Meisterdetektiv Pikachu – Filmkritik

(2,5 / 5)

©Warner Bros. Pictures Germany

 

 

Regisseur: Rob Letterman

Genre: Abenteuerfilm

Produktionsland: USA, Japan

Kinostart:09. Mai 2019

Laufzeit: 1 Std. 44 Min.

 

 

 

Als 2016 noch gefühlt alle Ü30er für ein paar Wochen mit Handy voraus auf „Pokémon Go“-Jagd gingen, schien der Hype aus den 90ern wieder voll aufzuleben. Blitzschnell reagierte auch „Warner Bros.“ mit einem entsprechenden Kinofilm-Auftrag – nur leider benötigt so eine Produktion nun mal ihre Jährchen und mittlerweile haben die meisten die ‚Augmented Reality‘-App schon längst wieder deinstalliert. Doch zum Glück kann „Meisterdetektiv Pikachu“ auch völlig für sich alleine stehen – und das nicht nur, weil es sich um die erste „Pokémon“-Realverfilmung überhaupt handelt, sondern auch weil das Franchise durch frische Ideen ordentlich modernisiert wurde.

Tim (Justice Smith) hat seinen Kindheitstraum vom Pokémon-Trainer längst hinter sich gelassen und findet sich gerade erst im tristen Berufsleben ein, als er auf einmal die Nachricht vom mysteriösen Verschwinden seines Polizisten-Vaters erhält. Zusammen mit dessen ehemaligem Partner ‚Detektiv Pikachu‘ (Ryan Reynolds) macht er sich fix auf die Suche – und wird Zeuge von einer Reihe an Verschwörungen, welche sich im Untergrund der ansonsten so progressiven Metropole ‚Ryme City‘ abspielen, wo Pokémon und Menschen scheinbar friedlich Seite an Seite leben…

©Warner Bros. Pictures Germany

Ganz im Sinne von „Pokémon Go“ ist der neueste Spielfilm viel stärker in unserer tatsächlichen Realität verankert. Statt einer märchenhaft surrealen Umgebung, bei welcher irgendwie ein jeder nur dem Pokémon-Training nacheifert, zeichnet „Meisterdetektiv Pikachu“ eher eine Parallelwelt zu der unseren, wo die süßen Tierchen eben nicht Zentrum aller Aufmerksamkeit sind und sich stattdessen in die Gesellschaft integrieren müssen. Auf diesem Planeten hantierten laut alten Gemälden bereits die Pharaonen mit Pokémon – doch unser liberales Zeitalter schreit nach einer Veränderung, nach Emanzipation. Ähnlich der Sklavenbefreiung geht man weg vom Eigentumsgedanken der Pokémon. Zumindest die florierende Neon-Großstadt ‚Ryme City‘ prescht mit diesem Konzept nach vorne. In diesen Ansätzen steckt auch die große Stärke des Films: Auf der einen Seite sind ‚Schiggys‘ (mit ihrer Wasserstrahl-Attacke) als Feuerwehrmänner oder ‚Machomeis‘ (mit ihren vielen Armen) als Verkehrslotsen herrlich effektiv, auf der anderen Seite werden aber auch konsequente, unfreiwillige Nebeneffekte wie bspw. illegale und harte Untergrund-Pokémon-Kämpfe (im „Fight Club“-Stil) nicht außer Acht gelassen.

Dem gegenüber steht Protagonist Tim – leider eine so blasse Figur wie es dessen Berufswahl als Versicherungssachverständiger suggeriert. Seine Persönlichkeit wird nicht einmal angeschnitten (oder zählt ‚er wollte mal Pokémon-Trainer werden und hatte seinen Paps ganz doll lieb‘?). Umso mehr Last liegt auf dessen Sidekick Pikachu (gesprochen von „Deadpool“-Star Ryan Reynolds), was leider nur manchmal gut geht: Der unaufhörlich plappernde gelbe Ball muss zu allem einen semi-witzigen Kurzkommentar abgeben, egal wie belanglos. Und das reicht aus unerfindlichen Gründen von Pipi-Kacka-Humor bis hin zu nicht sonderlich versteckten Sex-Anspielungen. Dialogzeilen anderer Charaktere, wie „Das war aber ein wütendes Tragosso. Hat mich an meine Mum erinnert.“, peppen die glatte Unlust der Hollywood-Komik leider auch nicht gerade auf und so bleibt es auch bis zum Ende der größte Schwachpunkt. Doch leidenschaftlicher Tatendrang ist dafür umso stärker in anderen Fraktionen zu finden: Fans kommen in den visuellen Details voll auf ihre Kosten. Ständig lassen sich versteckte Querverweise auf das beliebte Franchise im Hintergrund finden und das ‚Comic-Relief‘-Potential diverser Pokémon wird effektiv ausgenutzt – vor allem das ständig gestresste, komplett unfähige Enton lässt einen kringelnd am Boden zurück. Das große Highlight in diesem Sinne ist eine urkomische Verhör-Szene mit einem Pantimos, bei der das Pokémon durch pantomimische Gesten und Androhungen zur Aussage gedrängt wird.

©Warner Bros. Pictures Germany

Am besten funktioniert „Meisterdetektiv Pikachu“ in seinen weniger größenwahnsinnigen, intimeren Momenten. Und das macht auch Sinn: Wie der Name bereits verrät haben wir es ursprünglich mit einem Krimi zu tun. Die Helden gehen auf Spurensuche, werden von einem verrückten Ort zum nächsten geworfen, müssen sich ständig aus kleinen Miseren herauswinden. Doch insgeheim ist die Genre-Palette groß – reicht von Romanze, über Thriller bis Soft-Horror. Spätestens dann, wenn „Inception“-Erinnerungen hochkommen oder gen Ende ganz nach ‚Schema F‘ des Actionkinos eine halbe Zivilisation in Existenzgefahr schwebt und die Figuren wie in einer „Avengers“-Alienschlacht über den Hochhäusern hektisches Chaos verbreiten, ist klar: Die Genre-Palette ist eben einfach zu groß. Dies führt auch dazu, dass die zu Anfang angekratzten, fortschrittlichen Gedanken nicht besonders eingängig verfolgt werden können. Stattdessen bekommen wir ansteigend vorhersehbare Twists, Logikfehler und überschwängliche Sentimentalität von der Stange geliefert. Und man wird mit dem leeren Gefühl von wegen ‚Das hatte so viel mehr Potential gehabt.‘ zurückgelassen. Es ist und bleibt ein ‚Fan-Service‘-Film.

Fazit: Hauptsächlich für wahre Fans zu empfehlen, welche auch nach dem zigsten Mal ansehen noch etwas Neues entdecken werden. Für alle anderen bleibt eher eine frustrierende Aneinanderreihung von großflächig verschenktem Potential zurück, weil „Meisterdetektiv Pikachu“ letztendlich wesentlich geradliniger ist als er über lange Zeit hinweg vorgibt zu sein.

(Ja, sapperlot – ich möchte gefälligst einen ganzen Film zum illegalen Pokémon-“Fightclub“ haben!)

(2,5 / 5)