Bericht)

„Ich brauch frische Luft“ tönt aus dem Radio im McDonald‘s am Isartor. Eine Gruppe von Mädchen beginnt leise mitzusingen, einige Esser sehen sie etwas irritiert an. Dabei wäre es schlimm, wenn es nicht so wäre, denn in etwa 300m Luftlinie Entfernung, nämlich in der schönen Muffathalle, spielt der Interpret und Sänger dieses Liedchens auf: Wincent Weiss. Nachdem er im April diesen Jahres nach langer Wartezeit endlich sein Debüt „Irgendwas gegen die Stille“ veröffentlichte, war es höchste Zeit, endlich mal mit den Songs auf Tour zu gehen, ohne, dass die Fans die Lieder doch nur teilweise kennen, wie es die letzten beiden Tourneen der Fall gewesen ist. An diesem Montagabend, der 27. November 2017, sollte das aber endlich einmal anders sein.

Dass das Konzert mit einer Vorband bereits um 19:30 Uhr beginnt, ist sicherlich etwas ungewöhnlich, aber auch ein wenig vorhersehbar, denn, wie zu erwarten, sind neben den gerade erwachsen gewordenen Mädchen und Jungs (die übrigens zu einem nicht zu verachtenden Teil ebenfalls anwesend waren) auch einige Minderjährige auf dem Konzert, inklusive Elternteil-Begleitung – manchmal mit verhältnismäßig motiviertem, oftmals mit zweifelhaftem Gesichtsausdruck; aber was macht man nicht alles für das kleine Töchterchen?
Die Muffathalle selbst ist bereits seit Monaten ausverkauft. Nach dem Release des Albums ging es für Wincent so schnell bergauf, dass er auch nächstes Jahr im großen Tollwood-Zelt spielen wird, das doch eine beachtliche Anzahl von 6.000 Leuten fasst. Ein Viertel davon ist ihm bereits sicher, denn alle Besucher in der Muffathalle kommen wieder – garantiert.

Bereits um etwa 19:25 Uhr geht das Licht aus und „Gute Musik“ von Clueso ertönt, wesentlich lauter als die vorherige Hintergrundmusik. Einige Minuten später entert Körner die Bühne, gemeinsam mit vier weiteren Musikern. Bereits beim ersten Song „Bist du da?“ fällt der glasklare, großartige Sound auf, der sich das gesamte Set durchziehen soll. „Körner zeigt, dass Pop mehr sein kann“ steht auf der Website des Künstlers, und was wie eine unfassbar billige Phrase klingt, stellt sich als die absolute Wahrheit heraus: ab der ersten Sekunde fesselt die mitreißende Musik, die angenehm außergewöhnlichen Texte (die trotzdem manchmal das klischeehafte „Menschen Leben Tanzen Welt“-Modell erfüllen) und die wohlige Stimme des Frontsängers, in der man sich fast verlieren könnte, so perfekt ist sie. Auch wenn kaum Songs veröffentlicht sind, wird ein Sammelsurium aus bekannten und kommenden Liedern dargeboten. Definitiv ein Highlight: „Liebe ist niemals out“ – auf die Studio-Version im nächsten Jahr darf man gespannt sein. Nach den obligatorischen 30 Minuten findet der Auftritt im zwar bekanntesten, aber im Vergleich mit den gespielten Stücken auch schlechtesten Song „Gänsehaut“ sein Ende – und irgendwie ist das doch so ein tolles Zeichen, dass man sich all die neuen Lieder am besten wirklich auf der Tour nächsten Herbst im Münchner Strom anhören sollte!

Setlist: Bist du da? / Marie P. / Liebe ist niemals out / Sprachlos / Auf dem Weg / Gänsehaut

Als um 20:20 Uhr wieder das Licht ausgeht, schießen dafür etliche Handys hoch. Ein wenig war das ja zu erwarten, schade ist es trotzdem, dass anscheinend nur eine Minderheit überhaupt versucht, das Kommende erst einmal selbst wahrnehmen zu wollen und anschließend erst alles digital mit der Welt zu teilen. Nichtsdestotrotz legt Wincent Weiss mit „Betonherz“ einen starken Konzertbeginn hin und erfreut vor allen zu Beginn damit, dass seine Band und er nicht einfach das Album blind nachspielen, sondern eigene Versionen kreieren und mal, je nach Stimmung, rockiger oder ruhiger als das Original werden. Dieser neue Spirit wird beispielsweise bei „Gegenteil von Traurigkeit“ spürbar, als das Lied kurzerhand mit einer Bass-Line eingeleitet wird, wozu die gesamte Halle im Takt schnipst – übrigens komplett ohne Gekreische, sodass nur Bass und Schnipsen wahrnehmbar waren. eine tolle Idee.

Der Sound auch hier wieder – perfekt. Jedes Instrument ist kräftig und klar zu hören, Weiss selbst ist sichtlich lauter und singt ebenso durchgehend sehr verständlich und ebenso text- und tontreffsicher – nach Shows im knapp dreistelligen Bereich, bei dem die Songs dargeboten werden, sicherlich auch ein wenig Routine. Der heimliche Star des Abends ist aber definitiv die fantastische Begleit-Band. Alle Musiker sind Virtuosen an ihren Instrumenten, machen die Live-Versionen der Songs erst besonders und „mehr als Pop“, allen voran die Stimme des Gitarristen und Kurzzeit-Pianisten Benni, der zwischendrin „Over The Rainbow“ am Klavier sang, ist unfassbar stark. Sie alle spielen den fokussierten Sänger, objektiv gesehen, den Rang ab. Das Publikum kreischt trotzdem fleißig weiter den jungen und durchaus nicht unattraktiven Mann am Mikro an.

Dabei ist die äußerliche Komponente, wenngleich auch für den ein oder anderen weiblichen (und männlichen) Besucher sicher ausschlaggebend für den Ticket-Kauf, gar nicht irgendwie Thema, sondern nur die Musik. Egal, ob das gesamte Album, die Bonus-Tracks „Weck mich nicht auf“ und „365 Tage“, bei dem kurzerhand große Luftballons in die Menge geworfen werden, oder Cover-Songs wie „Unter meiner Haut“, welches 2015 maßgeblich zum heutigen Erfolg beitrug. Auch „Wie kann ein Mensch das ertragen?“ vom Kollegen Philipp Poisel darf nicht fehlen – allein an der Akustik-Gitarre vorgetragen. Da wird es dann doch kurzzeitig etwas arg kitschig. Zum Glück machen Aktionen wie das Herumgehen im Publikum mächtig Eindruck bei den Fans, sodass wirklich jeder auf seine Kosten kommen sollte. Auch die freundlichen, meist sympathisch-unbeholfenen Ansagen tragen dazu bei. Sogar ein politisches Statement darf nicht fehlen: „Egal, ob dick oder dünn, schwarz oder weiß, homosexuell oder heterosexuell – jeder darf sein wie er will“. Dem ist nichts hinzufügen. Gar kein so schlechter Einfluss, haben sich hoffentlich einige anwesenden Elternteile gedacht.

Ob das obligatorische Medley aus deutschen Songs, bestehend aus 16 (!) Songs (wer tatsächlich an allen Liedern interessiert ist, die Auflistung befindet sich am Ende des Beitrags), oder einer spontanen „Happy Birthday“-Einlage für Nina, die sich nun im 22. Lebensjahr und zum Zeitpunkt des Konzerts in der ersten Reihe befindet – mit jeder Kleinigkeit steigert sich nicht nur die Sympathie für Weiss, sondern auch das Konzert selbst. Kurzzeitig verschwindet die Bildschirm-Schar sogar, was sich allerdings bei den Songs gegen Ende hin doch wieder ändert, denn die Hits „Musik sein“, „Frische Luft“ und „Feuerwerk“ im Zugaben-Block müssen natürlich visuell festgehalten werden, für die Welt der Snapchat- und Instagram-Stories.

Um doch einmal kurzzeitig ins Subjektive zu wechseln:
Zugegeben, woher diese Faszination kommt, alles zu filmen: ich weiß es nicht. Gerade, wenn Wincent Weiss in „Feuerwerk“ davon singt, den Moment zu leben, und das 14-jährige Fangirl dabei ihren Star nur durch ihren Handy-Bildschirm erleben kann – es ist ein wenig eine Farce. Andererseits ist sie dabei glücksüberströmt und das auch absolut zurecht, denn das, was der ehemalige Münchner in seinen 100 Minuten Stagetime abgeliefert hat, grenzt an eines der besten Konzerte, die ich je gesehen habe.
Mit Körner hat man die wahrscheinlich beste Vorband-Wahl aller Zeiten getroffen, die der Musik des Main-Acts in nichts nachstand. Und eine Sache löst dann das bei den Fans aus, was es rechtfertigt, jedes weitere Konzert des Sängers zu besuchen: keine gespielte, sondern absolut ehrliche Dankbarkeit.

Setlist: Betonherz / Wir sind / Ein Jahr / Gegenteil von Traurigkeit / Unter meiner Haut (Elif Cover) / Wenn mir die Worte fehlen / Mittendrin / Weck mich nicht auf / Wie soll ein Mensch das ertragen? (Philip Poisel Cover) / Herz Los / Regenbogen / Deutsch-Medley / 365 Tage / Musik sein / Nur ein Herzschlag entfernt / Frische LuftZugaben: Ich tanze leise / Feuerwerk

Bericht: Ludwig Stadler

Deutsch-Medley:
Palmen aus Plastik (Bonez MC & RAF Camora)
Das Leichteste der Welt (Silbermond)
Wir sind groß (Mark Forster)
Chöre (Mark Forster
80 Millionen (Max Giesinger)
Ich und mein Holz (257ers)
Ahnma (Beginner)
Bonnie & Clyde (Sarah Connor)
Unendlichkeit (Cro)
Was du Liebe nennst (Bausa)
Bros (RIN)
Kreise (Johannes Oerding)
Mein Block (Sido)
2 Kids (Marteria)
Senorita (Kay One & Pietro Lombardi)
Blau (Amanda)