Uniformität 360° – Kibbutz Contemporary Dance Company in der Muffathalle (Kritik)


Beim Think Big Festival für jungen Tanz werden hochrangige internationale Gäste aufstrebender Kompanien geladen. Nach Leipzig und Stuttgart wurde 360° von Rami Be’er nun auch in der Muffathalle zu München aufgeführt. Und das gleich zweimal: um 11 Uhr in der Früh und um 20 Uhr abends am Freitag, 13. Juli 2018. Nach dem Applaus bleibt einem nur das Staunen, darüber wie die Tänzer der Kibbutz Contemporary Dance Company nach zwei so anstrengenden Shows bei der After Show Party noch nach Tipps für Münchner Clubs fragen können. Doch von Anfang an:
Der Name des Stücks spiegelt sich schon in der Sitzordnung, denn um den weißen Tanzboden sind an allen vier Seiten zwei Stuhlreihen aufgestellt. Hier sei angemerkt, dass die zweite Reihe auch alles hätte gut überblicken können, hätte sie nur ein paar Zentimeter höher gesessen. Zwischen den Stühlen finden sich kleine Podeste, auf denen die Tänzer, umgeben von Zuschauern, im Läufe der Performance immer wieder Platz nehmen. Die Tänzer also mitten unter uns? Wir als Teil von ihnen? DressCode des 50-Minuten-Powerworkouts war ein einheitliches Kostüm: gestreifte Hemden und schwarze Anzughosen. Ein Businesslook, möchte man meinen. Dennoch locker, denn die Ärmel enden an den Ellenbogen, die Hosen auf Wadenhöhe. Doch eher eine Schuluniform? Die neun Tänzer treten teilweise gemeinsam, teilweise in Gruppen oder Paaren auf.
Eines der wichtigsten Mittel im Tanz ist Synchronität, diese erinnert jedoch in der Gleichartigkeit, mit der die Tänzer Hände und Füße vom Körper strecken, auch an eine Maschinerie. Vielleicht an das System der Geschäftswelt, in der Anzugträger kleine Rädchen eines großen Systems sind? Und doch fallen immer wieder Tänzer aus der Reihe, gehen eigenen Interpretationen nach, setzen sich, um einer neu zusammen gewürfelten Gruppe Platz zu machen. Setzen sich zwischen die Zuschauer und werden damit Teil des Publikums, das auf der Bühne seine eigene Geschichte beobachtet – jeder die, die er hinein interpretiert, wenn gleich alle dasselbe sehen. Kollektiv und Individuum sind dominante Themen des Abends, auf die man aber nie mit der Nase gestoßen wird, die immer nur anklingen. Ein wichtiger Aspekt ist die Einbeziehung des Publikums. Einige Zuschauer werden auf den Tanzboden geholt und die Tänzer versuchen sie einzubinden, in ihren Plan von Bewegung. Und wieder: Alle machen das Gleiche, doch jeder tut es etwas anders und alle empfinden es verschieden.
Im weiteren Verlauf wird das ganze Publikum zum Aufstehen und Armschwenken animiert. „So fühlt es sich also an, diese Bewegung auszuführen“, mit diesem Moment werden Tänzer und Publikum geeint, wenngleich die Trennung zwischen „ihnen“, den Tänzern, und „uns“, dem Publikum, bestehen bleibt.
Auffällig ist an dem Abend vor allem die Geschwindigkeit. Der Rhythmus der Inszenierung ist ein sehr schneller, schaut man nur einen Moment nicht hin, ist mach sich sicher, etwas verpasst zu haben. Die Dramaturgie heißt Hektik. Es gibt kaum einen Moment der Ruhe. So wird die Spannung durchgehend aufrecht erhalten. Da die Körpersprache so groß und schnell ist, kann den kleinen, filigranen Fingerbewegungen, die das Stück ebenfalls zu bieten hat, nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dennoch: Die Ausführung der Choreographie ist großartig, die Tänzer voller Energie. Jeder schafft es einen eigenen Stil beizubehalten und dennoch als Teil der Gruppe zu fungieren.

Be’er baut viele verspielte Elemente ein, teilweise semiotische Aspekte, wie übertriebene Emotionen: Kichern, Weinen, Husten. Ein kleines bisschen wird hier von den Tänzern Overacting betrieben. Oder ist das Absicht? Als sich von neun Tänzern acht zu Boden legen und nur einer auf zwei Füßen bleibt, entsteht eine Art spannungsvolle Komposition. Da kann sich die junge Kompanie ruhig noch mehr trauen, anstatt das meiste auf zwei Beinen zu tanzen. In der Musik finden sich collagenartig viele Elemente, grundsätzlich ist sie ein klein wenig zu laut. Doch was gespielt wird, passt hervorragend zum gezeigten Tanz. Einmal dreht sich der Songtext um Clowns, da kommt die Frage auf, ob nicht alles, was man gerade sieht, nur gespielt ist. Tänzer und Clowns, Businesspeople als Marionetten? Tänzer im Anzug. Tragen doch Clowns Masken und sind Meister des Verstellens.

Nach diesem kurzen Abend schwirrt der Kopf, weil es so viel zu sehen und zu denken gibt. Diese assoziative Auseinandersetzung ist eine sehenswerte Arbeit, die zeigt, was die jungen Tänzer zu bieten haben. Sie fordert das Publikum in seiner Sehgewohnheit und zwingt es, nicht immer alles verstehen zu wollen, sondern sich auch einmal auf eine knappe Stunde geballter Inspiration und Energie einzulassen.

Kritik: Jana Taendler