(K)eine griechische Tragödie – „Mamma Mia!“ im Deutschen Theater (Kritik)

Das, was bei uns „Halleluja“ oder „Achgott“ heißt, bedeutet in Italien „Mamma Mia!“ – und eben nicht nur das, es ist auch der Liedtitel eines der bekanntesten Werke der Welt, nämlich dem gleichnamigen Song von ABBA. Die schwedische Supergroup der 60er- und 70er-Jahre hat so unfassbar viele Hits, dass es ja fast schon eine Schande wäre, daraus kein gelungenes Jukebox-Musical zu machen. Zum Glück wurde genau das schon vor viele Jahren gemacht, aber dennoch kommt „Mamma Mia! – Das Musical mit den Hits von ABBA“ nun erstmals nach München. Im Deutschen Theater feiert das Stück am 16. August 2018 Premiere, im tiefsten Sommer und wieder mit einiges an Münchner Prominenz, von Alfons Schuhbeck zu Günther Sigl der Spider Murphy Gang bis zu den Killerpilzen. Aber natürlich sind wir nicht dafür da, sondern für das Musical – also dementsprechend vorbei am McDonald’s-Catering und ab in den immens gut gefüllten Theatersaal.

© Stage Entertainment

Der erste Blick nach der ungewöhnlich langen Ouvertüre fällt auf ein griechisches Haus. Mit diesen Elementen wird auch durchgehend gespielt, das Ensemble selbst baut die Bühne um, bringt neue Gegenstände und verändert so durchgehend das Setting – insgesamt spielt aber sowieso das gesamte Werk auf einer griechischen Insel, insofern leben die Szenen vom durchaus vorhandenen, immer dazugestellten Detailreichtum im konstanten Bühnenbild. Die Handlung ist kurz erklärt: Sophie, 20 Jahre, möchte heiraten. Da sie ihren Vater nicht kennt und das Tagebuch ihrer Mutter Donna stibitzt hat, lädt sie kurzerhand alle drei potentiellen Väter zur Hochzeit ein, um herauszufinden, wer denn nun der Richtige ist. Diese Mission stellt sich, wer hätte es gedacht, schwerer als gedacht heraus, nachdem tatsächlich alle drei gekommen sind.

© Petra Schönberger

Trotz der sehr simplen und langsam voranschreitenden Handlung wird das Musical zu keinem Zeitpunkt langweilig, viel zu liebevoll sind die vielen Szenen inszeniert. Ziemlich viel Zeit lassen sich manche Szenarien, beispielsweise das mehrmalige Zusammentreffen von Donna und ihrem alten Freundeskreis, sodass es teilweise tatsächlich gelingt, eine kleine Bindung zu den Figuren aufzubauen. Die Witze, so zahlreich wie sie auch erscheinen, bewegen sich allerdings etwas zu frequentiert auf plumpen Niveau – das kommt zwar meist ziemlich gut an, dennoch verläuft es sich vor allem gegen Ende einfach zu sehr in Belanglosigkeit. Ein paar gewitzte Sprüche, wie sie schon durchaus im Libretto vorkommen, wären hier Gold wert gewesen.

Das Wichtigste dürfte klar sein: die Musik. Einen ganzen Schwung von ABBA-Songs, große Hits und auch unbekanntere Perlen, werden in die Story eingearbeitet, durchgehend recht passend. Die deutschen Übersetzungen sind allerdings doch teils etwas zu hölzern geworden – beim eigentlichen sehr mächtigen „The winner takes it all,  the loser standing small“ kommt also „Der Sieger hat die Wahl, dem Loser bleibt die Qual“ heraus, was nicht nur einmal die  Stirn runzeln lässt. Schön interpretiert und vor allem enthusiastisch gesungen werden die Lieder aber von allen, auch stimmlich klar und überzeugend. Leider hat die Tontechnik die Stimmabnahme äußerst eigenartig eingestellt, sodass der Gesang immer ein wenig zu leise ist und mit unangenehmen Effekten belegt wird, die den Stimmen nicht ihre Stärken, sondern oftmals ihre Schwächen unterstreichen. Das ist vor allem bei den ganz großen Liedern etwas schade.

© Stage Entertainment

Die Darsteller sind durchwegs stark. Ohne die teils klamaukige und überdrehte Spielweise würden viel zu viele Szenen und Kombinationen überhaupt nicht ihre Kraft entfalten – so überzeugen besonders die drei Väter immer dann, wenn sie als Pulk zu dritt auftreten und miteinander etwas überfordert sind. Auch Betty Vermeulen als Tanja und Barbara Raunegger als Rosi bekommen zurecht die meisten Lacher des Abends zugeworfen, denn ihr Part als ulkiges Freundinnen-Duo der Gastgeberin Donna, gespielt von Sabine Mayer, ist der heimliche Star des Musicals und wird auch beim abschließenden Applaus dementsprechend beklatscht. Zwar sind manche Rollen etwas zu overacted, aber spätestens, wenn Katharina Gorgi als Sophie und Marvin Kobus Schütt als Sky gemeinsam als Pärchen dem Mond entgegenschreiten und dabei verdächtig nach Barbie und Ken aussehen, schmachtet das Publikum vor sich hin und springt direkt danach jubelnd zu Standing Ovations auf.

Die Frage ist natürlich, mit welcher Erwartungshaltung man das Stück angeht. Sucht man spritzige Unterhaltung mit guter Musik, wird man absolut fündig, genauso wie als Paradebeispiel für leichten Musical-Genuss. Sehnt man sich nach einem Musical-Epos mit ordentlich Tiefgang, wie es der fantastische „Der Glöckner von Notre Dame“ geboten hat, ist man leider falsch. In jedem Fall aber eine klare Empfehlung – ein netter Abend ist mit „Mamma Mia!“ garantiert.

Bis zum 7. Oktober 2018 läuft das Musical noch im Deutschen Theater. TICKETS gibt es HIER!

Kritik: Ludwig Stadler