Life Is A Cabaret – „Ladies sing Gentleman – Guys sing Dolls“ (Konzertbericht)

Hätte man zum Format „Ladies sing Gentleman – Guys sing Dolls“ zu normalen Zeiten eine Tournee angekündigt, die Konzerte wären wohl rasend schnell ausverkauft gewesen. Aber auch so eignet sich die zwar nicht neue, aber lange noch nicht ausgereizte Idee des musikalischen Rollentauschs für einen gelungenen Konzertabend. Die Zeiten stehen weiterhin auf Pandemie, weshalb dieses Format von Sound Of Music Concerts als Streaming-Konzert im Lokschuppen Bielefeld realisiert wurde. Die Besetzung in jedem Fall kann sich mehr als sehen lassen: Mark Seibert, Sabrina Weckerlin, Jan Ammann, Roberta Valentini, Kevin Tarte, Maya Hakvoort, Andreas Bieber und Milan van Waardenburg. Wie es beim Live-Event am Ostersamstag, 3. April 2021, war, sagen wir euch im Folgenden.

Ein weiblicher Krolock? Elisabeth mit männlicher Stimme? Reizvoll ist die Idee allemal, wohl nicht nur für unzählige Streaming-Zuschauer:innen, die sich mit dem Kauf eines Tickets auch noch gleich eine exklusive CD vom Konzert gesichert haben, sondern auch für Darsteller:innen selbst, denn wenn man wohl schon alle Songs im eigenen Fach irgendwann mal gesungen hat – die Dauerbrenner des anderen Geschlechts dürften da wohl selten dabei gewesen sein. Die Zeichen stehen also bestens, als pünktlich um 19:45 Uhr das Dreier-Frauen-Gespann aus Weckerlin, Valentini und Hakvoort den Abend mit „Die drei Musketiere“ eröffnen, gefolgt von Hakvoorts Solo „Dies ist die Stunde“. Der erste ungewöhnliche Hinhörer des Abends, denn dieses Lied verbindet man doch eher mit dem ebenfalls mitwirkenden Jan Ammann, der es oft in Konzerten zum Besten gibt.

Die Moderation übernehmen Andreas Bieber und Mark Seibert, die immer mal wieder kurze Auflockerungen und Anekdoten einwerfen, um den sonst prall gefüllten Liederabend in einen Rahmen zu gießen. Denn ungewöhnlich ist es durchaus, wenn nach jedem Lied die Sänger:innen einfach wieder von der Bildfläche verschwinden, ohne dass auch nur ein Klatscher erklingt. Nach hohen, komplizierten oder eindrucksvollen Tönen und Performances möchte man lautstark applaudieren – aber wem applaudiert man denn im Heimischen zu? Dem Fernseher? Ungewöhnlich bleibt es dann doch, dieses Streaming-Format. Durch die mittlerweile doch schon gesammelte Erfahrung funktionieren aber sowohl die Anmeldung als auch Bild und Ton reibungslos, bis zum Schluss gibt es keine Probleme, die man bemerkt haben könnte. Chapeau und Hut ab für diese runde Sache!

Besonders musikalisch gestaltet sich der Abend aber spannend. Das Programm liest sich wie ein Best-Of mit Fokus auf die deutschsprachigen Dauerbrenner: „Elisabeth“, „Mozart“, „Rebecca“ und „Die Päpstin“ – kein Wunder, denn genau diese mittlerweile zu Hits gewordenen Nummern sind es, die gespannt zum Ticketkauf lockten. Und durchaus: manche Interpretationen sind absolut überwältigend. Sabrina Weckerlins „Die unstillbare Gier“ sprüht nur so vor Energie, Kevin Tarte als Päpstin füllt das „Einsame Gewand“ mit Wucht in der Stimme würdig aus. Besonders beeindruckend auch: „Bring ihn heim“ aus dem Musical „Les Miserables“. Durch die sowas schon sehr hohen Töne eignet sich das Lied sogar recht gut für eine weibliche Stimme – Maya Hakvoort gibt dem noch einmal eine eigene Note und begeistert auf voller Linie. Doch selbst wenn die gesanglichen Performances durchgehend großartig sind – manche Lieder wie „Let It Go“, „Gethsemane“ und „Ich gehör nur mir“ sind doch mit Stimmen des angedachten Geschlechts wirkungsvoller. Ein Experiment kann ja auch nicht immer zünden.

Für die stärksten Auftritte des Abends sorgt in jedem Fall Roberta Valentini. Natürlich hat sie mit Nummern aus „Mozart“, „Ludwig2“ und „Elisabeth“ auch einfach eine spannende Basis, aber mit ihrer sowieso grandiosen Stimme geht sie bei „Warum kannst du mich nicht lieben“ bis ans stimmliche Limit, sodass man wahrlich nur noch mit offenem Mund vor dem Bildschirm sitzt. Auch ihre soulig-wilde Version von „Der letzte Tanz“ reißt vom Sofa und wäre ein Garant für Standing Ovations – auch so bleibt die Hoffnung, genau diese Lieder einmal tatsächlich live vor Ort erleben zu dürfen. Die Schlussnummer um 22 Uhr ist weise gewählt: „You Will Be Found“ aus dem Broadway-Riesenerfolg „Dear Evan Hansen“, einem in Deutschland immer noch viel zu unbekanntem Musical mit fantastischer Musik. Das dürfte sich zwar mit dem im September kommenden Kinofilm ändern – aber auch in Form eines so groß angelegten Konzerts ein wunderbarer Hinweis, dass Musical nicht nur aus Vergangenheit besteht, sondern auch in Zukunft glänzen wird. Ein grandioses Konzert mit ikonischen Liedern einmal anders von starken Stimmen. Das einzige Manko ist wohl nur, dass man dieses Konzert nicht im Konzertsaal selbst erleben durfte.

Das Konzert „Ladies sing Gentleman – Guys sing Dolls“ kann man sich noch am kommenden Samstag, 10. April und Sonntag, 11. April, den gesamten Tag als Wiederholungsaufnahme ansehen.

Karten dazu gibt es HIER!

Programm

Akt I

1. Heut ist der Tag (Die drei Musketiere) – Weckerlin, Valentini, Hakvoort
2. Dies ist die Stunde (Jekyll & Hyde) – Hakvoort
3. You’ll Never Walk Alone (Caroussel) – Ammann
4. Life Is A Cabaret (Cabaret) – Bieber
5. Maybe This Time (Cabaret) – Tarte
6. Bring ihn heim (Les Miserables) – Hakvoort
7. Gold von den Sternen (Mozart) – Seibert
8. Irgendwo wird immer getanzt (Mozart) – Waardenburg
9. Warum kannst du mich nicht lieben? (Mozart) – Valentini
10. Don’t Cry For Me Argentina (Evita) – Tarte
11. I Don’t Know How To Love (Jesus Christ Superstar) – Seibert
12. Gethsemane (Jesus Christ Superstar) – Hakvoort
13. For Good (Wicked) – Bieber, Seibert
14. Kalte Sterne (Ludwig2) – Valentini
15. Die unstillbare Gier (Tanz der Vampire) – Weckerlin

Akt II

1. As If We Never Say Goodbye (Sunset Boulevard) – Bieber, Seibert, Ammann, Waardenburg
2. Lieben trotzdem (The Beautiful Game) – Ammann
3. Erinnerung (Cats) – Waardenburg
4. Einsames Gewand (Die Päpstin) – Tarte
5. Ein Traum ohne Anfang und Ende (Die Päpstin) – Weckerlin
6. Das bin ich (Die Päpstin) – Seibert
7. Rebecca (Rebecca) – Ammann, Waardenburg
8. Der letzte Tanz (Elisabeth) – Valentini
9. Die Schatten werden länger (Elisabeth) – Valentini, Weckerlin
10. Ich gehör nur mir (Elisabeth) – Bieber
11. Let It Go (Die Eiskönigin) – Waardenburg
12. Draußen (Der Glöckner von Notre Dame) – Valentini, Hakvoort
13. Never Enough (The Greatest Showman) – Bieber
14. You Will Be Found (Dear Evan Hansen) – Alle

Bericht: Ludwig Stadler