Hier wo mein Wähnen Frieden fand – „Lohengrin“ in der Staatsoper (Kritik)

Das Nationaltheater ist ausverkauft. Richtet man einen Blick auf den Spielplan, was die Bayerische Staatsoper hier an diesem Donnerstag, 21. November 2019, dem freudig erwartenden Opernpublikum präsentiert, ist dies auch wenig verwunderlich: „Lohengrin“ von Richard Wagner. Auch wenn die Inszenierung mittlerweile vor einem Jahrzehnt Premiere feierte und man das Werk, zudem an Wagners Wirkungsstätte München, wohl schon unzählige Male sah – das Interesse ist ungebrochen. Liegt es am Libretto, der Musik, der Besetzung? Letztendlich: an allem.

© Wilfried Hösl

Allein die Besetzung liest sich wie ein Best-Of der Münchner Dauergäste, setzt man auf stimmstarke Wagner-Opern: Klaus Florian Vogt in der Titelpartie, dieses Mal Lohengrin, Anja Harteros in der weiblichen Hauptrolle, dieses Mal Elsa von Brabant, und Wolfang Koch als der Bariton der Oper, hierbei in Form des durchtriebenen Friedrich von Telramund. Was sich zwar hochkarätig, aber auch etwas einfallslos liest, erweist sich aber als absoluter Garant für die gelungene Aufführung, denn Wagner lebt von zwei großen Punkten: ein kongeniales Orchester, was das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Lothar Koenigs absolut erfüllt, und großen, von Gefühlen übermannten Stimmen. Nach Bayreuth muss man dafür wahrlich nicht fahren, um genau das zu erfahren – in der Staatsoper ist man dafür absolut richtig.

Dabei hält sich die Inszenierung von Richard Jones angenehm zurück, durchzieht einen roten Faden, indem die Charaktere ein Haus bauen, das immer wohnlicher und schlussendlich fertig ist. „Hier wo mein Wähnen Frieden fand – Wahnfried – sei dieses Haus von mir benannt“, steht da im Blumenbeet vor dem Eigenheim – ebendiesen Spruch, den Wagner vor seinem Haus in Bayreuth ebenso eingravieren lies. Über das Glück von Lohengrin und Elsa wabert aber ein Schatten – der Schatten der Identitätslosigkeit. Kann Elsa wirklich mit dem Mann zusammenleben, der sie zwar gerettet hat, aber von dem sie nicht weiß, wer er ist und wie er heißt? Die Antwort ist fast klar, sonst wäre die Dramaturgie über dreieinhalb Stunden niemals aufrecht zu erhalten: nein, kann sie nicht. Das Haus bricht weg, die Brücke als Symbol des bedingungslosen Vertrauens verschwindet – alles auf Anfang. „In fernem Land“, die Gralserzählung, gibt Vogt an diesem Abend herausragend. Im späteren Applaus zeigt sich das in frenetischem Jubel seitens des Publikums, auch für Harteros, Koch und die in beachtliche Höhen gehende Karita Mattila als Ortrud – und das mit 59 Jahren!

© Wilfried Hösl

Der „Lohengrin“ ist ein Flaggschiff der deutschsprachigen Oper, fast ein Monumentalwerk, immer schon gewesen – dementsprechend beeindruckt auch in München der schier endlose Chor und sogar Extrachor der Bayerischen Staatsoper, zusätzlich aufgefüllt mit Personen aus der Statisterie. Sicherlich 150 Personen stehen an diesem Abend auf der Bühne und begeistern mit einer Flut aus Gesangswucht. Sie sind es auch, die in allen Akten ein Gefühl der absoluten Überwältigung übermitteln. Denn auch wenn die Geschichte nicht mehr ganz so zeitgemäß ist, so ist die Musik allemal zeitlos. Und wenn dann das bis zum Rand des Orchestergrabens volle Staatsorchester sich durch Wagners Partie spielt, während der Chor inbrünstig singt und Harteros und Vogt in diesem Stimmschwall sogar noch durchdringen können – kann Musik, kann Oper eigentlich noch mehr als in diesem Moment?

Kritik: Ludwig Stadler