Die Kinder sind gefressen – „Marat/Sade“ im Residenztheater (Kritik)

Es ist die letzte Spielzeit von Intendant Martin Kušej am Residenztheater. Der Österreicher hat die letzten Jahre die Heimat des Bayerischen Staatsschauspiels intensiv geprägt und ihr so einen großen Stempel aufgesetzt, dass Andreas Beck als Nachfolge einen großen Job zu erfüllen hat, in diese Fußstapfen zu treten. Das wird auch noch einmal klar, als im Foyer des Residenztheaters am Eröffnungstag, 27. September 2018, nun überall die Plakate der Neuproduktionen unter Kušej hängen und, fast ein wenig mahnend, an die Zeit erinnern. Doch ein finales Jahr steht noch bevor, das nun also mit der Premiere von „Marat/Sade“ beginnt. Mit einem Paukenschlag.

© Matthias Horn

Der volle Titel des von Peter Weiss verfasste und 1964 uraufgeführten Werkes lautet übrigens: „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Unsäglich lange, dennoch steckt darin das Konzept: der Verfremdungseffekt. Weiss hat nicht einfach trocken über den Sozialdemokraten und wesentlichen Wortführer der Bürger in der Französischen Revolution Jean Paul Marat geschrieben, er hat den Philosophen Marquis de Sade nicht einfach plump dazu geworfen – nein, er fasst es in ein Konzept, durchbricht mit seiner Figur des Ausrufers quasi durchgehend die vierte Wand, lässt aber selbst auch seine Hauptdarsteller aus dem Konzept fallen. Denn das „Stück im Stück“ ist keinesfalls aalglatt – es ist letztendlich eine Schauspielgruppe eines Irrenhauses, geleitet von de Sade, der übrigens, historisch nachgewiesen, tatsächlich im Charenton-Hospiz Anfang des 19. Jahrhunderts untergebracht war und dort Theaterstücke mit den Insassen aufführte. Zu dieser Zeit war Marat bereits tot.

© Matthias Horn

Historisch hält sich das Stück sowieso nicht immer an alle Tatsachen, aber das muss es auch nicht – aus dem Text, den Intentionen und den Anspielungen lassen sich so viele Motive herausarbeiten, dass sie jeglichen Umfang sprengen würden. Regisseurin Tina Lanik versucht, möglichst viele Elemente bildlich umzusetzen und noch mehr Interpretationsspielraum zu geben. Das sprengt zwar, auch anhand der schnellen und wechselnden Inszenierung, ebenso oft den Rahmen, macht es hier aber zugleich unfassbar spannend. Wenn der fantastische Michele Cuciuffo als Ausrufer zum abschließenden Hip-Hop-Storytelling über die Zeit nach der Französischen Revolution übergeht, mag das für manche Besucher vielleicht zu modern sein, zählt aber zu den absoluten Highlights, zudem die Verwirklichung mehr als gelungen ist. Die Bühne selbst? In Orange und Blau gehalten, gelegentlich blitzt unbemaltes Holz durch. Letztendlich eine hellere Version der französischen Flagge, die sich durch das gesamte, sich drehende Bühnenbild zieht – und quasi im Minutentakt mit Blut verdreckt wird. Die Revolution ist schmutzig. Auch als Theaterstück in einer Psychiatrie.

© Matthias Horn

Beide Akteure im Fokus: Jean Paul Marat und Marquis de Sade. Der eine athletisch, jung, dynamisch, für das Wohl aller und dafür zum Kämpfen nicht nur bereit, sondern zur kompletten, eigenen Zerstörung. Der andere alt, träge, adipös, zwar gedanklich im Philosophieren, aber nur am Wohl des Einzelnen, also sich selbst, interessiert. Nils Strunk als Marat und Charlotte Schwab als de Sade brillieren als dermaßen ungleiches Duo so gut wie lange niemand mehr auf einer Bühne. Strunk, der bereits die Titelpartie in „Don Karlos“ übernehmen durfte, spielt sich krank, leidvoll und durchgehend blutverschmiert durch die Rolle des Widerstandshelden – Schwab dagegen schleppt sich träge mit amüsanten Wohlstandsbauch von Ort zu Ort und will mit philosophischer Phrasendrescherei für das Individualistische sprechen. Spannend vor allem dann, wenn man sich mit dem kontroversen Werk des historischen de Sade auseinandersetzt, das zu gar keinen Lobeshymnen und regelmäßigen Psychiatrie-Aufenthalten führte. Die fiktiven Dialoge mit ulkiger Auspeitsch-Szene steigern sich gegenseitig – und sind noch lange nicht die ganz großen Höhepunkte des Abends.
Ein wenig unter geht die Gegenposition der Charlotte Corday, der Mörderin von Marat. Sie duelliert sich als Adlige dennoch mit ihren Eidgenossen, genauso aber eben auch mit u.a. Marat, indem sie sich gegenseitig übertrumpfen wollen: „Ich bin die Revolution!“ Wer am Ende blutig über das Leben (und nur über das) gewinnt, ist Geschichte.

Cuciuffo kündigt die große Rede des Marat an. Seine letzte große Rede. Strunk steht alleine auf der Bühne. Was die nächsten Minuten folgt, entlarvt alles, auch das Theater selbst, und legt die unüberwindbare Messlatte für alle kommenden Szenen jeder Inszenierung. Denn natürlich zieht er in der feurigen Rede aktuelle Schlüsse, auch namentlich in Form von Seehofer und Söder. Überraschenderweise reagiert nicht nur der Schauspieler im Publikum mit den Gegenpositionen – auch manche Zuschauer rufen Marat Zustimmung auf die Bühne. Raus aus der Komfortzone. Dazu will Weiss anregen, dazu will Lanik mit der Inszenierung anregen, dazu will Strunk auf der Bühne anregen, dazu will das Residenztheater anregen. Als die Französische Revolution ihr blutiges Ende fand, trat aus dem Chaos Napoleon Bonaparte hervor. Als 1930 die Weltwirtschaftskrise immer mehr zu eskalieren drohte, nährte sich eine Partei mit unrealistischen Versprechungen von dem Leid und zog in den Folgenjahren ein Millionengrab hinter sich her. Als 2015 die Flüchtlingskrise beginnt, nutzen manche Parteien mit populistischen Phrasen unbegründete Ängste aus und vergrößern sich erfolgreich durch eine Politik der Angstmache, zuletzt in Umfragen 2018 bei einem Vertreter als zweitstärkste Partei im Bundestag. Aber all das habe natürlich absolut gar nichts mit der aktuellen Zeit zu tun, verkündet der Ausrufer mehrfach. Puh, wir dachten schon…

Kritik: Ludwig Stadler