Prove You Wrong – Mike Shinoda im Zenith (Konzertbericht)

Der Tod von Chester Bennington im Jahr 2017 war nicht nur für Millionen Fans weltweit ein großer Schreck, sondern natürlich insbesondere für den Frontmann an seiner Seite, Mike Shinoda. Wie soll es nach so einem Verlust weitergehen? Die Frage ist bis heute in Bezug auf Linkin Park nicht geklärt, aber Shinoda selbst hat seine Trauer und seinen Schmerz in das kanalisiert, was er am besten kann: Musik. Erstmals unter seinem eigenen Namen hat er das Album „Post Traumatic“ veröffentlicht und dort den Verlust verarbeitet. Nun geht er mit Band und ausgewählten Hits von Fort Minor auf Tour. Am 18. März 2019 besucht der Rapper das Münchner Zenith – die Halle füllt sich und beinhaltet – wer hätte es gedacht? – zum Großteil treue Linkin Park-Fans. Die Chance auf den einen oder anderen Song steht ja immerhin nicht schlecht – und soll später auch erfüllt werden.

Zuvor darf aber erst einmal das Rap-Duo TIAVO den Abend eröffnen. Live präsentiert man sich zusätzlich mit Drummer und schlägt einen überraschend rockigen Weg für Deutschrap ein. Sichtliche Freude empfindet Frontmann Lucy, den Abend für Shinoda eröffnen zu dürfen. Sie haben es erst letzte Woche erfahren und konnten es kaum glauben, erzählt er, Linkin Park seien auch die Helden seiner Jugend. Ein Gefühl, das er sicherlich mit dem Großteil des Saales teilt – und allein dadurch schon die nötigen Sympathiepunkte zuteil werden lässt. Die Musik selbst ist ziemlich mitreißend, sehr gitarrenorientiert, leider aber manchmal an einem unausgeglichenen Sound, der das Sample maßlos zu laut durch die Boxen kommen lässt. Dennoch: musikalisch und in der Performance hätte es wohl kaum eine passendere Wahl gegeben.

Setlist: Nicht aus Gold / Huckleberry Finn / Outta This World (OTW) / Oh Lucy / Aristoteles / Shit On Your Grave / Wiederkommen / Dreams

Der Hauptgrund des Abend lässt sich dann erst einmal ordentlich Zeit, bevor er um 21:15 Uhr die Bühne betritt, dann aber sofort als Erster im Bunde zum Publikum stürmt und mit „Petrified“ sein Set eröffnet. Sympathisch und mit einem Dauergrinsen gibt sich Mike Shinoda an diesem Abend, dennoch mit der gewissen Portion Besinnlichkeit in den richtigen Momenten, beispielsweise beim Spielen von „In The End“ und „Heavy“, zwei der großen Linkin Park-Songs, die er selbst nur am Klavier begleitet und vollends das Publikum singen lässt. Eine gute Entscheidung, ein verbindender Moment und wahrscheinlich die klügste Variante, ein Tribute für den verstorbenen Bennington zu erschaffen, das von Klischee völlig frei bleibt, den letztendlich sind es die Fans selbst, die es kreieren. Shinoda spielt nur – und geht vor allem in den eigenen Solo-Songs sichtlich auf.

© Frank Maddocks

Einen bunten Mix aus seiner aktuellen Platte „Post Traumatic“ und teilweise wahren Perlen aus dem LP– und Fort Minor-Universum präsentiert der Amerikaner. Die Wahl ist ausgeglichen, der Rap-Anteil selbstverständlich überdurchschnittlich, aber auch die Rock-Fans bekommen spätestens mit „Papercut“ am Ende des regulären Sets ihre Befriedigung. Shinoda gelingt es, jedem Besucher das zu geben, was er sich wünscht – eine Gratwanderung, die selten aufgeht, aber hier vollkommen. Er rast schier durch die Stilrichtungen, kombiniert das mit einigen Tour-Anekdoten und bekommt fast schon minütlich Geschenke auf die Bühne geworfen – von einer Socke bis zu einer weißen Cap mit Emojis ist allerlei dabei. Letzteres setzt er sich sogar kurzerhand auf – und erntet große Jubelstürme.

Die insgesamt etwas über 90-minütige Show vergeht wie im Flug und lässt, trotz ziemlicher Abstinenz jeglicher Show und lediglich drei Musikern auf der Bühne, zu keiner Sekunde Ermüdung aufkommen. Selbst ein paar Lieder des letzten Linkin Park-Albums „One More Light“ finden ihren Weg in das Programm – weil die Fans es sich wünschen würden und man selbst ja nicht mehr dazu gekommen sei, die Lieder so richtig aufzuführen, sagt Shinoda. Auf einen spontanen Gesangsgast müssen die Münchner ebenso nicht verzichten – Lina Marly unterstützt den Musiker kurzerhand bei „Make It Up As I Go“ und opfert dafür extra ihren Off-Day während ihrer Tour. Die Performance gelingt, kommt aber nicht an den beeindruckenden Auftritt von Jennifer Weist zu „A Place For My Head“ während des Berlin-Konzerts. Das Publikum jubelt trotzdem das gesamte Konzert irrsinnig lautstark hindurch. Hätte er noch einen Stagedive gewagt, man hätte ihn dann wohl auch wörtlich auf Händen getragen – aber auch so wird der Rapper frenetisch nach dem abschließend „Running From My Shadows“ von der Bühne entlassen. Ein so mitreißendes Konzert haben wir nicht erwartet – prove you wrong, Mike Shinoda!

Setlist: Petrified (Fort Minor) / Hold It Together / Remember The Name (Fort Minor) / When They Come For Me (Linkin Park) / Ghosts / Roads Untraveled (Linkin Park) / Prove You Wrong / Nobody Can Save Me (Linkin Park) / Lift Off / Sorry For Now (Linkin Park) / Crossing A Line / Where’d You Go (Fort Minor) / Waiting For The End (Linkin Park) / Heavy (Linkin Park) / In The End (Linkin Park) / About You / Over Again / Papercut (Linkin Park)Zugaben: Robot Boy (Linkin Park) / World’s On Fire / Make It Up As I Go (mit Lina Maly) / Castle Of Glass (Linkin Park) / Good Goodbye (Linkin Park) / Bleed It Out (Linkin Park) / Running From My Shadows

Bericht: Ludwig Stadler