„So richtig glücklich bin ich nicht“ — „Melancholia“ in den Kammerspielen (Kritik)

Der Katastrophile kennt nur eine Katastrophe: ihr Ausbleiben. Und Justine sehnt sich doch so sehr das Ende der Welt herbei. Der Regisseur Felix Rothenhäusler hat den Endzeitfilm „Melancholia“ von Lars von Trier für die Münchner Kammerspiele adaptiert; am Samstag, den 15. Juni 2019, war die heftig beklatschte Premiere seiner zweistündigen, pausenlosen Inszenierung. Wer den Film kennt, weiß um die Maßlosigkeit Triers: In stilisierten Bildern, die in Superzeitlupe wie zum Leben erwachte Gemälde, wie kunstvoll inszenierte Fotografien voller magischem Realismus wirken, sehen wir eine Apokalypse kommen. Es ist zugegebenermaßen ein hochgesetztes Ziel, diese cineastische Poesie nun in die Sprache des Theaters übersetzen zu wollen.

© Armin Smailovic

Ein gewaltiger Planet namens Melancholia, um ein Vielfaches größer als unsere Erde, hat sich auf eine Reise durch das Universum gemacht, alle Planeten unseres Sonnensystems passiert, ohne eine Kollision zu verursachen, sich hinter der Sonne versteckt wie ein heimtückischer Meuchelmörder, um dann der finalen Kollision mit dem blauen Planeten zuzusteuern. Melancholie ist auch der Name der Krankheit, unter der Justine, gespielt von Julia Riedler, leidet. Doch man braucht eine Weile, bis man das realisiert. Weil wir sie ausgerechnet an jenem Tag kennen lernen, der allgemein als der schönste Tag im Leben gilt — bei ihrer Hochzeit. Doch Justine wirkt meist abwesend und widerstrebend, verweigert sich den protokollarischen Abläufen und irrlichtert durch die Feier, als hätte sie mit all dem nichts zu tun. „So richtig glücklich bin ich nicht“, stellt die weltentrückte Justine immer wieder fest.

Das Publikum erlebte eine komplette Nacherzählung des Films durch fünf Darsteller; diese reden vor allem über- anstatt miteinander. Rothenhäusler und sein Dramaturg Tarun Kade orientieren sich dabei gewissenhaft am Drehbuch, wenige Szenen sind umgestellt, anderes gekürzt. Justines Schwager und ihr Boss John wurden in einer Figur von Majd Feddah zusammengefasst. Und doch gibt es diese absurden, unerklärlichen Momente: Die Begrüßung durch Beyoncés „Drunk in Love“ oder dass gegen Ende die Schauspieler am Bühnenrand sitzen und sich gegenseitig die Lyrics von Billie Eilishs „Ocean Eyes“ zuträllern. Für einzelne Lacher geht dabei leider die Genialität des Gesamtkunstwerkes verloren. Lars von Trier wählte „Tristan & Isolde“ als Leitmotiv seiner apokalyptischen Überwältigungsoper „Melancholia“. Bei Rothenhäusler ist das nur noch ironischer, gesprochener Kommentar, ein netter Fakt, für alle, die den Film mal gesehen haben.

© Armin Smailovic

Die live-musikalische Begleitung des Unterganges wird von Christian Naujoks erzeugt. Unterschwellige, ferne Drone-Sounds symbolisieren die anschwellende Bedrohung durch den heranrasenden Planeten. Das Inferno brennt aber nur in den aufmerksamen Köpfen der Zuschauer. Die Bühne selbst bleibt leerer als leer. Von Katharina Pia Schütz lediglich mit ins Publikum gerichteten Scheinwerfern bestückt, die, mal heller, mal dunkler, wie zwölf kleine Sterne am Horizont funkeln. Der Boden aus glasigen schwarzen Platten spiegelt das isolierte Vakuum der Protagonisten wieder. Ein Effekt, der den Zuschauern aus dem Parkett vorenthalten bleibt, nur aus den Rängen ist dies zu entschlüsseln.

© Armin Smailovic

Ist „Melancholia“ die Geschichte einer kranken Frau? Oder ist es eine Erzählung über eine Welt, der man mit Recht den Untergang wünscht? Felix Rothenhäusler inszenierte an den Kammerspielen zuletzt Ryan Trecartins „The Re’Search“ und Eugène Labiches „Trüffel Trüffel Trüffel“. Lars von Trier wird bei ihm zum fordernden Sprech-Denk-Spiel. Das gut aufgelegte Ensemble kämpft sich durch die Komplexität des Stoffes. Und das ohne jegliche Requisiten. Natürlich waren nur die Beschreibungen oder Erwähnungen der Film-Bilder und Vorgänge weit weniger eindrucksvoll und vermutlich war es für den Zuschauer, der das Filmwerk nicht kannte, nicht immer ganz einfach, der Handlung oder den Momenten der Befindlichkeit der Protagonisten zu folgen.

Justine ist dabei keine Hilfe. Ihre Aussagen sind zutiefst desillusionierend. Denn für sie steht fest: Das Ende der Welt, „die niemand vermissen wird“ – in seiner ganz so unheimlichen Unvorstellbarkeit und ja, auch in seiner ganzen unheimlichen Schönheit –  ist die Erlösung im Tod. Hin und wieder scheint der Mensch Untergangsszenarien und Katastrophenängste zu brauchen, um die Leere in seinem Dasein ertragen zu können. „Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein“, so sagte bereits Victor Hugo.

Kritik: Carolina Felberbaum