Love, Simon – Filmkritik

(4 / 5)

© 20th Century Fox

 

Regisseur/in: Greg Berlanti

Genre: Drama, Komödie

Produktionsland: USA

Kinostart: 28. Juni 2018

Laufzeit: 1 Std. 50 Min.

 

 

 

Obwohl Gleichberechtigung als alltägliches Plädoyer hoch im Kurs steht, blickt die Kinolandschaft in dieser Hinsicht doch immer noch recht behäbig ‚drein. ‚Queer-Filme‘ beispielsweise bleiben vorerst die Ausnahme und sind meistens ohnehin nicht die prominentesten Studio-Erzeugnisse. Doch mit „Love, Simon“ (unter der Schirmherrschaft von 20th Century Fox) steht nun endlich eine internationale Großproduktion im Haus, bei der die übliche ‚Teenager-Highschool-Dramedy‘ um das ‚Coming-Out‘ eines schwulen Teenagers erweitert wird und der Thematik damit möglicherweise den verdienten Weg in den Mainstream ebnen wird. Dabei macht der Film eigentlich kein großes Aufhebens um die Tatsache, dass sein Protagonist homosexuell ist, in Greg Berlantis neuestem Streich geht es vor allem um eines: „Jeder verdient eine große Liebesgeschichte“. Neben abertausenden Hetero-Romanzen jährlich sollte schließlich auch mal für die Andersdenkenden entgegengesteuert werden. Die freie Buchadaption nach „Simon vs The Homo Sapiens Agenda“ geht dabei sogar noch einen Schritt weiter und stellt die Frage: „Wieso ist hetero eigentlich die Norm?“. Ein nötiger Startschuss in eine hoffentlich ausgeglichenere Leinwand-Zukunft.

Der 17-jährige Simon (Nick Robinson) ist schwul und hat es bisher noch nicht fertig gebracht, sich gegenüber seinen Freunden Leah (Katherine Langford), Abby (Alexandra Shipp) und Nick (Jorge Lendenborg Jr.) sowie seinen Eltern Jack (Josh Duhamel) und Emily (Jennifer Garner) zu outen. Als eines Tages ein anonymer Schulkamerad online von seiner geheimen Homosexualität berichtet, nimmt Simon mit ihm E-Mail-Kontakt auf. Schnell entwickelt sich eine Art Brieffreundschaft zwischen Simon (der sich als ‚Jacque‘ ausgibt) und dem geheimnisvollen ‚Blue‘. Beide können sich das erste Mal so richtig öffnen und beginnen sich ineinander zu verlieben, zunächst ohne überhaupt ihre wahre Identität preiszugeben. Als jedoch der Klassenclown Martin (Logan Miller) zufällig von diesem Geheimnis erfährt, droht er Simon unfreiwillig zu outen, sollte er ihm nicht dabei helfen, Simons Freundin Abby für ihn klarzumachen…

© 20th Century Fox

Der Einstieg ist schnurstracks vollzogen und macht keine großen Faxen um das Setting des Films. Durch das ‚Over-Voice‘ von Simon und einer belebten Montage lernen wir sein eigentlich normales, ja beinahe schon viel zu perfektes Leben inklusive Bilderbuch-Familie und einem engen Freundeskreis kennen. Dass er in einem so aufgeschlossenem Umfeld überhaupt eine derart große Scheu hegt, sein Geheimnis zu dekuvrieren, wirkt zunächst beinahe unverständlich – als der Vater dann bei einer Casting-Show jedoch unfreiwillig homophobe Plappereien von sich gibt und man mitbekommt, wie ein schwuler Schulkamerad an der Schule gemobbt wird, haben sich diese Gedanken schnell wieder gelegt. Obwohl Simons Familie großen Zusammenhalt genießt, wirken einige Aspekte irgendwie verdreht. So müssen der kantige ‚Quarterback‘-Dad und seine hübsche Frau ihre Kinder dazu überreden, beim gemeinsamen Filmabend doch auch einmal etwas anzusehen, wo „zwei Menschen Liebe machen“ – „was ist schon dabei“, meint die Mutter. Im Endeffekt ist Simons Geschichte aber auch einfach die eines normalen Teenagers, dessen Eltern eben manchmal peinlich sind, der sich auf Hauspartys abknallt, die Nachwehen der Pubertät noch nicht ganz überstanden hat und genauso ein verschmitztes Lächeln abgibt, wenn er seinen neuesten Schwarm betrachtet.

© 20th Century Fox

Die Dramedy trifft eigentlich immer den richtigen Ton zwischen emotionaler Fallhöhe und unverklemmtem Humor. Der witzige Tony Hale beispielsweise mimt als Ko-Direktor Mr. Worth eine Autoritätsperson irgendwo zwischen einschleimendem Möchtgern-Hipster und extrovertiertem Sympathieträger, den man sehr schnell ins Herz schließen kann. Doch gerade die besondere Inszenierung zeugt von liebevollem Einfallsreichtum. So wird der geheimnisvolle ‚Blue‘ immer von anderen Darstellern verkörpert – eben derjenige, für den Simon ihn gerade hält. Spritzig humoristische Rückblenden des verpickelten Protagonisten während der Pubertät und eine grandios choreografierte Tanzsequenz, in der sich Simon vorstellt, wie er sich outen würde, rahmen das Geschehen kongenial ein und lassen nicht nur einmal regelrechte Glücksgefühle entstehen. „Love, Simon“ ist herzerwärmend und unendlich unterhaltsam – der fantastische musikalische Beitrag von Rob Simonsen fängt diese Stimmung mit minimalistischen Synthesizer-Wellen, man fühlt sich zu Zeiten stark an „San Junipero“ erinnert, perfekt ein.

© 20th Century Fox

Man sollte definitiv auf ein wenig Gefühlsduselei stehen – für alle anderen könnte der Kitsch etwas zu sehr triefen. Gerade gegen Ende überlagern sich die pathetischen Klischees und Sätze wie „für mich wirst du immer der Gleiche bleiben“ fallen nicht nur einmal. Aber vielleicht gehört das nun einmal dazu. „Love, Simon“ hat schließlich eine bezaubernde Botschaft und steuert mit seiner Geschichte zielgerichtet auf ein äußerst herzliches Finale zu: Spätestens mit der poetischen Riesenradszene, die durchaus Kult-Potential versprüht, dürften die meisten Herzen geöffnet worden sein. Natürlich ist dies auch den hervorragenden Jung-Darstellern geschuldet, welche eine traumhafte Leichtigkeit und lebensbejahende Aura versprühen und dabei stets höchst authentisch bleiben. Und Nick Robinson zeigt einmal mehr, welche schauspielerische Bandbreite er eigentlich aufzuweisen hat. Ein von vorne bis hinten durchaus professionelles und leidenschaftliches Leinwand-Projekt, dass zwar auf kinematografischer Ebene gewiss keine Revolution hervorrufen wird, vielleicht doch aber auf thematischer – und viel mehr möchte dieser charmante Streifen doch auch gar nicht.

Fazit: Mit „Love, Simon“ finden wir einen dieser lange überfälligen Filme vor, die eine zu unrecht für selbstverständlich geglaubte Thematik auf bezaubernde Weise interpretieren: „Wieso hat nicht jeder das selbe Recht auf uneingeschränkte und offene Liebe?“. Aber vor allem: „Wieso gibt es den schwerfälligen Prozess des großen ‚Coming-Out‘ als Homosexueller überhaupt noch?“. Das Werk fühlt sich dabei überaus erhaben an, wie schon immer dagewesen – wie ein ganz alter Bekannter, dessen Namen und Gesicht man vergessen hat, ihn aber insgeheim die ganze Zeit über vermisst hat. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass dieser besondere Film noch ein langes Echo verursachen dürfte und eines Tages vielleicht sogar das Prädikat ‚Kult-Status‘ erhalten könnte.

(4 / 5)