„Please give me much more bass here“ – Kinga Glyk im Prinzregententheater (Kritik)

Samstag, 18. Januar 2020. Es ist kurz vor halb zehn abends und auf der Bühne des stattlichen Münchner Prinzregententheaters sitzt nur eine junge Frau im Schneidersitz mit ihrem Fender Jazzbass. Kinga Glyk, erst 22 Jahre jung und schon ein Star am europäischen Jazz-Himmel, spielt als letzte Zugabe ihren großen Internet-Hit: Über 25 Millionen Menschen haben sich die Bass-Solo-Version von Eric Claptons Tears in Heaven bereits angehört. Das knapp drei Jahre alte Video reicht nicht an die Performance heran, die sie an diesem Abend liefert: sie fügt dem Stück zahlreiche freie Melodien hinzu, rast durch atemberaubende Läufe, verändert die Harmonien, variiert Rhythmik, Geschwindigkeit und das alles mit einer Leichtigkeit, die man dem Instrument Bass gar nicht zutrauen möchte. Danach steht sie auf, nach knapp 90 Minuten Konzertzeit. Der Applaus ist schallend, aber das heller werdende Raumlicht signalisiert, dass es keine dritte Zugabe geben wird. Mit einer Verbeugung und einem zufriedenen und echten breiten Grinsen verlässt sie schließlich die Bühne.

Doch einen Schritt zurück. Um knapp 20 Uhr ist das Prinzregententheater zwar nicht ausverkauft, aber dennoch sehr gut besucht. Das Publikum ist wider Erwarten erstaunlich alt, bedenkt man, dass Kinga Glyk auch eine junge Generation von Musikaffinen anspricht, die Generation von Snarky Puppy oder Jacob Collier. Grund dafür könnte allerdings der (bedingt u.a. durch die Location) vergleichsweise hohe Eintrittspreis sein. Zuerst betreten ihre drei Mitmusiker die Bühne: am Schlagzeug der virtuose Yoran Vroom, an zwei Synthesizern der Tastenspieler Arek Grygo und an einem Aufbau aus Nord Piano/Orgel, Synthie und Laptop/Sampler Glyks Produzent Pawel Tomaszewski. Kurz darauf Kinga in einem silbernen, hautengen 70er-Jahre-Glitzeranzug, auf dem Kopf ein schwarzer Hut mit breiter Krempe, sozusagen ihr modisches Markenzeichen. Ein wenig schade, dass die Mitmusiker alle sehr modern und leger angezogen sind. Man hätte hier Zeichen setzen und das Aufgreifen von musikalischen Elementen der 70er- und 80er-Jahre auch auf die Optik übertragen können, wie es die Bassistin eindeutig versucht.

Als erstes gibt man das Stück 5 Cookies, eine Funk-Nummer mit elektronischen Elementen vom aktuellen Album Feelings. Die Musiker spielen sich routiniert durch die Stücke. Dennoch sind die Soli stets lustvoll, abwechslungsreich und authentisch. Ansagen macht Glyk in gebrochenem Englisch, was ihrem Auftreten einen gewissen Charme verleiht, der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass es eindeutig nicht ihre Stimme ist, mit der sie zum Publikum sprechen möchte. Das Instrument sei ihre Stimme, ihr Weg, sich auszudrücken, wie sie es bereits mehrfach in Interviews formuliert hat. So schafft sie es zwar, ihre Freude über das stimmungsvolle Konzert auszudrücken, wirkt jedoch etwas unbeholfen, wenn sie allgemeingültige Aussagen trifft wie „we are all family – let’s be nice and have good relationships to stage and each other“ oder „always share enough time with family and friends„. Mag hinter diesen Worten auch Tiefgründigeres stecken, so tut sie sich doch schwer, das dem Publikum zu verkaufen. Besser gelingen ihr konstruierte Mitsing-Parts. Beispielsweise lässt sie die Zuschauer auf den Refrain ihres bekannten Covers des Songs Mercy (von der walisischen Sängerin Duffy) folgende Zeilen mitsingen: „Please give me give me much more bass here / please give me much more bass / give me much mo-o-o-o-o-ore bass„. Obwohl zu Beginn etwas zögerlich, steigt das Münchner Publikum schließlich doch mit ein. Auch wenn man sich kaum über die kunstfertigen Bassläufe zu singen traut, die sie in den Song einflechtet. Abwechselnd lässt sie in gelernter Show-Manier Männer und Frauen singen, das übliche Programm.

Auch ihre Mitstreiter sind exzellente Musiker. Schlagzeuger Vroom spielt in seinen Solo-Parts überraschend laut, voll und virtuos schnell. Trotz moderner Elemente kann er eine Verwurzelung im Jazz dabei nicht verstecken. Zum Teil benutzt er seine Hände und Variationen verschiedener Sticks, um seinem Spiel neuen Charakter zu verleihen. Grygos Wahl fällt in Soli stets auf Synthesizer-Lead-Sounds. Ansonsten ist er eher zuständig für hintergründige Flächen aus Synth-Pads oder sanfte Rhode-Sounds. Tomaszewski dagegen bedient nicht nur moderne Fusion-Synth-Stilistik, sondern spielt sich vor allem gekonnt durch vortreffliche Jazz-Piano-Parts und gelungene Orgelsektionen. Eine Ballade von Kinga Glyk klinge wie ein Weihnachtslied, merkt diese selbst einmal im Konzert an. Ihr Produzent sorgt für Lacher im Publikum, als er in sein Ambient-Piano-Spiel kurz die Melodie von Jingle Bells integriert. Kinga Glyks Bruder Patryk Glyk ist für den Tonmix verantwortlich. Schon seit Jahren spielt die Familie für die junge Musikerin auch in ihrem Schaffen eine entscheidende Rolle. Sehr häufig wurde sie zuvor schon auf der Bühne von ihrem Vater Irek Glyk begleitet, bei dem es sich um einen hervorragenden Jazz-Schlagwerker handelt. Er ist für sie bis heute ein wichtiger Berater und Förderer ihrer Kunst. An diesem Abend schmeißt er jedoch den Merchandise-Stand, an dem er schon bereit steht, als die Massen nach dem Konzert aus dem Saal strömen.

Zwei Zugaben hat das Publikum bekommen, die erste schon nach nur 75 Minuten Spielzeit. Dabei hat sie das erste und einzige Mal im Konzert ihren akustischen Bass in der Hand, der durch seine Größe schon zuvor auf dem Ständer aufgefallen ist. Das Schalloch ist zugeklebt mit Papier oder Folie, vermutlich – pragmatisch – zur Vermeidung von Rückkopplungen. Die Mitmusiker verabschieden sich danach, Kinga kommt nochmals alleine zurück, um atmosphärisch und virtuos ihr Tears in Heaven zum Besten zu geben. Am Merchandise-Stand taucht sie erstaunlich bald auf, noch im Bühnenoutfit, diesmal allerdings ohne Bass. Jeder solle vorbeikommen, sie freue sich ehrlich über jeden Fan, den sie nach dem Konzert treffen könne. Das ist authentisch, das ist ehrlich und das glauben wir ihr – und wünschen Kinga für ihre Karriere, die gerade volle Fahrt aufnimmt, auch weiterhin viel Glück.

Kritik: Thomas Steinbrunner