(Anti-)Heldenhafte Liebe – „La fanciulla del West“ in der Staatsoper (Kritik)

Jahrzehnte ist es her, dass Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“ zuletzt an der Bayerischen Staatsoper aufgeführt wurde. Obwohl andere Werke von ihm, seien es „Tosca“, „Madame Butterfly“ oder „Turandot“, bereits diese und auch viele andere Spielzeiten auf dem Plan stehen, hat es sein Werk über die amerikanische Goldgräber-Zeit irgendwie nie so richtig häufig auf die Bühnen der Welt geschafft. Dass die Musik es aber mehr als verdient, beweist eine jede Aufführung und nicht zuletzt die Neuproduktionenreihe der Staatsoper, der wir beigewohnt haben.

© Wilfried Hösl

Amerika, Zeitalter des Auftriebs, ein italienisches Libretto, das allein durch die Sprache einen anderen Stil verkörpert, dazu die zwar wuchtige, aber dennoch oft bewusst-ergreifende Musik Puccinis – viele Paradoxa, die man zusammenbringen muss, was so einfach gar nicht ist, wie es sich herausstellt. Regisseur Andreas Dresen, sonst eher im Film-Jargon tätig, macht genau das, was er am besten kann: er inszeniert es als modernen Western, mit Anleihen an den angedachten Zeitraum, aber auch deutlich in Form der Moderne, mit Armbanduhren und zeitgemäßen Kostümen. Dennoch bleibt Jack Rance der ruppige Sheriff, Dick Johnson die mysteriös-attraktive Westerngestalt und Minnie die primitiv-naive Kellnerin, deren Leben nur für die Hilfe der Anderen draufging. Sonderliche Tiefe bekommen die Figuren nicht – aber das brauchen sie auch nicht. Es ist ein Leinwandgeschehen, das nicht greifbar wird – wie ein Film.

© Wilfried Hösl

Was mehr als greifbar wird, ist die Musik. Das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von James Gaffigan spielt sich durch die Höhen und Tiefen der Emotionen der Protagonisten, die, wie hätte man es von Puccini anders erwartet, exakt in der Musik wiedergegeben werden. Manchmal wird Gaffigan fast etwas zu übermütig und erdrückt die Gesangsfront fast mit der Musik – nicht alle Stimmen schaffen es, gegen die Klangwand zu siegen. Das Trio um Anja Kampe als Minnie, Brandon Jovanovich als Dick Johnson und John Lundgren als Jack Rance gelingt das schier problemlos, selbst wenn manche Passagen sich in abenteuerliche Höhen begeben. Jovanovich meistert es mit Anstrengung, Kampe mit Leichtigkeit, Lundgrens Bariton ist zweifelsohne eine unbestrittene Macht, auch als Rance. Der Kampf um Minnies Gunst lässt die Helden zu Antihelden verkommen, die scheinbaren Bösewichte schnell zu den eigentlichen Guten – ein weiterer Twist, der nur für eine Inszenierung von Dresen gemacht ist.

© Wilfried Hösl

Der erste Akt ist im Verhältnis fast etwas zu lang geraten, vergleicht man es vor allem mit dem etwas zu flottem dritten Akt. Mit dem Ende gelingt Dresen allerdings ein Geniestreich: Minnie und Johnson stehen Hand in Hand vor dem Publikum, singen ihre letzten Worte, dahinter Rance, der seine Waffe lädt. Vor dem großen Knall – geht die schwarze Leinwand herunter. Minnie und Johnson alleine im Spotlight. Konnten Sie fliehen? Wurden Sie von Rance umgebracht? Hat sich die Position des Helden final gedreht? Es bleibt offen. Und gibt zurecht großen Applaus. Eine detailreiche Handlung, ein kurzweiliger Opernabend.

Kritik: Ludwig Stadler
Besuchte Vorstellung: 26. März 2019