Mary Poppin’s Rückkehr – Filmkritik

(4 / 5)

©Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

 

 

Regisseur/in: Rob Marshall

Genre: Musical, Familienfilm

Produktionsland: USA

Kinostart: 20. Dezember 2018

Laufzeit: 2 Std. 08 Min.

 

 

Das wohl beliebteste Kindermädchen aller Zeiten hält nach beinahe 55 Jahren erneut Einzug in die Kinosäle des Globus! 1964 verzauberte noch das ungewöhnliche Musical-Original „Mary Poppins“, lose basierend auf der Romanreihe von P. L. Travers, Kinder sowie Erwachsene gleichermaßen mit einer kongenialen Kreuzung aus Realfilm und Zeichentrick. Viele Nostalgiker erwarten die Fortsetzung lechzend, doch funktionieren schmalziges „I love to laugh“-Frohsinnsgetriller oder auf Dächern hüpfende Schornsteinfeger damals wie heute? Oder sollte man sich besser mit den moderneren ‚Fast-Food‘-Varianten des „High School Musical“-Franchises zufrieden geben und ein altes Genre in Ruhe sterben lassen, dessen Sternstunden schon lange bezopft sind? „Sweeney Todd“ oder „Les Misérables“ sagen dazu klar „Niemals!“ – ähnlich dem Western lugen immer wieder vereinzelt kleine Perlen hervor, denn wirklich aufgeben möchte man diesen Sektor des Regenbogens dann noch nicht. Und auch Regisseur Rob Marshall trug 2014 mit „Into The Woods“ seinen nicht ganz unbedeutenden Teil dazu bei. „Mary Poppin’s Rückkehr“ („Mary Poppins Returns“ im Original) jedoch ist durch den immensen Erwartungsdruck nochmal ein anderes Kaliber – eines, das er mithilfe einer herzhaft großen stilistischen Verneigung vor dem Klassiker zu stemmen weiß: Marshall gelingt der direkte Transfer in die Gegenwart mit Fulminanz.

In den 1930ern: Die ehemals fantasiereichen und spaßliebenden Geschwister Michael (Ben Whishaw) und Jane Banks (Emily Mortimer) des ersten Teils, immer noch in Cherry Tree Lane Nr. 17 ansässig, sind mittlerweile lange erwachsen. Im Alltagsstress zwischen Arbeit in der Bank und der Erziehung dreier Kinder (Pixie Davies, Nathanael Saleh und Joel Dawson) weiß jedoch besonders Michael nicht mehr, wo ihm der Kopf steht – und der frühzeitige Tod seiner Ehefrau vor einem Jahr war dem nicht gerade zuträglich. Zu allem Überfluss muss er nun innerhalb weniger Tage auch noch seine gesamte Schuld gegenüber der Bank begleichen – sonst wird ihr geliebtes Haus gepfändet. Doch wie aus heiterem Himmel ist ein weiteres Mal das mysteriöse Kindermädchen Mary Poppins (Emily Blunt) zur Stelle!

©Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Bereits durch einen langen Credits-Vorspann vor Beginn des eigentlichen Films (wie in alten Zeiten) wird klar: Es darf mit der vollen Montur Nostalgie gerechnet werden. Und tatsächlich sind die Ähnlichkeiten zum Vorgänger nicht von der Hand zu weisen. Das fängt beim faszinierend detaillierten Nachbau der alten Sets an und endet noch lange nicht bei den insgesamt sehr ähnlichen Abenteuern von Mary und ihren Bengeln. Figuren wie der senile, ehemalige Marine-Offizier Admiral Boom (David Warner) oder Schauplätze wie die ‚Fidelity Fiduciary Bank‘ gehören einfach zum kunterbunten ‚Poppins-Vibe‘ dazu. Ergo: „Mary Poppin’s Rückkehr“ sorgt für wenig Überraschungen – das Risiko einer kompletten Neuinterpretation wird vollends umschifft. Doch auf logische Erweiterungen des kleinen Universums darf man sich trotzdem freuen: Unternehmungen in die Badewanne oder gar in eine bemalte Schale hinein finden selbstredend im „Disney“-typischen Zeichentrick-Format statt – wiederum bringt die digitale Visualität auch neues Handwerkszeug mit sich. Sehr aktive Kamerafahrten verwandeln die beliebten 2D-Welten in ein beinahe dreidimensionales Bild und es entsteht eine wesentlich inversivere Symbiose mit den ‚Live-Action‘-Akteuren. „Mittendrin statt nur dabei“ scheint zuzutreffen, wenn wir ganz nebenbei kleine Schmankerl wie eine schweißtreibende Verfolgungsjagd als ‚Sidestory‘ geliefert bekommen – die seltsamerweise keineswegs fehl am Platz wirkt und überraschend humorvoll endet.

©Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Alles scheint wie damals: Wieder einmal ist die Titelheldin auch der wahre Star des Films – für Emily Blunt und ihrer, es lässt sich nicht anders sagen, brillanten Performance dürfte es ein leichtes sein, beim diesjährigen Oscar-Rennen zumindest als Kandidatin in die Fußstapfen von Rollengenossin Julie Andrews zu schlüpfen. 2015 noch für die Darstellung der idealistischen, aber nervlich völlig zerrupften Kate Macer in Denis Villeneuve’s düsterem Meisterwerk „Sicario“ gefeiert, schlüpft Blunt in „Mary Poppin’s Rückkehr“ ein weiteres Mal in ein vollkommen konträres Antlitz – ihr scheint einfach jede Rolle wie auf den Leib geschneidert. Noch arroganter, noch zynischer und noch zackiger als Andrews, und doch mindestens genauso liebenswert, charmiert die Charakterdarstellerin auf voller Linie, wenn sie bspw. das tollpatschige Verhalten ihrer Mitstreiter einfach mit einem genervten „Als würden sie das zum ersten Mal machen“ und einem galanten Augenverdreher abtut. Eine echte Halbblut-Narzisstin zum verlieben! Genauso wenig zu unterschätzen sei jedoch ihr Co-Star Lin-Manuel Miranda als Laternenanzünder Jack und Quasi-Ersatz für Dick Van Dyke’s Rolle im Original (welcher übrigens trotzdem ein tolles Cameo bekommt) oder Colin Firth als böswilliger Banker William Weatherall Wilkins. Selbst die bezaubernd rhythmischen Tanzeinlagen stehen dem Vorgänger in nichts nach – insbesondere hervor sticht dabei das fulminante Finale, bei welchem die Schornsteinfeger des ersten Teils in Teamarbeit ihre Leitern eine Turmuhr hinauf zusammenstecken. Lediglich die Musikstücke spendieren uns diesmal keinerlei Ohrwurmpotential – auf das neue „Superkalifragilistikexpialigetisch“ wartet man leider vergebens. Vollgepackt mit ansteckendem Frohsinn sind diese natürlich trotzdem, und die immer grinsenden Gesichter der seelensguten Figuren tun ihr Übriges im ‚Gute-Laune-verbreiten‘. Diesem großen Haufen Glück ist wahrlich nicht zu entgehen!

©Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Fazit: Für den akuraten Spaßverderber vielleicht ein unnötiges Sequel, aber deshalb nicht weniger paradiesisch. Im Endeffekt ein hoffnungsvoller Appell an die oftmals versteifte Welt: ‚Enjoy yourselves and have a little bit of fun from time to time‘ – auch wenn Mary am Ende leider ergänzt: „Die Erwachsenen haben es morgen eh wieder vergessen.“. Doch zumindest für 131 Minuten dürfen wir wieder Kind sein und uns in nostalgischen Wunderwelten verlieren. So funktioniert Kitsch!

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