Kitsch, Konfetti und Koloratur – „L’elisir d’amore“ in der Staatsoper (Kritik)

29. September 2020 – die letzte Aufführung des ersten Monats der Wiedereröffnung. Ein wildes Unterfangen in der Bayerischen Staatsoper, denn von der verschobenen Großpremiere mit Marina Abramović bis zur Kapazitätserhöhung auf 500 Plätze war einiges geboten in diesem Start-Monat während der Corona-Pandemie. Neben Wien wagt München als einziges Opernhaus von Weltrang die Wiedereröffnung. Und während die Metropolitan Opera in New York die gesamte Spielzeit absagt, lassen sich Nikolaus Bachler und sein Team alles andere als unterkriegen. Mit Abstand und einem klugen Sicherheitskonzept kann man dann auch erstmals eine Pause mit geöffneter Theatergastronomie wagen, wie nun bei der Saisonpremiere von „L’elisir d’amore“ geschehen.

© Wilfried Hösl

Die Staatsoper ist zudem das einzige Theater in München, das ihre Ensemble-Gruppen der jeweiligen Spielreihen isoliert und fleißig testet, sodass der Betrieb auf der Bühne abstands- und kompromissfrei laufen kann. Ein ungewöhnliches Vorgehen und vor allem bei größeren Produktionen mit unzähligen Chorsänger*innen auch ein überraschendes Bild für das Publikum, das selbst während der Vorstellung und auf Abstand eine Maske tragen muss. Doch die kurze Eingewöhnungszeit vergeht und bietet einen freien Blick auf David Böschs mittlerweile elf Jahre alte Inszenierung, die kein bisschen ihres Glanzes verloren hat. Donizettis Oper ist verträumt, naiv, kitschig, aber auch schlichtweg witzig – allerlei Attribute, die zusammengewürfelt schnell in Klamauk enden. Aber Bösch gelingt es, einerseits starke Bilder auf der Bühne zu erzeugen, beispielsweise mit dem Wagen des Fake-Doktors Dulcamara, aber auch humorvolle und ergreifenden Momente, zumeist immer dann, wenn die beiden Protagonisten Adina und Nemorino zusammen sind.

© Wilfried Hösl

Ein besonders ausschlaggebender Grund für den Besuch der aktuellen Vorstellungsreihe ist Pretty Yende als Adina. Die südafrikanische Sopranistin hat mittlerweile den Rang eines Geheimtipps abgelegt und von New York bis Wien schon alles besucht. Auch in München begeisterte sie vergangenes Jahr in „Lucia di Lammermoor“. In Donizettis schmissiger Oper spielt sie mit so einer Freude, dass man automatisch mitlachen, mitleiden und mitschmunzeln muss. Auch ihre feinen Koloraturen und ihr voluminöser Gesang treiben das Publikum zu Szenenapplaus und euphorischem Jubel beim Schlussapplaus. Ähnlich ergeht es Galeano Salas als Nemorino. Vom schüchternen Schwerenöter zum besoffenen Draufgänger darf er die volle Bandbreite der Schauspielkunst abdecken. Noch erfolgreicher ist er allerdings im Gesang, insbesondere bei „Una furtiva lagrima“ im zweiten Akt – das Publikum belohnt ihn mit euphorischem Szenenapplaus. Doch allgemein weiß das Ensemble von Milan Siljanov als Dulcamara bis zu Andrei Zhilikhovsky als maßlos übermaskuliner Belcore vollkommen zu überzeugen. Bravi!

Etwas zögerlich präsentiert sich dagegen das Bayerische Staatsorchester unter Francesco Angelico. Zu zurückhaltend und oft auch zu wenig druckvoll dirigiert er die großen romantischen Melodien Donizettis. Zwar kann das als Kontrast zum verspielten Bühnenbild gesehen werden, dabei braucht es doch genau dafür zur Kompensation den Kitsch. Bösch feuert, wortwörtlich, Funken und Konfetti zum Abschluss in Dauerschleife und macht das Happy End zwischen Adina und Nemorino zur wahren Karnevalsfeier – da braucht es die musikalische Ausgestaltung im Gegenzug umso mehr. Denn Kitsch mag nicht das feinsinnigste Erzählmittel sein und erst recht nicht immer passend, aber ohne den Kitsch und ohne Romantik wäre die Oper viel zu oft nur eine leere Hülse. An die Wirkung muss man glauben können – dann erfüllt sie sich von ganz allein.

Kritik: Ludwig Stadler