Ein junges Talent – Marc Bouchkov in der Philharmonie (Kritik)

Eröffnet wird die Matinée am 9. Dezember 2018 in der Philharmonie am Gasteig von den Münchner Symphonikern mit Ludwig van Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre op. 62. Chefdirigent Kevin John Edusei gestaltet das Stück zurückhaltend und vergleichsweise leise, von der bei Beethoven fast schon üblichen Wut findet sich in seiner Interpretation wenig. Eine harmlose Einstimmung auf das kommende Werk, das Violinkonzert von Peter I. Tschaikowsky. Solist ist Marc Bouchkov, 1991 in Belgien geboren.

Sein Ton klingt vom ersten Moment an – sympathisch. Er verstellt sich nicht, indem er sich zwanghaft um eine besondere Klangfarbe bemüht, sondern gestaltet die einleitende solistische Phrase des Konzerts ganz geradeheraus und ehrlich.

Gerade in den hohen Lagen strebt er immer nach einem kristallenen Klang, der sich vom Orchester abhebt. Das gelingt ihm meistens, da das Orchester erneut recht zurückhaltend geführt wird und ihm genug Raum für seine höchst virtuosen Passagen lässt. Nur bei einigen Dialogen zwischen Orchester und Solist kann Bouchkov sich nicht ausreichend durchsetzen und geht in dem Nachhall des Tuttiklangs unter. Ansonsten kommuniziert er viel mit Orchester und Dirigenten und steht gerade bei Stellen, die er mit den Symphonikern gemeinsam spielt, fast inmitten der Orchestermusiker, als wäre er einer von ihnen. Teilweise spielt der Solist sogar die Orchesterpassagen mit.

© Nikolaj Lund

Die Kadenz hält Bouchkov äußerst humoristisch – die Flageolettöne setzt er bewusst und betont von der restlichen Phrase ab, was sie wie ein freches Pfeifen wirken lässt.

Bei der rasanten Coda des Eingangssatzes verpasst Bouchkov, der sich während des gesamten Werkes durch enorme Treffsicherheit auszeichnet, zwar einige Töne, doch er erntet bereits nach diesem Satz langanhaltenden Applaus. Diese Ehre des „Zwischen-den-Sätzen-Klatschens“ wird bei Solokonzerten üblicherweise nur Wenigen zuteil. Doch Bouchkov hat diese Würdigung durch sein natürliches und unkompliziertes sowie technisch akkurates Spiel klar verdient.

Dem zweiten Satz steht die (beinahe) Passivität des Orchesters sehr gut. Bouchkovs bittersüßer Ton und sein zartes Vibrato legen sich in der Canzonetta melancholisch über den Klangteppich, den die Symphoniker bilden. Zu diesem Zeitpunkt gewinnt die Interpretation, verglichen mit dem Eingangssatz, deutlich an Ernst.

Aus der träumerischen Stimmung des Mittelsatzes reißen die attacca gespielten Tutti-Akkorde, die nun endlich Temperament und Lautstärke enthalten. Für die darauffolgende Solopassage lässt sich Bouchkov viel Zeit und beweist, dass ein letzter Satz nicht notwendigerweise halsbrecherisch schnell gespielt werden muss, um Wirkung zu entfalten. Im Folgenden zieht er das Tempo zwar an, doch wird gerade mal so schnell, dass er trotzdem noch alle Doppelgriffe sicher trifft. In diesem rhythmischen Finale, in dem noch einmal sämtliche technische Herausforderungen vom Solisten abgefragt werden, haben sich Orchester und Solist nun endgültig in der richtigen Mischung gefunden und geben ihm die nötige Dynamik.

Insgesamt wäre hinsichtlich der Lautstärke sowohl bei Solist als auch Orchester noch mehr möglich gewesen. In den wenigen Tuttistellen, wo Edusei den Symphonikern „freien Lauf“ lässt, zeigt sich, was für ein majestätischer Klang eigentlich in ihnen steckt. Etwas mehr von diesem Volumen hätte dem Stück gut getan und ihm die noch fehlende Tiefe verliehen.

Der aber zu Recht umjubelte Solist gibt als Zugabe den zweiten Satz der fünften Sonate seines Landsmannes Eugène Ysaÿe zum Besten. Dieser Danse rustique mit seinen Harmonien des frühen 20. Jahrhunderts bringt Bouchkov fast selbst zum Tanzen auf der Bühne und greift noch einmal den rhythmischen Charakter des Finales auf.

Mit Beethovens Fünfter Sinfonie schließt sich der Kreis des Programms, sowohl hinsichtlich des Komponisten als auch der Tonart c-moll. Auch dieses Monumentalwerk des eigenwilligen Wiener Freigeistes setzt Kevin John Edusei recht verhalten an, fährt dann jedoch bald die Register voll aus und lässt sein Orchester zeigen, zu welchem Fortissimo es fähig ist. Mit einem Ohr fürs Detail gibt er aber trotzdem den Holzbläsern den nötigen Raum und arbeitet in der gesamten Sinfonie gerade die Pauke gut heraus. Im restlichen Werk gibt es keine besonderen Überraschungen, der Grundtenor der sogenannten „Schicksalssinfonie“ ist aber zu erkennen.

Kritik: Bea Mayer