Maquia – Filmkritik

(4 / 5)

© Universum Film

 

 

Regisseur: Mari Okada

Genre: Anime, Abenteuerfilm

Produktionsland: Japan

Kinostart: !Am 16. & 19. Mai nur in ausgewählten Kinos!

Laufzeit: 1 Std. 55 Min.

 

 

Der japanische Kinomarkt lebt für den Kitsch, so möchte man meinen. Für den Rest der bitteren Welt, welcher nicht zumindest mit einem Fuß in den Anime-Gefilden steht, können die ausschweifenden und sehr direkten Liebesepen leicht zu viel des Guten werden. Immer wenn der Zynismus jedoch mal für kurze Zeit zurückgeschraubt wird, fließen auch hierzulande verlässlich die Tränendrüsen-Wasserfälle. Es steckt eben zweifelsfrei eine unergründliche Magie in diesen bunten Welten und kreativen Geschichten, denn sie gehen niemals den einfachen Weg und wissen stets zu überraschen – denken häufig ein, zwei Schritte weiter als gewohnt. Kurzum: Es passiert immer viel. So lenkte beispielsweise „Your Name.“ aus dem Jahre 2016 die ausgelutschte Thematik der Verwechslungskomödie in völlig visionäre und doppelbödige Bahnen. „Maquia“ ist da ein ganz ähnlicher Fall: Aus etwas scheinbar so Alltäglichem wie einer Mutter-Sohn-Beziehung spinnt das markerschütternde Märchen ein Kehrtwenden-Netz nach dem Anderen, bis man sich schließlich in etwas ganz und gar Neuartigem wiederfindet. Altbekannte Beziehungsmuster werden gekonnt gebrochen, auf den Kopf gestellt – und ungeahnte Ur-Emotionen des Zuschauers an´s Tageslicht geführt, bis diese schließlich fulminant überquellen.

Die quasi unsterbliche Maquia ist Teil einer übermenschlichen Gesellschaft, welche mit dem Weben der „Hibiol“ (Tücher, welche als Chronik der vergehenden Zeit dienen) beschäftigt sind. Als eines Tages jedoch feindliche Armeen der Menschen eindringen und den einst so friedlichen Alltag durch Mord und Gefangennahme der meisten Angehörigen zerschlagen, steht plötzlich alles Kopf. Maquias Freundin Leylia wird an einen Prinzen zwangsverheiratet – Maquia gelingt noch gerade so die Flucht. Auf dem Weg durch die Wälder entdeckt sie ein einsames, menschliches Baby. Nach kurzer Überlegung nennt sie es Erial und entscheidet sich dafür, es großzuziehen. Doch umso älter ihr Ziehsohn wird, während sie selbst aussieht wie am ersten Tag, umso stärker zehrt die eigene Unsterblichkeit an ihren Kräften. Sie fragt sich: Woher nimmt man die Kraft, jemanden aufzuziehen, wenn man weiß, ihn um Jahrhunderte zu überleben?

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Auch „Maquia – Eine unsterbliche Liebesgeschichte“ entkommt seinen angesprochenen, üblichen Genre-Ersteindrücken leider nicht: Zunächst muss man einige Male die Augen verdrehen, wenn in der Glitzer-Märchenstadt ‚Lorph‘ alle Bewohner an Schwulstsprache leiden. Sätze wie „Hallo Vater. Habt ihr schöne Blumen gefunden?“ oder „Du duftest so gut wie die Sonne.“ stehen an der Tagesordnung und nagen schnell an den Nerven (Ich kann in diesem Fall leider nur von der deutschen Synchron-Fassung berichten). Wenn die Figuren statt spontaner Eigenständigkeit eher wie shakespearische Roboter miteinander kommunizieren, dann distanziert das den Betrachter deutlich vom Geschehen – kein guter Einstieg in eine neue, ja ansonsten geistreiche Fantasiewelt. Und nicht nur wirken etwaige Dialoge aufgesetzt, auch werden diese brüsk dazu missbraucht, den Plot an die Stirn des Publikums zu nageln: Figuren, welche ihr zentrale Vergangenheit und die damit verbundenen Umstände felsenfest in ihrem Bewusstsein verankert haben müssten, erzählen sich diese einfach gegenseitig, als würden sie zum ersten Mal hören, an welchem Ort sie überhaupt leben oder weshalb sie Tag ein Tag aus ihren Beschäftigungen nachgehen. Vom Sprichwort ‚Show, don’t Tell‘ scheint die ironischerweise als Drehbuchautorin bekannte Regisseur-Debütantin Mari Okada wohl noch nichts gehört zu haben und begeht damit gleich zu Anfang eine der größten Skript-Sünden. So bleibt der Dialog im Verlauf eindeutig auch der größte Schwachpunkt des Films.

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Doch gerade dann, als man sich noch über einige Fantasy-Klischees wie langweilige Kreuzritter und „Yu-Gi-Oh“-Drachen ärgern möchte, macht die Fabel eine derartig irrsinnige 180-Grad-Qualitäts-Wende, dass man erst einmal schlucken muss. Sobald Protagonistin Maquia nämlich Lorph hinter sich gelassen hat und in ihren Haupt-Handlungsstrang als Ersatzmutter purzelt, verändert sich auch das Erzähltempo und zu Teilen auch die Erzähltechnik zum Guten. Während Sohnemann Erial langsam heranwächst, erweitert sich der Cast um eine ganze Riege an unterstützenden Figuren, welche nacheinander sorgsam ins Geschehen gewebt werden und dem Zweier-Gespann stets eine frische Lehre mit auf den Weg geben. Selbst zunächst eindimensionale Charaktere wie Krim blühen gegen Ende mit überraschenden Arcs auf – wirklich jede noch so kleine Rolle stellt sich als elementarer Baustein des intelligenten Gesamtkonstruktes heraus. Am wichtigsten jedoch: Schritt für Schritt, Szene für Szene durchlebt der fröhliche Erial einen Altersabschnitt nach dem anderen – während seine Mutter quasi in ihrem 15 Jährigen Ich stecken bleibt und dennoch versucht, ihm eine tapfere Mutter zu bleiben und ihm eine Zukunft bieten möchte. Es ist herzzerreißend, wenn Maquia mit ihrem Jungen im Rasen spielt, ihm Geschichten erzählt – und dabei vom omnipräsenten Gedanken geplagt wird, dass ihr menschlicher Sohn lange vor ihr abtreten muss. Die so faszinierende Beziehung zweier Personen rückt ansonsten normale Lebensstadien wie Pubertät oder auch das Großmuttertum in ein anderes Licht, offenbart uns Weisheiten über Liebe und Hingabe. Wie würde man empfinden, wenn man eines Tages das Alter mit der eigenen Mutter teilt – oder dieses gar überschreitet? Und wer hat dann noch die Beschützerrolle inne? Was bedeutet die Liebe für dein Kind oder für ein Elternteil eigentlich? Fragen über Fragen – und sie alle werden geschickt behandelt.

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„Maquia – Eine unsterbliche Liebesgeschichte“ ist also eine etwas andere ‚Lovestory‘, nämlich keine Romanze – wie es der Titel für konditionierte Kinogänger vermuten lassen könnte. Es ist ein wilder Ritt durch verschiedene Welten, welche gegeneinander stoßen und sich damit gegenseitig nachhaltig beeinflussen. Die unmöglich vorherzusehende Handlung macht immer wieder neue Fässer auf, schneidet rechts und links Themengebiete an, ohne dass dies jemals aufgezwungen oder gleichgültig wirkt. Primär ist dabei immer wieder der Tod, welcher vielschichtig behandelt wird und damit stets im Hinterkopf des Zuschauers herumgeistert. Ob durch Thematiken wie Unsterblichkeit gegenüber Sterblichkeit, Selbstmord oder entbehrlichem Kriegsschrecken – es ist ein überraschend erwachsenes Werk geworden, das nicht vor drastischen Darstellungen und Motiven zurückschreckt und gen Ende sogar ein sprichwörtliches Blutbad entfesselt. Und all der Pathos, welcher noch zu Anfang überspitzt und unvorbereitet auf den Zuschauer niederprasselte, wirkt dann auch nicht mehr Fehl am Platz. Im Gegenteil: Okada hat es heimlich geschafft, ein sorgsames Geflecht zwischen den Figuren zu spinnen, dessen emotionales Potential im langen Finale zur Gänze gezündet wird und einen völlig durchdringt. Und dann gibt es kein Entkommen mehr vor der immensen Fallhöhe des Stoffes. Der Orchester-begleitete Kitsch ist groß, doch die erzählerische Konsequenz ist größer. Deswegen endet dieses Drama auch nicht mit einem (durchaus möglichen) billigen Twist der Hauptthematik, sondern auf dem einzig richtigen Pfad – nämlich bittersüß. Und das lässt einen lange nach Abspann auch nicht mehr los.

Fazit: Hätte das Werk so bärenstark begonnen, wie es endet, ständen wir einem unvergesslichen, modernen Meisterwerk gegenüber. Letzteres ist durch einen äußerst holprigen Start (v.a. im Dialog) leider nicht gegeben, doch unvergesslich ist „Maquia – Eine unsterbliche Liebesgeschichte“ trotzdem allemal. Mit Leichtigkeit jongliert Regisseurin Okada eine Vielzahl an fantastischen Figuren innerhalb einer einzigartigen, komplexen Geschichte, welche unter die Haut geht. So hat man ‚Liebe‘ im Film noch nie gesehen. Also ab ins Kino – und lasst euch sagen: packt Taschentücher mit ein!

(4 / 5)