Stutenbissigkeit auf königlichem Parkett – „Maria Stuarda“ am Gärtnerplatztheater

Am 22.03.2018 feierte eine weitere Aufführung von Michael Sturmingers Inszenierung der von Gaetano Donizetti 1835 vertonten Belcanto-Oper „Maria Stuarda“ am Münchner Gärtnerplatztheater.

© Christian POGO Zach

Unter sieben identischen Kronleuchtern erstreckt sich das berühmte Familiendrama des 16. Jahrhunderts. Maria Stuart, gesungen von Jennifer O’Loughlin, ist die ehemalige Königin von Schottland. Von ihrem Volk vertrieben, sucht sie bei ihrer Cousine, der englischen Königin Elisabeth I., Schutz. Doch anstelle Asyls gibt es nur den Kerker für sie.
Auch wenn es historisch nicht verifiziert ist, ob sich die beiden Königinnen wirklich jemals begegnet sind, beschäftigte dieser Stoff zahlreiche Dichter und Denker. Theatermacher werden nicht müde – von Gioachino Rossini (Elisabetta, Regina d’Inghilterra im Jahre 1815), über Richard Wagner (Adieux de Marie Stuart im Jahr 1840), bis hin zu Robert Schumann (Gedichte der Königin Maria Stuart aus dem Jahr 1852) und Thomas Blaeschke (Maria Stuart, Königin der Schotten von 2008) – die Thematik in verschiedenste Epochen zu übertragen und auf unterschiedliche Art und Weise zu interpretieren.

Am Gärtnerplatztheater ist es eine szenisch stimmige Produktion mit sehenswerter Personenregie. Die Kleidung aller Charaktere sind zeitgerechte, traditionelle Kostüme aus der Renaissance, von Renate Martin erschaffen: enges Korsett, weit ausgestellte Röcke und Duttenkragen. Aufwendige Glitzer-Stickereien lassen die Kleider der zwei starken Frauen bis in die letzten Reihen funkeln. Doch umso moderner scheint das kontrastierende Bühnenbild: Ein riesiger, heller Glaskubus des Bühnenbildners Andreas Donhauser beherrscht die Szene der tragedia lirica. Es wirkt elegant-minimalistisch und strotzt zugleich symbolisch vor Kälte.

© Christian POGO Zach

Die Glasschiebetüren öffnen sich und Elisabetta schreitet langsam die fünf Stufen der Repräsentationstreppe zu ihren Untertanen, dem Chor, herunter. Diese bitten um Gnade und Erbarmen für die Stuarda. Geplant war die Rivalin im Gefängnis schmoren zu lassen. Welch ein Dilemma! Hinzu kommt, dass ihr Roberto, der Graf von Leicester (gesungen von Lucian Krasznec) der Stuarda auch noch schöne Augen zu machen scheint. Elisabetta befürchtet eine Intrige!
Die ersten Takte der Ouvertüre geben bereits die hochdramatische und lyrische Stimmung der Herz-Schmerz-Oper wieder. Auf hohem gesanglichen Niveau streiten sich Stuarda und Elisabetta. Maria zeigt weder Nachsicht noch Unterwürfigkeit. Elisabetta sei eine Tyrannin und vice versa. Eine Hasstirade folgt der nächsten. Der leidenschaftliche Streit wird von Paukenschlägen und wuchtigen Bläser-Akkorden aus dem Orchester untermalt.  Doch kann Stuarda der geplanten Verurteilung entkommen? Die Zuschauer werden in die Pause und in die Ungewissheit entlassen.

Nadja Stanoff als despotische Königin Elisabeth gibt eine herrlich gemeine Vorstellung. Auch wenn die Regie von Michael Sturminger auf angenehm klare Weise für Stuarda Stellung bezieht, wird ebenso nachvollziehbar Elisabetta als märchenhaft böse Königin präsentiert. Jeder Ton sitzt und beide Frauen ernten verdiente Brava-Rufe für das gekonnte Zusammenspiel ihrer Stimmen. Das Stück endet mit den Worten des Chors: „Unschuldig geht Sie in den Tod“. Der dritte Kanonenschuss ertönt. Das Todesurteil unterzeichnet. Die Todgeweihte mit der schönen Seele schreitet, beweint vom Chor, aufs Schafott zu – und wird ganz oben von Elisabetta erwartet. Der Vorhang fällt und es schallt begeisterter Applaus durch die Reihen. Besonders lobenswert ist die Leistung des Bariton-Sängers Levente Páll. Er singt den Giorgio Talbot mit so einer Kraft, ohne Abstriche im Klang seiner schönen Stimme zu machen.

Danke Gärtnerplatztheater. Wie schön, dass du nun wieder in voller Pracht zu besuchen bist. „Maria Stuarda“ ist eine Glanzleistung.

Besuchte Vorstellung: 13.04.2018
Kritik: Carolina Felberbaum

Weitere Vorstellungen: 6.05./25.05./31.05.