„Was hast du, Lulu? Nichts.“ – „Lulu“ im Marstall (Kritik)

„Lulu“ von Frank Wedekind? Das wirkt auf den ersten Blick ähnlich kreativ wie Brechts Baal und die totgeplünderten Räuber von Schiller. Natürlich hat das erotisch-verspielte Stück durchaus seinen Reiz, wohl auch in einer spröden Originalinszenierung, aber damit würde man es sich dann auch einfach deutlich zu leicht machen. Bastian Kraft hat diesen Ansatz nicht – er modelt das Verständnis um, lässt die Geschichte betrachten als sie nur zu spielen. Was genau dahintersteckt, offenbarte sich an der Premiere am 22. November 2019 im Marstall des Residenztheaters – und das kann sich sehen lassen!

© Birgit Hupfeld

Dass so ein Abend gegen die Stück-Konventionen nicht gerade auch in der Besetzung eine exakte Kopie abverlangt, sollte selbstverständlich sein – drei Damen des Ensembles übernehmen daher kurzerhand einfach alle Rollen, inklusive die der Lulu. Visualisiert wird anhand der Schauspielerei dabei quasi nichts; Juliane Köhler, Liliane Amuat und Charlotte Schwab tragen konsequent bis zum Ende Hemd mit Frack und haben nebst Zigarre und Pistole auch faktisch keine Requisiten. Denn hergekommen, so Amuat gleich zu Beginn, sei man ja vielleicht gar nicht, um zu sehen, sondern sich das Bild erst vorzustellen. Die Imagination ist es also, die die Darstellerinnen durch den ersten Akt führt – und nach und nach mehr verbildlicht. Alle Charaktere bekommen irgendwann dann doch die Visualisierung auf Leinwand, alle entsprechen einem Typus, den man sich zuvor einbildet – oder eben nicht. Nur Lulu bleibt gesichtslos – oder eben dreigesichtig.

Ein besonderes Augenmerk liegt bei der gesamten Inszenierung Krafts auf den Einsatz der Videotechnik. Das ist natürlich nichts Neues, wird geradezu inflationär mittlerweile benutzt und dabei nicht gerade selten mehr als dürftig. Hier gelingt es aber, Kevin Graber für das Video und Monika Pangerl für das Licht sei Dank, in ganz grandioser Art und Weise, egal ob im bereits erwähnten Schattenspiel oder später mit gelungenen Projektionen, die im perfekten Timing mit den Darstellerinnen kommunizieren. Die Projektionen, die letztendlich die Verbildlichung der männlichen Rollen sind – und damit ja auch wieder Köhler, Schwab und Amuat. Großer Applaus gebührt hier insbesondere Christian Augustin und Lena Kostka für die Maske, denn wahrlich, so stilecht, passend, aber auch humorvoll genug hat man Frauen in Männermaske und -kostüm äußerst selten gesehen. Chapeau!

© Birgit Hupfeld

Wedekinds erotischem Klassiker eben genau die Erotik zu entziehen – das ist letztendlich dieser Kniff, den die Inszenierung braucht, um zu funktionieren. Dass es über die 105 Minuten, in denen die Handlung zwar rekonstruiert, aber selten konsequent verfolgt wird, dennoch flüssig bleibt, schafft Bendix Fesefeldt einen dramaturgisch cleveren Rahmen, der die technischen und tatsächlichen Spielereien in einen runden Kontext bringt. Kurz vor dem Mord an Zeitungsmogul Schön steht sich allerdings eben genau die Innovation selbst im Weg – es wird zu viel Technik und zu wenig Spiel, Handlung und Schauspiel geraten etwas zu sehr in den Hintergrund. Das spricht zwar für die Konsequenz, doch Lulu selbst ist dafür ein schweres Beispiel – nur einmal schafft sie es strikt, Nein zu sagen, als es um weiteres Leiden geht. Das ist dann aber auch der Finalpunkt des Abends und der Beginn des düstersten Abschnitts von Lulus Leben: der einer Mörderin.

Kritik: Ludwig Stadler